Mitarbeiterin sitzt vor einem Labeling-Tool auf dem Shopfloor.

Autobauer wie BMW testen auf dem Shopfloor niedrigschwellige KI-Anwendungen, um beispielsweise die Qualitätsprüfung zu optimieren. Bild: BMW

Nach vielen Jahren des Zögerns scheint sich Low-Code/No-Code (LC/NC) in der Softwareentwicklung allgemein durchzusetzen. So kommt eine aktuelle Studie der auf Low-Code spezialisierten Siemens-Tochter Mendix zu dem Ergebnis, dass 69 Prozent der deutschen Führungskräfte und Entwickler LC/NC bereits in ihrer Organisation nutzen; mehr als die Hälfte davon auch für komplexe, unternehmenskritische Anwendungen. Die wichtigsten Einsatzgebiete sind Unternehmenssoftware (37 Prozent), industrielle IoT-Apps (35 Prozent), Automatisierung von Arbeitsprozessen (35 Prozent), Data Modeling und Visualisierung (34 Prozent) sowie Robotic Process Automation (31 Prozent).

Die IT-Analysten wissen auch, warum LC/NC so begehrt ist. So kommt eine Forrester-Untersuchung zu dem Ergebnis, dass beispielsweise Microsofts LC/NC-Plattform Power Apps die durchschnittlichen Kosten für die App-Entwicklung um bis zu 74 Prozent reduzieren kann. „Low-Code und No-Code können vor allem durch ihre Integration in vorhandene Software- und Cloud-Umgebungen sowie in bestehende IT-Infrastrukturen punkten“, heißt es in deren Bericht.

Wo kommt Low-Code bislang zum Einsatz?

Auch in der Automobilbranche ist LC/NC sehr weit verbreitet. So verweist man bei Mendix auf eine komplexe Lösung im Finanzbereich von Conti. Hier wurde ein umfangreiches Projekt für die elektronische Investitionsanforderung in nur zwölf Wochen erstellt. In konventioneller Entwicklung hätte das über ein Jahr gedauert. Darüber hinaus nutzt Conti LC/NC inzwischen auch in den Bereichen HR und Einkauf. Bei Hella nimmt LC/NC ebenfalls einen breiten Raum ein. Zusammen mit dem LC-Spezialisten Appian hat man hier in nur sechs Monaten zwei Pilot-Anwendungen für das Workflow-Management erstellt. „Wir haben uns für Appian nach sorgfältiger Abwägung und Prüfung entschieden, da es alle unsere Vorgaben nach einer einfachen Entwicklungsumgebung erfüllt“, sagt Falko Krauß, Head of Solutions and Integration bei Hella.

Mitarbeiter sollen Software selbst entwickeln

Neben den vielen Business-Anwendungen bescheinigt die Mendix-Studie auch den Industrie-Anwendungen eine besondere Relevanz. So sehen 54 Prozent der Befragten in LC/NC das Potenzial, der industriellen Fertigung neuen Schwung zu verleihen. Generell kann man hierbei feststellen, dass der Bedarf nach mehr Software in den Produktionsprozessen auch deshalb ansteigt, weil IT und OT immer stärker zusammenwachsen. Dies erfolgt jedoch zumeist virtuell, denn die OT-Systeme sind häufig in physisch weit verteilten Fabrikstandorten angesiedelt, wogegen die IT-Systeme zentraler aufgebaut sind. Hier erhoffen sich die Fertigungsmanager, dass es bald möglich sein wird, dass das eigene Personal mithilfe von LC/NC maßgeschneiderte Anwendungen selbst erstellen kann.

Das ist ein sehr realistischer Wunsch, denn in der Fertigung der OEMs und bei den Zulieferern werden mithilfe von LC/NC immer mehr Aufgaben gelöst, die noch bis vor kurzem nur von IT-Experten gemeistert werden konnten. Meistens geht es dabei um integrative Aufgaben, beispielsweise um Maschinen mit übergeordneten ERP-Systemen zu verbinden oder auch die neuen Edge-Systeme in bestehende IT-Infrastrukturen besser zu integrieren. Dirk Pohla, Regional Vice President beim LC-Anbieter Appian, bestätigt das: „Die zunehmenden Integrationsanforderungen mit erweiterten Automatisierungsprozessen und KI-Funktionalitäten sind die neueste Entwicklungsstufe bei Low-Code“, lautet seine Einschätzung.

Viele Anbieter berichten auch von erfolgreichen Implementierungen von geschäftskritischen Fertigungslösungen. Beim Reifenhersteller Pirelli unterstützt beispielsweise ein LC-Programm eine ganz wesentliche Kernfunktion des Produktionsprozesses. Hier wird das Moldmanagement, also das Mischverhältnis von Gummi mit anderen Bestandteilen von einer LC-Anwendung berechnet. Laut Pirelli hat man sich hier für die Appian-Plattform entschieden, weil die benötigten Prozesse in der übergeordneten SAP-Plattform nur unzureichend abgebildet werden konnten.

Low-Code beschleunigt KI-Demokratisierung

Ein weiterer Trend von LC/NC in der Fertigung zeichnet sich im Rahmen der neuen KI-Lösungen ab. Hier kommt LC/NC vor allem deshalb zunehmend zum Einsatz, weil man sich von den aufwändigen Analysen der Datenwissenschaftler trennen will. So will der Industrie-Ausstatter Weidmüller mit seiner AutoML-Lösung maschinelles Lernen (ML) in der Industrie wesentlich breiter etablieren. Dazu hat man die eigenen Anwendungen für das maschinelle Anlernen von Algorithmen mithilfe von LC/NC so weit vereinfacht, dass jeder mit dem entsprechendem Domänenwissen ohne Hilfe von IT- oder Daten-Fachleuten seine individuellen KI-Lösungen eigenständig realisieren kann. Auf diese Art können ML-Modelle für den eigenen Use-Case in weniger als einer Stunde erstellt und ausgeführt werden. Speziell für KI ausgebildete Data Scientists hatten früher für dieselbe Aufgabe mehrere Wochen bis Monate im Rahmen von speziellen Projekten gebraucht.

Auch bei BMW bemüht man sich um eine – wie es dort heißt – „Demokratisierung der KI“. Das bedeutet, dass jeder Mitarbeiter in der Fertigung seine KI-Workloads selbst erstellen und betreiben kann. Zum Einsatz kommt dabei eine von Robotron entwickelte No-Code-Anwendung, mit der sich entsprechende KI-Lösungen auf jedem Arbeits-PC völlig eigenständig kreieren lassen, um dann direkt den individuellen Arbeitsablauf zu unterstützen.

BMW ist darüber hinaus auch im Ausbau der KI-Community sehr engagiert, in dem man viele eigenen LC/NC-Entwicklungen zur allgemeinen Nutzung bei Github bereitstellt. „Wir sehen viele Weiterentwicklungen, die auf unserem Quelltext und unserem No-Code-AI-Ansatz basieren. Wir werden diesen Ansatz weiterverfolgen und auch zukünftig unsere No-Code-AI-Algorithmen teilen, damit KI für eine breite Masse an Anwendern erschließbar wird“, sagt Kai Demtröder, Leiter Data Transformation und Künstliche Intelligenz.

Doch trotz aller Erfolgsberichte: Noch ist LC/NC in der Industrie nur ein Trend und bis zur breiten Nutzung, wie es bei den Business-Lösungen der Fall ist, ist es noch ein weiter Weg. Um auf die obige Mendix-Studie zurückzukommen: Bis auf die 35 Prozent IoT-Apps, entfällt der Rest auf Business-Anwendungen. „LC ist in der Fertigung noch nicht in der Breite angekommen, aber es ist ein klares Trendthema", sagt Volker Franze, Leiter Industrial Edge bei Siemens Digital Industries.

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