Steht die ADAS-Allianz zwischen Cariad und Bosch vor dem Aus?
Laut einem Medienbericht könnte die großangelegte ADAS-Partnerschaft zwischen Cariad und Bosch noch in diesem Sommer aufgekündigt werden. Hintergrund sollen ausbleibende Fortschritte bei Fahrerassistenzsystemen sowie hoher Kostendruck sein.
Seit gut vier jahren tüfteln Ingenieure und Entwickler von Cariad und Bosch an neuen ADAS-Technologien. Damit könnte bald Schluss sein.
Bosch
Die Zukunft der sogenannten „Automated
Driving Alliance (ADA)“ zwischen der VW-Softwaretochter Cariad und Bosch steht offenbar auf der Kippe.
Wie die Bild am Sonntag unter Berufung auf Insider berichtet, prüft
Cariad das Ende der Entwicklungskooperation für automatisiertes Fahren. Demnach
sollen bereits rund 1,5 Milliarden Euro in das Gemeinschaftsprojekt geflossen
sein. Als Gründe werden fehlende technologische Fortschritte und Sparmaßnahmen
genannt.
Kein Dementi von Cariad und Bosch
Offiziell bestätigt ist ein Aus der Partnerschaft bislang
nicht. Gegenüber der Zeitung erklärte Cariad, man überprüfe regelmäßig
Entwicklungspartnerschaften und bewerte fortlaufend, ob diese noch zu den
strategischen Zielen des Unternehmens passten. Zudem hätten sich Markt und
Technologie insbesondere bei hochentwickelten Assistenzsystemen ab Level 3 in
Europa anders entwickelt als zu Beginn der Zusammenarbeit erwartet. Bosch
äußerte sich laut Bild-Zeitung im identischen Wortlaut.
Insider berichten, dass die Allianz intern zunehmend
kritisch bewertet werde. Besonders bei fortgeschrittenen
Fahrerassistenzfunktionen soll der Abstand zu führenden Wettbewerbern als zu
groß eingeschätzt werden.
Strategiewechsel bei ADAS?
Dem Bericht zufolge erwägt der Volkswagen-Konzern, künftig
stärker auf zugekaufte Hard- und Softwarelösungen zu setzen, anstatt
entsprechende Systeme selbst zu entwickeln. Bis Ende September könnte demnach
eine neue Partnerschaft vereinbart werden. Eine endgültige Entscheidung über
das Schicksal der Bosch-Allianz soll frühestens Ende Juni fallen.
Für die beteiligten Teams hätte ein Ende der Kooperation
weitreichende Folgen. Offen ist insbesondere, was aus den mehreren hundert
Bosch-Entwicklern wird, die derzeit in Projekten bei Cariad eingesetzt sind.
Ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt
Die Kooperation zwischen Cariad und Bosch war Anfang 2022
mit großen Ambitionen gestartet. Mehr als 1.000 Spezialisten beider Unternehmen
sollten gemeinsam eine skalierbare Softwareplattform für Fahrerassistenz- und
automatisierte Fahrfunktionen entwickeln. Ziel war es, die Technologie
konzernweit einzusetzen und perspektivisch auch anderen Herstellern anzubieten.
Noch im vergangenen Jahr hatten beide Partner die
Zusammenarbeit öffentlich bekräftigt und den verstärkten Einsatz von künstlicher
Intelligenz angekündigt. Der gemeinsame Software-Stack sollte alle zentralen
Funktionen der Umgebungswahrnehmung, Entscheidungsfindung und Fahrzeugsteuerung
abdecken und automatisierte Fahrfunktionen der Level 2 und 3 unterstützen. Ein
Serieneinsatz war ab Mitte 2026 vorgesehen.
Damals betonte Cariad-Chef Peter Bosch: „Wir zeigen, dass
die deutsche Automobilindustrie die Schlüsseltechnologien Künstliche
Intelligenz und Automatisiertes Fahren selbst beherrscht.“ Bosch-Mobility-CTO
Mathias Pillin ergänzte: „Daten und KI sind der Schlüssel, wenn es darum geht,
automatisierte Fahrsysteme in großem Maßstab und zuverlässig auf die Straße zu
bringen.“
Europas ADAS-Ambitionen auf dem Prüfstand
Sollte die Alliance tatsächlich aufgelöst werden, wäre dies
ein weiterer Rückschlag für die europäischen Bestrebungen, bei Software und
automatisiertem Fahren gegenüber internationalen Wettbewerbern aufzuschließen.
Die Partnerschaft galt als eines der größten europäischen Entwicklungsprojekte
für Fahrerassistenz- und automatisierte Fahrsysteme und wurde von den
Unternehmen wiederholt als strategische Antwort auf die zunehmende
Softwaredominanz globaler Technologie- und Automobilkonzerne positioniert.
Auch über die Allianz von Cariad und Bosch hinaus zeichnet
sich eine Kurskorrektur ab. Mercedes-Benz hat den Drive Pilot zuletzt
zurückgenommen, BMW bietet sein 2024 eingeführtes Level-3-System „Personal
Pilot L3“ im überarbeiteten 7er nicht mehr an. Zwar halten die Münchner an den
Technologiezielen fest, verweisen jedoch auf den hohen Aufwand für
Sicherheitsnachweise. Statt Level 3 rücken deshalb bei vielen Herstellern
aktuell leistungsfähige Level-2+-Systeme stärker in den Fokus.