Sensorik auf einem Testfahrzeug von ZF

Mithilfe von ZF Annotate sollen Sensordaten künftig besser analysierbar werden. (Bild: ZF)

Driving Commercial Vehicle Innovation lautete das Motto auf dem ZF Tech Day 2024, mit dem der Zulieferer die Weichen in Richtung einer sauberen, komfortablen und sicheren Mobilität stellen will. CEO Holger Klein stellt für dieses Vorhaben unter anderem Kooperationen mit Airdriver und dem indischen Softwareunternehmen Kpit in den Vordergrund. Aus der Zusammenarbeit mit Letzterem ging beispielsweise das gemeinsame Jungunternehme Qorix hervor, das einen unabhängigen Middleware-Stack für die Automobil- und Mobilitätsindustrie weiterentwickeln soll.

Dennoch betont der ZF-Chef: „Das nötige Wissen und gute Partnerschaften reichen bei einem so volatilen Markt nicht aus. Wir brauchen die entsprechende Agilität, um die Marktanforderungen zeitnah bedienen zu können.“ Diese will das Unternehmen über einen sogenannten Full Flex-Ansatz gewährleisten, der auf flexible Produktionsanlagen sowie ein breites Produktportfolio setzt. Mit Investitionen von 18 Milliarden Euro bis Ende 2026 und strategischen Übernahmen wiedes Nutzfahrzeugzulieferers Wabco will ZF zudem seine seine Position als One Stop Shop für zahlreiche Kunden festigen.

ZF Annotate soll ADAS-Entwicklung beschleunigen

Von der korrekten „Ground Truth“ in der Umfelderkennung hängt maßgeblich die Qualität von fortschrittlichen Assistenzsystemen ab. Ein Abgleich der gesammelten Sensor-Informationen mit einem zuverlässigen und hochpräzisen Referenzsensorsatz erhöhe die Genauigkeit, so der Zulieferer, der hier mit ZF Annotate ansetzt. Auf der Grundlage von kundeneigenen Fahrzeugdaten und der zusätzlichen ZF-Sensordatenaufzeichnung – der Referenzmessung – soll die Lösung die optimierte „Ground Truth" liefern.

ZF Annotate agiert dazu als ein vom zu überprüfenden Sensorset unabhängiges, redundantes Setup, das während der Fahrt auf der Straße mit denselben Informationen konfrontiert wird. Die Referenz-Sensorik besteht unter anderem aus sechs Kameras und vier Lasersensoren. Sie kommt je nach Kundenwunsch entweder auf dem Testfahrzeug selbst oder im sogenannten Pursuit-Modus zum Einsatz und erzeugt ein detailliertes 3D-Abbild der Umgebung eines Fahrzeugs. Die aufgezeichneten Daten werden dabei von der Anwendung in bestimmten Containerformaten gesichert, um selbst bei Diebstahl die Einsicht sensibler Informationen zu verhindern.

ZF KI Annotate
Der cloudbasierte KI-Dienst ZF Annotate soll die Entwicklung und Validierung von Assistenzsystemen beschleunigen. (Bild: ZF)

Die aufgezeichneten Daten werden anschließend in die Cloud geladen und mit Hilfe von KI markiert, klassifiziert, attribuiert und mit ID-Nummern versehen, Objekte in Bewegung werden getrackt. Während bisher zahlreiche Mitarbeiter diese Daten manuell annotieren mussten, erledige die KI-Lösung dies nun laut ZF bis zu zehnmal schneller und reduziere dadurch die Prozesskosten um 80 Prozent. Nach außen sei die Cloud hermetisch abgeriegelt, so die Annotate-Experten von ZF. Insgesamt könne man so eine bessere Cybersicherheit gewährleisten als bei der manuellen Annotation.

Nach der Annotation soll die Software eine präzise Vergleichsmessung liefern. So möchte der Zulieferer eine Validierungslösung zum Testen und Trainieren von ADAS-Systemen von SAE-Leven 2+ bis 5 liefern. Im Vergleich zu bisherigen Vergleichssystemen setze das 3D-fähige Annotate auch auf Informationen der Höhe. „ZF Annotate kombiniert die Vorteile eines robusten und unabhängigen Referenz-Sensor-Sets mit einem skalierbaren Cloud-Service, der intelligente 2D- und 3D-Tracking-Algorithmen nutzt“, erklärt Klein.

ZF fördert intelligente Trailer durch digitale Plattformen

Der Trailer ist schon lange intelligent und kann seine Beiträge zur Effizienz und Nachhaltigkeit von Nutzfahrzeugen leisten“, erklärt Stephanie Adolf, Leiterin der Marketingkommunikation bei ZF. Dabei helfen soll das IBES (Intelligent Braking System) – eine Innovation im Bereich der Anhängerbremsen. Die Plattform kombiniert das Anti-Blockier-System (iABS) sowie das intelligente elektronische Bremssystem (iEBS) und ist in den drei verschiedenen Leistungsstufen Basic, Standard und Premium erhältlich. Das modulare Konzept ist für nahezu alle Anhängertypen geeignet und soll es ermöglichen, die Sicherheits- und Effizienzfunktionen individuell anzupassen. Jeder einzelne Anhänger kann entsprechend mit einer Telematikeinheit verbunden werden, ohne dass ein System-Update erforderlich ist. Dadurch erleichtere das System die Zustandsüberwachung und vorausschauende Wartung der Nutzfahrzeuge, so der Zulieferer.

Die standardisierte technologische Basis soll als Grundlage für eine schnellere Installation, einfachere Softwareintegration und einheitliche Schnittstellen dienen. In Verbindung mit dem E-Trailer des Zulieferers versprechen sich die Experten eine Energieeinsparung von bis zu 16 Prozent durch die Rekuperation von Bremsenergie und zudem eine geringere Umweltbelastung durch verminderten Reifenabrieb. Gemeinsam mit dem iEBS stellte ZF außerdem das Park Release Valve (PRV) vor – ein neues, patentiertes Steuerventil für Trailer-Parkbremsen mit Ein-Knopf-Design. Das mit einer Hand bedienbare Parkbrems-Ventil wurde für eine einfache und komfortable Steuerung der Anhänger-Feststellbremsen durch den Bediener konzipiert. Dabei können die Positionen Fahren, Parken und Lösen/Rangieren eingestellt werden.

ZF will Spurwechseln den Schrecken nehmen

Lösungen für mehr Fahrsicherheit zählen ebenfalls zu den Themenschwerpunkten beim diesjährigen Global Technology Day. Der Spurwechsel bedeutet besonders bei Lkw mit Aufliegern ein risikobehaftetes Fahrmanöver. Auf dem Testgelände in Jeversen zeigt ZF einen Versuchsträger, der den Spurwechsel sicherer macht: Radar- und kameragestützt überwacht das System im automatisierten Fahrmodus das Verkehrsgeschehen und behält dabei stets die Aufmerksamkeit des Fahrers im Blick.

Durch akustische und visuelle Warnungen warnt das System vor potenziell gefährlichen Spurwechseln oder führt diese in unkritischen Situationen selbstständig durch. Dadurch sollen Kollisionen beim Spurwechsel von Lkw vermieden werden. Bis zu zwölf Prozent aller Unfälle auf deutschen Straßen ließen sich so verhindern, heißt es beim Zulieferer. Und auch beim Thema Sicherheit nutzt ZF konzernweite Synergien zwischen seinen Divisionen, denn rund die Hälfte der eingesetzten Technologien stammen aus dem Pkw-Segment und seien dort bereits millionenfach erprobt.

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