| von Stefan Grundhoff

Technisch hat der Volvo XC40 T8 AWD Recharge gleich mehrere Brüder. Zum einen ist da das normale Verbrennermodell mit oder ohne Stecker. Doch noch näher am Elektro-XC40 ist der Polestar 2, der nicht nur mit dem gleichen Antrieb, sondern mit einem Limousinenhut als Karosserievariante unterwegs ist. Und dann ist das noch der Lynk & Co 01, wie der normale XC40 ebenfalls ein Plug-in-Hybrid, mit anderem Design und einer weiteren Marke. Wie bei vielen anderen Elektromodellen muss man sich auch beim Volvo XC40 Recharge von einigem verabschieden: die Zeiten der müden Einstiegsmotorisierungen sind vorbei. Die Antriebsportfolios werden mächtig gestrafft, vereinfacht und da Elektromotoren im Vergleich deutlich weniger kosten als skalierte Vier-, Sechs- und Achtzylinderverbrenner gibt es vom Start weg ein üppiges Leistungsplus. Das zeigt neben Tesla kaum eine Marke so eindrucksvoll wie Volvo, denn der XC40 Recharge ist nur noch mit einem Antriebspaket zu bekommen: Allradantrieb und 300 kW / 408 PS / 660 Nm - das kann sich hören und fahren lassen.

Doch während die Motorleistungen durch die Elektroantriebe in neue Höhen klettern, ist es mit wirklich schnellen Reisetempi vorbei. Das hat weniger mit der Volvo-eigenen Selbstkasteiung zu tun, alle Fahrzeuge bei Tempo 180 abzuregeln. Denn auch viele Konkurrenten lassen ihren neuen Elektromodellen keinen freien Lauf mehr auf der Autobahn und bremsen frühzeitig ein. Die 300 kW / 408 PS des imposant motorisierten Schweden bringen einem daher allein etwas bei Beschleunigung und Durchzug, denn bei der Tachoanzeige von 184 km/h fährt der Elektroschwede munter in den Begrenzer hinein. Glücklicherweise obligatorisch: der Allradantrieb, der die Kraft nach Bedarf auf die Fahrbahn bringt. Vorne wie hinten arbeitet jeweils ein Elektromotor mit 150 kW / 204 PS - dazwischen in die variable CMA-Plattform der Schweden gepresst: ein Akkupaket mit einer Leistungsfähigkeit von 78 kWh, von der sich immerhin 75 kWh nutzen lassen.

Optisch ist der Volvo XC40 T8 AWD abgesehen von dem kleinen Recharge-Schriftzug an der Dachkante der C-Säule nicht von seinen Verbrennerbrüdern zu unterscheiden. Gleiches gilt im Innenraum - einsteigen reicht, denn einen Starterknopf oder einen Schalter gibt es nicht mehr. Man tritt auf die Bremse und legt die Fahrstufe D ein - und schon geht es los. Dabei hängt der elektrische Allradschwede für einen familiär positionierten Mittelklasse-SUV bissig und spitz am Gas, dass es einem nur so die Sprache verschlägt. Vorsicht daher mit dem Gasfuß, denn ein kleiner Stoß und der 2,2 Tonnen schwere Allradler springt nach vorn - und schießt nach weniger als fünf Sekunden an der digitalen Tempo-100-Marke vorbei. So viel Enthusiasmus macht Laune und das hätte man dem XC40 kaum zugetraut. Doch nicht nur unten herum geht er munter ans Werk; auch auf der Landstraße oder Autobahn überrascht der SUV so mache sportliche Limousine oder ein kraftvoll motorisiertes Coupé. Die bekommen auf der Autobahn A8 von München nach Stuttgart jedoch schnell raus, dass es bei 180 km/h schnell Schluss ist mit lustig und ziehen nach den überraschenden Zwischenspurts letztlich munter vorbei. Beim Langstreckentrip von München nach Köln steht kurz hinter Ulm der erste Ladestopp an. Vollgas zieht den Akku auch bei dem dynamischen Schweden leer, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Lange Ladepausen

Glücklicherweise klappt die Bedienung des Google-Bildschirmsystems mit Zielführung und vorgeschlagenen Ladestopps sehr ordentlich und so gibt es unweit der normalen Tankstelle und Seite an Seite mit den Tesla-Jüngern, die ihre Fahrzeuge laden, einen 42-minütigen Ladestopp bei EnBW. Die Ladesäule liefert mit 51 kWh für 19,88 Euro ordentlich ab und lässt das Akkupaket mit maximaler Ladegeschwindigkeit von 150 kW wieder zu Kräften kommen. Ein kleines Gespräch mit den neuen Kunden eines Smart Forfour, die nebenan zum ersten Mal elektrisch tanken und von der geringen Reichweite des Elektrowinzlings auf der Autobahn überrascht sind. Und weiter - immer noch flott, aber nicht mehr derart schnell wie bisher geht es an Stuttgart vorbei bis an die SAP-Zentrale in Walldorf. Die Ladestation an einem kaum bewohnten Hotel nahe der Autobahn bietet ebenfalls weder Charme noch Kaffee oder gar einen Shop. Diesmal ein Stopp von knapp 50 Minuten und es geht mit nachgetankten 58,8 kWh für 22,93 Euro weiter.

Auf längeren Strecken schnell von A nach B zu kommen, davon kann man sich auch mit so einem guten Elektroauto wie dem Volvo XC40 verabschieden. Denn auch bei guten Schnellladesäulen - und die sind an Autobahnen allemal vorhanden - dauert das Nachladen endlos und das nervt. Denn auch von Walldorf aus reicht es mit dem über 80 Prozent gefüllten Akkupaket nicht bis nach Köln, sondern in der Nähe von Limburg wird nochmals ein Zwischenstopp bei Ladesäulenbetreiber Fastned nötig. Wieder etwas mehr als 40 Minuten für 46 kWh (17,93 Euro) und immerhin in der Nähe von Schnellrestaurants ist es der letzte Tankstopp für heute, ehe man mit unter 40 Prozent Restladung in Köln einrollt. Elektroprofis wählen das One-Pedal-Feeling, bei dem sich der Volvo weitgehend ohne Bremse bewegen lässt. Die maximale Rekuperation erledigt den Rest.

Nüchternheit im Innenraum

Die endlosen Tankpausen nerven auf Langstrecken nicht nur angesichts der Corona-Pandemie und deshalb geschlossenen Restaurants oder Cafébars. Man hält zu oft an, ohne dass man es wirklich möchte und die allemal verfügbaren Schnelllader befinden sich häufig in Gewerbegebieten, die man nach Sonnenuntergang nur ungern besuchen möchte. In den Innenstädten sieht das kaum anders aus. Selbst in Metropolen wie München, Köln, Dortmund oder Essen wird es in den Cities eher düster beim Thema Turbocharger. Dafür kann der Volvo XC40 Recharge nur eingeschränkt etwas, denn er ist in erster Linie eines: ein richtig gutes Auto, das jede Menge Dampf hat und Laune macht. Man muss jedoch kein Spielkind am Steuer sein, um sich ein oder zwei zusätzliche Fahrprogramme zu wünschen, denn gerade bei flottem Tempo ist der Elektroschwede zu spitz in Gaspedalannahme und Lenkung, die sich immerhin im Unterprogramm leicht ändern lässt. Da würde ein Komfortmodus kleine Wunder bewirken. Den Rest erledigt die gute Gewichtsverteilung, denn der rund 500 Kilogramm schwere Akku im Fahrzeugboden hat eben auch sein Gutes.

Die Instrumente sind etwas zu karg geraten und die Restreichweite erst unterhalb einer Akkuladung von 25 Prozent anzuzeigen, ist schlicht nervig und störend im Alltagsbetrieb. Volvo verspricht eine maximale Reichweite von rund 420 Kilometern, die im Alltag jedoch mit realen Autobahn- und Landstraßenanteilen nicht zu machen ist. Im Praxistest lag der Durchschnittsverbrauch bei über 26 kWh auf 100 Kilometern und somit ist nach 300 Kilometern Schluss mit lustig.

Trotz der überschaubaren Länge von 4,43 Metern ist im Volvo XC40 Recharge genügend Platz - speziell in der ersten und eingeschränkt auch in der zweiten Reihe. Die Sitze sind bequem und wohl konturiert, so dass auf längeren Strecken keine frühzeitige Ermüdung auftritt. Der Laderaum mit seinen 452 Litern lässt sich durch Umlegen der Rückbank auf bis zu 1.328 Liter erweitern. Das Ladekabel kann man dabei unter der vorderen Haube verstauen - praktisch. Und bei über 30 Liter Volumen passt hier noch etwas mehr als Kleinteile herein. Vieles im XC40 kennt man eben aus dem Polestar 2, mit dem der mindestens 60.900 Euro teure Volvo weitgehend baugleich ist.

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