Balanceakt für die Autoindustrie

Der lange Weg zur digitalen Souveränität

Mit einer neuen Private Cloud hat Volkswagen ein Zeichen für mehr digitale Souveränität gesetzt. Doch der Schritt steht für einen größeren Branchentrend: Die Industrie sucht nach mehr Kontrolle über Daten und kritische Anwendungen, ohne auf die Innovationskraft der US-Hyperscaler zu verzichten.

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Hauke Stars spricht auf einer Bühne vor einem Volkswagen-SUV und dem Schriftzug
Volkswagens IT-Vorständin Hauke Stars will mehr digitale Resilienz erreichen - uns setzt dafür auf mehr lokale Recheninfrastruktur.

Als Volkswagen Mitte Juni ankündigte, zentrale Anwendungen in eine neue konzernweite Private Cloud von T-Systems zu verlagern, markierte dies weit mehr als nur eine technokratische Entscheidung für eine neue Recheninfrastruktur. Sie steht sinnbildlich für eine neue Unabhängigkeitsbewegung in der europäischen Industrielandschaft: Immer mehr Unternehmen wollen sich nicht einzig und allein auf die US-Hyperscaler um Microsoft, AWS und Co. verlassen und suchen daher vermehrt nach näherliegenden Alternativen. Es geht um mehr Kontrolle über die eigenen Daten, Infrastrukturen und geschäftskritische Anwendungen – allerdings ohne dabei bestehende Multi-Cloud-Strategien gänzlich über Bord zu werfen.

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Tatsächlich kommt die Entscheidung der Wolfsburger in einer Phase, in der sich die Bedeutung von Cloud-Infrastrukturen grundlegend verändert. Der Weg in Cloud ist längst nicht mehr nur ein Kosten- oder Effizienzthema, wichtiger werden Fragen rund um Resilienz, Datensouveränität und strategischen Handlungsfähigkeit. Cloud-Migration ist heute auch ein Stück weit Geopolitik. Volkswagen betont deshalb ausdrücklich, dass die neue „Group Private Cloud 2.0“ kein Abschottungsprojekt sei. Vielmehr soll sie bestehende Partnerschaften ergänzen. Public-Cloud-Dienste wie AWS bleiben weiterhin zentrale Bausteine der Konzernstrategie, etwa für die Digitale Produktionsplattform und datenintensive KI-Anwendungen. Gleichzeitig sollen besonders sensible Anwendungen künftig verstärkt innerhalb einer kontrollierbaren europäischen Infrastruktur betrieben werden.

IT-Vorständin Hauke Stars ordnete die Initiative entsprechend ein: „Wir stärken unsere digitale Resilienz mit einer klugen Kombination aus Technologiepartnerschaften, europäischen Initiativen und starker eigener Infrastruktur.“ Der Ansatz zeigt, wie sich digitale Souveränität derzeit in der Industrie etabliert: nicht als Autarkie, sondern als bewusste Erweiterung der eigenen Handlungsoptionen.

Strategisches Dilemma?

Dass Volkswagen mit dieser Sichtweise nicht allein dasteht, zeigen Zahlen des Digitalverbands Bitkom. Demnach halten inzwischen 85 Prozent der Unternehmen Deutschland für zu abhängig von Cloud-Anbietern aus den USA. Gleichzeitig nutzen 71 Prozent der Unternehmen weiterhin entsprechende Angebote. Die Zahlen illustrieren einen bemerkenswerten Zielkonflikt. Die Bedeutung der Hyperscaler für die Digitalisierung ist unbestritten. Gleichzeitig wächst das Unbehagen über die daraus entstandenen Abhängigkeiten. „Unternehmen werden sich ihrer technologischen Abhängigkeiten deutlich bewusster und legen zunehmend Wert auf Handlungsfähigkeit und Wahlmöglichkeiten“, sagt Florian Bayer, Leiter Digitales Marketing & Vertrieb beim Bitkom. Für Bayer geht es dabei ausdrücklich nicht um Abschottung: „Digitale Souveränität bedeutet Selbstbestimmung und eigenständige Handlungsfähigkeit, nicht Autarkie.“

Diese Definition dürfte für die aktuelle Debatte entscheidend sein. Denn kaum ein Unternehmen plant, internationale Cloud-Anbieter vollständig zu ersetzen. Vielmehr suchen CIOs nach Wegen, kritische Daten und Anwendungen stärker unter eigener Kontrolle zu halten, ohne auf die Innovationskraft globaler Plattformen verzichten zu müssen.

Digitale Souveränität bedeutet Selbstbestimmung und eigenständige Handlungsfähigkeit, nicht Autarkie

Florian Bayer, Bitkom

Datenkontrolle als Wettbewerbsfaktor

Zusätzliche Dynamik erhält die Diskussion durch den rasanten Ausbau von KI-Anwendungen. Die Automobilindustrie investiert derzeit Milliardenbeträge in künstliche Intelligenz. Die Einsatzfelder reichen von der Fahrzeugentwicklung über Simulationen und Software Engineering bis hin zu datengetriebenen Produktionssystemen. Volkswagen allein plant bis 2030 Investitionen von bis zu einer Milliarde Euro in KI-Anwendungen und die dafür notwendige Infrastruktur. Mit der zunehmenden Nutzung von KI steigt zugleich die Bedeutung der zugrunde liegenden Datenbestände. Trainingsdaten, Entwicklungsinformationen oder Produktionsdaten zählen mittlerweile zu den wertvollsten Vermögenswerten der Branche.

Damit verändert sich auch die Perspektive auf Cloud-Infrastrukturen. Unternehmen fragen nicht mehr nur nach Kosten, Skalierbarkeit oder Verfügbarkeit. Sie wollen wissen, wo Daten gespeichert werden, wer darauf zugreifen kann und welche regulatorischen Rahmenbedingungen gelten.

Europäische Alternativen vorhanden?

Der Wunsch nach mehr Souveränität schlägt sich zunehmend auch in konkreten Investitionen nieder. Laut Bitkom würden 91 Prozent der Unternehmen deutsche Cloud-Anbieter bevorzugen. Gleichzeitig wünschen sich 80 Prozent den Aufbau leistungsfähiger europäischer Hyperscaler.

Die Realität ist allerdings komplexer. 43 Prozent der Unternehmen geben an, derzeit keine gleichwertige europäische Alternative für ihre technologischen Anforderungen zu sehen. Gerade bei KI-Services, Plattformdiensten oder Entwickler-Ökosystemen verfügen die großen US-Anbieter weiterhin über erhebliche Vorteile.

Dennoch entstehen neue Angebote. So kooperiert Bosch Mobility künftig mit Schwarz Digits und will die souveräne Cloud-Plattform Stackit als zusätzliche europäische Option nutzen. Auch hier steht nicht die Ablösung bestehender Cloud-Partner im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, zusätzliche Wahlmöglichkeiten zu schaffen und digitale Engineering-Strukturen stärker auf europäische Infrastrukturen auszurichten. Die Rechenpower dafür will die Schwarz-Gruppe unter anderem in Mecklenburg-Vorpommern schaffen. 

Multi-Cloud statt Autarkie

Genau deshalb zeichnet sich in der Industrie ein klares Muster ab. Anstatt bestehende Cloud-Landschaften radikal umzubauen, setzen Unternehmen auf hybride Architekturen. Sensible Anwendungen werden in Private Clouds oder souveränen Umgebungen betrieben, während Public Clouds ihre Stärken bei Skalierung, Rechenleistung und Innovationsgeschwindigkeit ausspielen. Digitale Souveränität bedeutet damit vor allem eines: Wahlfreiheit. Europa müsse seine Fähigkeiten in den Bereichen Cloud, KI, Recheninfrastruktur, Software und Security stärken, sagt auch Bitkom-Experte Bayer. „Es geht darum, Abhängigkeiten beherrschbar zu machen und jederzeit selbstbestimmt entscheiden zu können“.

EU will Tech-Souveränität

Zusätzlichen Rückenwind erhält die Entwicklung durch die europäische Politik. Mit ihrem im Juni vorgestellten „Tech Sovereignty Package“ hat die EU-Kommission digitale Souveränität zu einem industriepolitischen Schwerpunkt erklärt. Vorgesehen sind Maßnahmen zum Ausbau europäischer Kapazitäten in den Bereichen Halbleiter, Cloud, KI und Open Source. Die Stoßrichtung ist eindeutig: Europa soll bei kritischen digitalen Technologien unabhängiger werden und seine strukturellen Abhängigkeiten reduzieren. Für die Automobilindustrie ist dies von besonderer Bedeutung. Schließlich basieren zentrale Zukunftsfelder wie Fahrzeugsoftware, autonomes Fahren, KI oder digitale Mobilitätsdienste auf genau jener Infrastruktur, über die derzeit so intensiv diskutiert wird.

Ob die europäischen Initiativen ausreichen werden, um zu den globalen Technologieführern aufzuschließen, bleibt offen. Klar ist jedoch bereits heute: Die Frage nach der Cloud ist längst keine rein technische Entscheidung mehr. Sie ist zu einer strategischen Managementaufgabe geworden.

Volkswagen hat mit seiner Private Cloud einen ersten sichtbaren Akzent gesetzt. Andere OEMs und Zulieferer gehen ähnliche Wege. Der Trend spricht dafür, dass digitale Souveränität in den kommenden Jahren zu einem festen Bestandteil jeder Cloud-Strategie der Automobilindustrie werden wird. Nicht als Alternative zur Globalisierung, sondern als Versuch, innerhalb einer vernetzten digitalen Welt wieder mehr Kontrolle über die eigene Zukunft zu gewinnen.