Das Interesse an E-Mobilität wächst, aber nicht überall gleich. Manuel Schuler, globaler Leiter Automotive bei BearingPoint, erläutert, warum sich Kaufentscheidungen zunehmend an Reichweite, technologischer Reife, Batteriezuverlässigkeit und Nutzererlebnis orientieren und was es noch braucht, damit auch in Deutschland der Durchbruch gelingt.
Manuel Schuler, Globaler Leiter Automotive, Manufacturing & Defense, BearingPoint.BearingPoint/Liam Salzmann
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Attraktivitätsindex Elektromobilität 2026
BearingPoint
hat die Studie auf Basis einer internationalen Online‑Befragung unter
Autofahrern und potenziellen Käufern batterieelektrischer Fahrzeuge in
Deutschland, den USA, Großbritannien, China und Indien durchgeführt. Insgesamt
wurden weltweit rund 10.000 Personen befragt. Die Erhebungen fanden
länderspezifisch zwischen Ende Januar und Ende März statt. Abgefragt wurden
unter anderem Kaufabsicht, Nutzung und Ladebedingungen sowie Vertrauen in
Marken und deren Qualitätsversprechen. Die Stichproben wurden quotiert und
gewichtet.
Herr Schuler, zu
Beginn eine ganz persönliche Frage: Fahren Sie eigentlich schon ein
Elektroauto?
Nein, aber mein nächstes Fahrzeug wird definitiv
elektrisch.
Warum fahren Sie aktuell noch
keinen Stromer?
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Mein letztes Auto habe ich vor
knapp drei Jahren angeschafft, und zu diesem Zeitpunkt haben mich die
verfügbaren Elektrofahrzeuge ehrlich gesagt noch nicht vollständig überzeugt.
Hinzu kam, dass ich damals noch in der Stadt gewohnt habe und das Thema Laden
für mich nicht wirklich gut gelöst war. In der Summe war der Verbrenner zu
diesem Zeitpunkt schlicht die einfachere Wahl. Heute sehe ich das deutlich
anders. Wenn ich mir die aktuellen Elektrofahrzeuge anschaue – Reichweiten,
Ladeleistungen, das gesamte Nutzererlebnis –, dann ist das aus meiner Sicht
deutlich attraktiver geworden. Insofern ist für mich klar: Das nächste Auto
wird elektrisch sein.
Seit 2024 misst BearingPoint jedes Jahr Veränderungen in der
Attraktivität der Elektromobilität weltweit. Was misst der Index konkret und
welche neuen Fragestellungen standen 2026 im Fokus gegenüber den Vorjahren?
Uns interessiert im Kern die Frage: Was sind die
tatsächlichen Bedürfnisse der Kunden an Fahrzeuge, speziell an
Elektrofahrzeuge, und wie gut werden diese Bedürfnisse von den jeweiligen
Marken abgedeckt? Der ursprüngliche Auslöser war auch unsere Wahrnehmung, dass
einige Hersteller in der Vergangenheit teilweise an den Kundenbedürfnissen
vorbeientwickelt haben. Genau aus diesem Grund wollten wir mit dem
Attraktivitätsindex eine Brücke schlagen zwischen Kundenerwartungen und dem,
was am Markt tatsächlich angeboten wird. In diesem Jahr haben wir den Fokus
noch einmal erweitert und uns erstmals intensiver mit dem Gebrauchtwagenmarkt
beschäftigt. Uns hat interessiert, wie hoch dort die Akzeptanz ist und wie
stark sich diese Akzeptanz zwischen den einzelnen Märkten unterscheidet.
Zusätzlich haben wir auch ein bis zwei neue Märkte in die Analyse aufgenommen,
um die internationale Vergleichbarkeit weiter zu verbessern.
Was war der konkrete Anlass, den Gebrauchtwagenmarkt
erstmals in den Attraktivitätsindex zu integrieren? Gab es dafür einen klaren
Auslöser?
Die Elektromobilität hängt letztlich nicht nur vom Erfolg
beim Erstbesitzer ab. Entscheidend ist die gesamte Wertschöpfungskette über den
Lebenszyklus hinweg, also auch die Frage, ob es einen funktionierenden
Zweitmarkt gibt, sowohl im Flottengeschäft als auch im Privatkundenbereich. Diese Fragestellung ist uns auch in vielen Gesprächen mit
unseren Kunden begegnet: Wie entwickelt sich der Gebrauchtwagenmarkt für
Elektrofahrzeuge? Parallel dazu haben wir im privaten Umfeld vermehrt gesehen,
dass Bekannte oder Kollegen gebrauchte Elektrofahrzeuge gekauft haben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Erkenntnis, dass
Batterien deutlich langlebiger sind, als man ursprünglich angenommen hatte.
Diese technologische Reife verändert die Wahrnehmung von gebrauchten
Elektrofahrzeugen fundamental.
Ein zentrales Ergebnis Ihrer Studie lautet: In China und
Indien wird batterieelektrische Mobilität (BEV) bei Neufahrzeugen bereits klar
bevorzugt, während deutsche Kunden noch zögern. Was sind die aus Ihrer Sicht
wichtigsten strukturellen Gründe für diese Unterschiede?
Das hat mehrere Ursachen, aber ein wesentlicher Faktor ist
sicherlich die langfristige industriepolitische Ausrichtung Chinas. Der Staat
hat Elektromobilität bereits vor vielen Jahren zu einer Schlüsseltechnologie
erklärt und massiv in diesen Bereich investiert. Was wir heute sehen, ist
letztlich die Konsequenz dieser Strategie. Ein ganz zentraler Punkt ist dabei
die Infrastruktur. In China gibt es aus rationaler Sicht kaum noch Gründe, sich
gegen ein Elektrofahrzeug zu entscheiden. Zudem wurde Elektromobilität stark
gefördert, wodurch sehr innovative Fahrzeuge entstanden sind. China wurde
früher häufig als reiner Absatzmarkt gesehen, heute ist es ganz klar ein
Kompetenzzentrum. Chinesische Unternehmen setzen in vielen Bereichen die
technologischen Standards. Das führt dazu, dass in Fernost die Marktreife
deutlich weiter ist als in vielen anderen Regionen. Wenn wir auf Deutschland
blicken, sehen wir dagegen strukturelle Herausforderungen. Vor einigen Jahren
gab es ein klares politisches Bekenntnis zu „Alles auf Elektro“, danach wurden
jedoch Förderungen abrupt gestrichen. Das hat aus unserer Sicht viel
Unsicherheit bei den Kunden erzeugt. Hinzu kommt ein vergleichsweise zögerlicher Ausbau der
Ladeinfrastruktur.
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In China gibt es aus rationaler Sicht kaum noch Gründe, sich gegen ein Elektrofahrzeug zu entscheiden.
Manuel Schuler, BearingPoint
Bemerkenswert ist, dass Befragte mit konkreter Kaufabsicht
in den nächsten drei Jahren in vielen Märkten deutlich BEV‑affiner
sind als der Durchschnitt. Deutet das auf einen bevorstehenden Kipppunkt in der
Nachfrage hin?
Ja, allerdings wird dieser Kipppunkt je nach Markt mit
unterschiedlichen Geschwindigkeiten erreicht. Was wir sehr klar sehen, ist,
dass bei potenziellen Kunden mit konkreter Kaufabsicht die Präferenz für
batterieelektrische Fahrzeuge deutlich höher ist als im Gesamtmarkt. Verstärkt
wird dieser Effekt, wenn Kunden bereits Erfahrung mit Elektrofahrzeugen
gesammelt haben, beispielsweise bereits ein Elektrofahrzeug selbst gefahren sind.
Gleichzeitig zeigt unsere Studie, dass insbesondere jüngere Kaufkohorten in
Deutschland deutlich positiver gegenüber Elektromobilität eingestellt sind. Das
heißt, wir sehen mehrere Treiber gleichzeitig: eine zunehmende Präferenz bei
tatsächlichen Kaufentscheidungen und einen klaren Generationeneffekt. In der
Summe spricht vieles dafür, dass wir uns diesem Kipppunkt nähern. In Märkten
wie China sind wir aus meiner Sicht bereits darüber hinaus.
Deutschland fällt in Ihrer Studie durch eine vergleichsweise
hohe Unsicherheit auf, weniger durch Ablehnung. Wo sehen Sie die größten
Vertrauenslücken: Technologie, Restwert, Ladeinfrastruktur oder politische
Rahmenbedingungen?
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Es ist tatsächlich eine Kombination aus mehreren Faktoren.
Ein ganz wesentlicher Punkt ist aus meiner Sicht das politische Hin und Her.
Diese Unsicherheit hat sich stark auf die Industrie und letztlich auch auf die
Verbraucher übertragen. Gerade bei privaten Käufern sprechen wir über sehr
große Investitionen. Wenn keine Dringlichkeit zum Kauf besteht, ist die
Konsequenz oft: Dann warte ich lieber noch ab. Diese Haltung wird zusätzlich
dadurch verstärkt, dass die Technologiezyklen extrem schnell sind. Batterien
von heute sind technologisch etwas völlig anderes als Batterien in zwei oder
drei Jahren. Das führt zu genau dieser Abwägung beim Kunden: Kaufe ich jetzt,
oder wäre es möglicherweise besser, wenn ich noch etwas warte? Aus unseren
Daten heraus sehen wir genau dieses Abwarten sehr deutlich. Und wichtig dabei
ist: Es handelt sich häufig nicht um eine harte Ablehnung von Elektromobilität.
Hinzu kommen die von Ihnen angesprochenen Aspekte wie Restwertthemen und
technologische Unsicherheiten. Ein weiterer zentraler Punkt ist die
Ladeinfrastruktur. In unserer Studie geben über 40 Prozent der Befragten an,
keinen ausreichenden Zugang zu Ladeinfrastruktur zu haben.
Wenn man sich die Innovationsfortschritte bei Batterietechnologien, Reichweiten und
Ladegeschwindigkeiten anschaut, stellt sich die Frage: Wo liegt aktuell der
größte Hebel? Muss der Fokus stärker auf der Ladeinfrastruktur liegen oder eher
auf günstigeren, besseren Fahrzeugangeboten?
Bei den Fahrzeugangeboten hat
sich in den letzten Jahren extrem viel getan. Wir sind heute bei Reichweiten,
Ladeleistungen, Software und auch bei den Preisen auf einem sehr guten Niveau
angekommen. Aus meiner Sicht liegt der größte Hebel aktuell ganz klar bei der
Ladeinfrastruktur. Solange dieses Thema nicht überzeugend gelöst ist, wird es
immer eine gewisse Zurückhaltung bei den Kunden geben. Die Fahrzeuge selbst
sind heute weitgehend marktreif, die Rahmenbedingungen müssen jetzt nachziehen.
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Ihre Studie zeigt: Gebrauchte Stromer werden akzeptiert,
aber fast nur bei einem Fahrzeugalter unter drei Jahren. Was bedeutet diese
„Altersgrenze“ strategisch für OEMs oder Leasinggesellschaften?
Was wir sehr deutlich sehen, ist, dass die Akzeptanz bis zu
einem Fahrzeugalter von etwa drei Jahren relativ stabil bleibt und danach sehr
schnell und deutlich abnimmt. Diese Drei‑Jahres‑Schwelle ist
tatsächlich ein harter Cut. Für Leasinggesellschaften stellt das eine echte Herausforderung
dar, weil die meisten Leasingverträge genau auf 36
Monate ausgelegt sind. Das bedeutet: Nach Ablauf dieser Zeit sinkt der
potenzielle Restwert deutlich. Idealerweise müssten die
Fahrzeuge also bereits vor Ende dieser Laufzeit erneut vermarktet werden.
Strategisch heißt das für Leasinganbieter, dass sie ihre Leasingzyklen und
Rücknahmeprozesse noch einmal überdenken müssen. Im Privatkundenbereich ist das
Thema sehr stark von Vertrauen geprägt. Für viele Kunden ist Elektromobilität
nach wie vor eine neue Technologie. Diese grundsätzliche Zurückhaltung trifft
dann auf eine relativ hohe Investition, selbst beim Gebrauchtfahrzeug. Das
Bedürfnis nach Absicherung ist entsprechend ausgeprägt. Genau deshalb haben wir in der Studie auch abgefragt, was
Vertrauen schaffen kann. Ein signifikanter Teil der Befragten hat angegeben,
dass ein transparentes Zertifikat über den Zustand oder die Qualität der
Batterie die Kaufbereitschaft deutlich erhöhen würde. Spannend sind dabei auch
die Unterschiede zwischen den Ländern: In europäischen Märkten ist das
Vertrauen vor allem in unabhängige Prüforganisationen groß, während in Ländern
wie China oder Indien Händler oder markengebundene Akteure deutlich mehr Vertrauen
genießen.
Für viele Kunden ist Elektromobilität nach wie vor eine neue Technologie. Diese grundsätzliche Zurückhaltung trifft dann auf eine relativ hohe Investition, selbst beim Gebrauchtfahrzeug.
manuel schuler
Beim Markenranking zeigt sich weltweit ein differenziertes
Bild: In China dominieren BYD und interessanterweise Tesla, in Deutschland
bleiben heimische Marken stark, verlieren aber etwas bei echten BEV‑Kaufabsichten
an Boden. Existiert hier eine gefährliche Lücke zwischen Markenstärke und tatsächlicher Nachfrage?
Ja, das ist ein sehr interessanter Befund. Grundsätzlich
sehen wir, dass lokale Marken in allen von uns untersuchten Märkten sehr weit
oben ranken. Das gilt sowohl für Deutschland als auch für China oder Indien.
Aber – und das ist entscheidend – sobald man die Gruppe der Kunden mit
konkreter Kaufabsicht betrachtet, verändert sich das Bild deutlich. In einer
früheren Erhebung hatten wir bereits untersucht, wie stark das Vertrauen in
eine Marke ausgeprägt ist. Dabei zeigte sich, dass viele Kunden das Image aus
der Verbrennerwelt zunächst auf Elektrofahrzeuge übertragen. Das kann durchaus
ein Vorteil sein und bietet etablierten Marken Chancen. Sobald sich potenzielle
Käufer aber intensiver mit dem Thema Elektromobilität auseinandersetzen,
greifen andere Entscheidungskriterien. Dann stehen nicht mehr allein
Markenloyalität oder Markenimage im Vordergrund, sondern harte Fakten:
Reichweite, Ladegeschwindigkeit, Zuverlässigkeit und technologische
Leistungsfähigkeit. Besonders stark sehen wir diesen Effekt in China. Dort
gewinnt der wahrgenommene technologische Vorsprung bei kaufbereiten Kunden
deutlich an Gewicht. Software, Konnektivität und Nutzererfahrung wirken dabei
als Differenzierungsmerkmale im Angebotsdschungel an Elektrofahrzeugen. Genau
hier sind chinesische Marken aktuell sehr stark aufgestellt.
China erreicht 2025 einen NEV‑Anteil (New Energy Vehicles) von über 50
Prozent und setzt damit global den Takt. Was unterschätzen
europäische Hersteller Ihrer Meinung nach am
chinesischen Markt bis heute am meisten?
Ich glaube nicht, dass europäische Hersteller den
chinesischen Markt heute noch grundsätzlich unterschätzen. Das war vielleicht
vor einigen Jahren der Fall. Inzwischen ist das Bewusstsein für die Bedeutung
und die Herausforderungen dieses Marktes sehr stark ausgeprägt. Die eigentliche
Herausforderung liegt heute vielmehr darin, bei der Geschwindigkeit
mitzuhalten. Wenn wir uns die neuen Fahrzeuggenerationen von Mercedes‑Benz,
BMW oder Volkswagen anschauen, dann sehen wir aus meiner Sicht enorme
Fortschritte. Was China jedoch besonders auszeichnet, ist die enorme
Innovationsgeschwindigkeit – das ist noch einmal ein ganz anderer Maßstab.
Hinzu kommt die Fähigkeit, Innovationen sehr schnell zu skalieren und
flächendeckend in den Markt zu bringen. Das gilt nicht nur für die
Infrastruktur, sondern auch für das Fahrzeugangebot selbst. In China gibt es
eine enorme Anzahl an Herstellern und Modellen, der Wettbewerb ist extrem intensiv
und hart. In diesem Umfeld dauerhaft erfolgreich zu sein, erfordert nicht nur
technologische Exzellenz, sondern auch Geschwindigkeit, Skalierungsfähigkeit
und ein tiefes Verständnis des lokalen Marktes.
Aktuell ist zu beobachten, dass
auch deutsche Hersteller stärker davon abrücken, ihr europäisches Erfolgsmodell
eins zu eins nach China zu übertragen. Stattdessen werden Fahrzeuge zunehmend
lokal entwickelt; Volkswagen etwa mit eigenen Modellen in Kooperation mit
Xpeng, Audi gar mit einer neuen Submarke. Ist dieser Local‑for‑Local-Ansatz aus
Ihrer Sicht der richtige Weg?
Ich glaube tatsächlich, dass sich
die Märkte in vielen Bereichen fundamental unterscheiden. Die zentrale
Herausforderung besteht darin, die lokalen Rahmenbedingungen und vor allem die
Bedürfnisse der Kunden sehr genau zu treffen und sich dabei gleichzeitig nicht
zu verzetteln. Die Frage ist also: Wie schafft
man es, lokal relevant zu sein und dennoch effizient zu bleiben? Wie kann man
die globale Präsenz nutzen, Skaleneffekte heben und gleichzeitig lokale
Spezifika berücksichtigen? Was man aber klar sagen kann: Das Modell „Ein Auto
für die Welt“ funktioniert so nicht mehr. Die Anforderungen der Kunden,
insbesondere in China, sind mittlerweile zu unterschiedlich. Insofern ist der
Weg, eigene Fahrzeuge speziell für den chinesischen Markt zu entwickeln und
auch ein eigenständiges Markenimage aufzubauen, grundsätzlich richtig. Aber das
ist keineswegs ein Selbstläufer.
Was lässt sich von diesem Ansatz nach Europa übertragen? Ist
es vor allem die neue Entwicklungslogik und der vielzitierte „China Speed“, den
man hierzulande adaptieren kann oder stößt man dabei aufgrund von Regulierung,
Mentalität und Qualitätsanspruch schnell an Grenzen?
Es gibt einige Elemente, die man übertragen kann und auch
übertragen muss. In vielen Bereichen passiert das bereits. Wenn wir über „China
Speed“ sprechen, geht es ja vor allem um stringente, effiziente
Entwicklungsprozesse, schnellere Entscheidungswege und eine deutlich höhere
Umsetzungsgeschwindigkeit. Diese Prinzipien lassen sich grundsätzlich auch auf
europäische Strukturen anwenden und sind aus meiner Sicht absolut notwendig.
Gleichzeitig gibt es andere Faktoren, die sich deutlich schwerer übertragen lassen,
insbesondere, wenn regulatorische Anforderungen ins Spiel kommen. Das sorgt in
Europa zwangsläufig für ein anderes Tempo als in China. Nichtsdestotrotz glaube
ich, dass der kulturelle Kern der Veränderung sehr wohl übertragbar ist. Es
geht um ein Mindset, bei dem das Fahrzeug stärker von der Software her gedacht
wird und weniger vom klassischen Blechansatz. In diesem Bereich sehen wir
bereits viel Bewegung bei europäischen Herstellern.
Software, Konnektivität und Nutzererfahrung wirken dabei als Differenzierungsmerkmale im Angebotsdschungel an Elektrofahrzeugen. Genau hier sind chinesische Marken aktuell sehr stark aufgestellt.
Manuel Schuler, BearingPoint
Diese Umstellungen fallen
allerdings in eine Phase, in der die deutsche Automobilindustrie stark vom
Thema Stellenabbau betroffen ist. Schlankere Strukturen und neue
Entwicklungslogiken gehen oft mit dem Abbau klassischer Funktionen einher.
Erschwert diese soziale Dimension den Wandel zusätzlich?
Das kommt definitiv als zusätzliche Dimension hinzu und
macht die Situation nicht einfacher. In vielen Fällen laufen solche
Veränderungen über Abfindungsprogramme und damit stellt sich immer auch die
Frage: Wer bleibt, wer geht? Das ist eine enorme Herausforderung, gerade für
eine so große Industrie wie die deutsche Automobilbranche, in der aber Tausende
Menschen beschäftigt sind. Diese Unsicherheit wirkt natürlich auf die
Organisation zurück und kann die Umsetzung neuer Arbeitsweisen zusätzlich
verkomplizieren.
In Deutschland steigt der BEV‑Anteil im ersten Quartal 2026 auf rund 23 Prozent,
getrieben durch mehr Modelle und sinkende Preise. Deckt sich diese Marktdynamik
mit den Erwartungshaltungen aus Ihrer Studie?
Die Chancen sind auf
jeden Fall da. Wenn wir uns die Fahrzeuge anschauen, sehen wir deutlich bessere
Reichweiten, eine höhere Alltagstauglichkeit und preislich attraktivere
Angebote. Auch das Nutzererlebnis hat sich spürbar verbessert. Auf der
Produktseite ist in den letzten Jahren extrem viel passiert. Für viele Kunden
gibt es heute tatsächlich ein passendes elektrisches Fahrzeug. Der limitierende
Faktor bleibt aus meiner Sicht weiterhin die Ladeinfrastruktur. Das haben wir
auch eingangs schon diskutiert. Diese muss parallel zur Produktentwicklung
weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig glaube ich
aber, dass wir selbst mit der bestehenden Infrastruktur durch die starken
Fortschritte auf der Produktseite in der Lage sind, das aktuelle Momentum
aufrechtzuerhalten
Es gibt jedoch zum Teil große Unterschiede bei
der Performance der OEMs. Wie werden sich Ihrer Ansicht nach die Marktanteile
auf dem europäischen E-Auto-Markt auch zugunsten asiatischer Hersteller
verschieben?
Ich
glaube, dass sich die Marktanteile auf jeden Fall verschieben werden. Dahinter
stehen mehrere Faktoren, die zusammenwirken. Ein wichtiger Punkt ist der
extreme Wettbewerbsdruck in China selbst, auch unter chinesischen Herstellern.
Das führt dazu, dass weiteres Wachstum zunehmend aus dem Ausland kommen muss.
Europa ist dabei ein zentraler Zielmarkt. Hinzu kommt, dass viele der Fahrzeuge
sehr attraktiv sind, sowohl technologisch als auch vom Preis‑Leistungs‑Verhältnis
her. Wenn es den Herstellern gelingt, durch lokale Produktion Zollthemen zu
entschärfen oder zu umgehen, erhöht das die Attraktivität dieser Fahrzeuge noch
einmal deutlich. In der Vergangenheit gab es zudem eine gewisse Skepsis
gegenüber chinesischen OEMs, etwa die Frage, ob diese Marken in drei oder fünf
Jahren überhaupt noch am Markt sein würden. Themen wie Investitionssicherheit
und langfristige Stabilität spielten dabei eine große Rolle. Wenn wir uns heute
etwa BYD anschauen, sprechen wir über einen sehr großen, global aufgestellten
Konzern. Da gibt es kaum noch Zweifel, ob dieses Unternehmen langfristig
erfolgreich sein wird. All diese Faktoren zusammengenommen führen aus meiner
Sicht dazu, dass wir künftig deutlich mehr chinesische Fahrzeuge und Hersteller
auf europäischen Straßen sehen werden. Und mit steigender Sichtbarkeit wächst
auch die Akzeptanz: Je häufiger man diese Fahrzeuge sieht, desto normaler
werden sie und desto eher zieht man sie auch selbst in Betracht.
Premium allein ist noch kein Selbstläufer ist. Spürbar verändern wird sich der Markt vor allem dann, wenn chinesische Hersteller ihre kleineren, günstigeren Fahrzeuge nach Europa bringen, also Modelle, die preislich unterhalb der Angebote etablierter europäischer OEMs liegen und direkt in volumenstarke Segmente stoßen.
Manuel Schuler, BearingPoint
Wie stark diese Verschiebung
ausfällt, dürfte aber auch von den Segmenten abhängen. Viele chinesische
Hersteller starten zunächst im Premiumsegment. Kommt die eigentliche Dynamik
erst dann, wenn auch günstigere Volumenmodelle nach Europa kommen?
Aktuell sehen wir, dass viele
chinesische Hersteller, etwa BYD oder Geely, zunächst mit eher höherpreisigen
oder gut ausgestatteten Fahrzeugen in den Markt gehen. Ein Beispiel ist auch Nio,
das im vergangenen Jahr in Europa nur sehr geringe Stückzahlen abgesetzt hat.
Das zeigt, dass Premium allein noch kein Selbstläufer ist. Spürbar verändern
wird sich der Markt vor allem dann, wenn chinesische Hersteller ihre kleineren,
günstigeren Fahrzeuge nach Europa bringen, also Modelle, die preislich
unterhalb der Angebote etablierter europäischer OEMs liegen und direkt in
volumenstarke Segmente stoßen. Wenn Fahrzeuge in der Größenordnung eines „ID.
Polo“ oder vergleichbarer Modelle mit einem deutlich günstigeren Preisniveau
und einem sehr konkurrenzfähigen Nutzererlebnis angeboten werden, wird sich das
Kräfteverhältnis noch einmal deutlich verschieben. Gerade im Massenmarkt bin
ich überzeugt, dass asiatische Hersteller großes Potenzial haben. Wenn ein
Fahrzeug ein vergleichbares oder sogar besseres Erlebnis bietet, dabei aber
günstiger ist, dann ist das für viele Kunden, insbesondere ohne starke
Markenbindung, eine sehr rationale Kaufentscheidung.
Viele OEMs korrigieren aktuell ihre Elektro‑Roadmaps,
strecken Investitionen oder verlängern
Verbrenner‑Laufzeiten. Sind diese Schritte rationale
Marktanpassungen oder eher Ausdruck strategischer Unsicherheit?
Wir haben gesehen, dass der Hochlauf der Elektromobilität
deutlich langsamer erfolgt ist, als man ihn vor fünf oder sechs Jahren erwartet
hätte. Hinzu kam dieses ständige Hin und Her zwischen „All‑in
elektrisch“ und der erneuten Fokussierung auf den
Verbrenner. Für die OEMs ergibt sich daraus eine
schwierige Situation: Die Margen bei Verbrennerfahrzeugen sind aktuell nach wie
vor deutlich besser. Gleichzeitig geht man davon aus, dass Elektromobilität langfristig die Zukunft sein wird. Das bedeutet, dass
kurzfristig Margenziele erreicht werden müssen, was dann aber unter Umständen
Kapital und Ressourcen bindet, die eigentlich für Zukunftsinvestitionen fehlen.
Hinzu kommt, dass wir in China bereits über einen ganz anderen
Geschwindigkeitsmaßstab sprechen. Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele
Hersteller die Frage: Können wir es uns leisten, technologisch und strategisch
breit aufgestellt zu bleiben, um den Anschluss nicht zu verlieren oder müssen
wir uns stärker fokussieren, um kurzfristig Ergebnisziele zu sichern? Genau
dieses Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Ertragslogik und langfristiger
Wettbewerbsfähigkeit macht die aktuelle Situation für viele OEMs so schwer
aufzulösen. Es gibt darauf keine einfache Antwort.
Zum Schluss: Trotz dieser strategischen Rückzieher: Wird
sich die batterieelektrische Mobilität bis zum Jahr 2030 als dominante
Antriebsform durchgesetzt haben?
Daran habe ich tatsächlich keinen Zweifel. Auf der
Produktseite ist in den letzten Jahren enorm viel passiert. Die Fahrzeuge sind
besser geworden, alltagstauglicher, attraktiver. Und ich bin überzeugt, dass
auch auf der Infrastrukturseite weiter nachgelegt wird. In der Summe wird das
dazu führen, dass ein batterieelektrisches Fahrzeug für sehr viele Menschen die
rationale Entscheidung sein wird. Das ursprünglich von der Bundesregierung
ausgegebene Ziel von 15 Millionen Elektrofahrzeugen bis 2030 werden wir wahrscheinlich
nicht ganz erreichen – das ist sportlich. Aber wir werden uns klar auf diesen
Pfad begeben. Batterieelektrische Mobilität wird sich als dominante
Antriebsform etablieren. Davon bin ich überzeugt. Oder anders gesagt: Ihr und
mein nächstes Auto wird elektrisch sein.
Zur Person:
Als Parter und Globaler Leiter Automotive,
Manufacturing & Defense konzentriert sich Manuel Schuler auf
Innovationsprogramme für internationale Kunden, vor allem in der
Automobilindustrie. Er hat sich dabei auf digitale Transformation,
Kundenerfahrung, After-Sales und neue Geschäftsmodelle konzentriert.
Schuler ist 2007 zu BearingPoint gekommen
und hat erfolgreich Projekte für Automobilkunden auf der ganzen Welt geleitet
und durchgeführt. Diese Projekte umfassten Retail-Optimierungsprogramme,
Technologietransformationen, den Aufbau neuer Geschäftsmodelle, die Gestaltung
von Ökosystemen sowie die Entwicklung digitaler Dienste und differenzierenden
Kundenerlebnissen.
Durch seine berufliche Erfahrung bewegt
sich Schuler an der Schnittstelle zwischen Automobilindustrie und
Digitalisierung. Dies ermöglicht es ihm, die Marktdynamik und ihre Auswirkungen
zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und nachhaltige sowie pragmatische
Lösungen mit unseren Kunden zu entwickeln.
Vor seiner Zeit bei BearingPoint hat er International
Business Development in Deutschland und Frankreich studiert.