Inform-Geschäftsführer Matthias Berlit

Matthias Berlit: "Ein wesentliches Potenzial der Digitalisierung ist, auch unter Zeitdruck und in komplexen Situationen bessere Entscheidungen treffen zu können." Bild: Inform

Die gesamte Automobilindustrie leidet aktuell stark unter Lieferengpässen bei Halbleitern. Welche mittel- und langfristigen Auswirkungen wird das auf die Betriebsabläufe der Hersteller haben?

Die grundsätzlich richtigen Multisourcing-Strategien konnten das derzeitige Szenario nicht einkalkulieren. Aber handelt es sich hier nur um eine einmalig auftretende Sondersituation, bei der in der Pandemie vielfältige Einflüsse unglücklich zusammengekommen sind? Oder erleben wir einen ersten Vorgeschmack auf voneinander entkoppelte Volkswirtschaften und einen intensiven technologischen Wettbewerb mit China, durch die wir in Zukunft häufiger von Lieferungen abgeschnitten werden? In der Beschaffung sollten wir diese Fragen möglichst bald beantworten. Mittel- bis langfristig könnte das eine Verlagerung der Produktion nach Europa oder ein gleichmäßigeres Sourcing in verschiedenen asiatischen Demokratien bedeuten.

Wie können sich Automotive-Unternehmen besser auf Störungen in der Lieferkette vorbereiten? Was hat die Coronapandemie den Unternehmen gelehrt?

Die Pandemie hat uns gezeigt, dass wir tatsächlich in einer VUCA-Welt leben. Niemand konnte ein so einschneidendes, historisches Ereignis vorausahnen. Und auch Algorithmen können nicht in die Zukunft sehen. Für eine erhöhte Resilienz der Unternehmen halten wir es für wichtig, dass Unternehmen dennoch mehr in KI und die Optimierung von Planungsprozessen investieren.

Ein wesentliches Potenzial der Digitalisierung ist ja, auch unter Zeitdruck und in komplexen Situationen bessere Entscheidungen treffen zu können. Das betrifft zum Beispiel operative Entscheidungen in der Materialdisposition, der Transportsteuerung oder Produktionssteuerung. Solche Prozesse lassen sich hervorragend in mathematischen Modellen abbilden, die Milliarden verschiedener Handlungsmöglichkeiten enthalten. Optimierungsalgorithmen berechnen die situativ besten Szenarien, zum Beispiel, um mit dem noch vorhandenen Material möglichst viele Aufträge rechtzeitig fertigzustellen.

Durch die erhöhte Rechenleistung und die enormen Effizienzgewinne der Algorithmen lassen sich dabei zunehmend größere, zusammenhängende Aufgabenstellungen berechnen. Insofern wird es aus Sicht der IT eine der wichtigsten Aufgaben sein, einerseits Planungsprozesse umfangreicher zu vernetzen, andererseits sinnvolle Abgrenzungen zu finden, die noch eine operative Nutzung der Optimierungs- oder Simulationsergebnisse ermöglichen.

In welchen Bereichen der globalen Lieferketten beziehungsweise bei welchen Bauteilen und Ressourcen sehen Sie in Zukunft besondere Risiken für die Autobranche?

Wahrscheinlich sind häufig benötigte Bauteile wie Speicherchips und Standardprozessoren betroffen, die wegen des steigenden Bedarfs an Computerhardware, vor allem wegen der akuten Homeoffice-Arbeit, knapp werden. Anwendungsspezifische Bauteile dagegen, die in geringen Mengen speziell auf Kundenanforderungen hin entwickelt und produziert werden, können diesen Bedarf nämlich nicht decken. Mit dieser Überlegung blicken wir nur auf die kurzfristigen Entwicklungen. Für viel wichtiger halte ich die eingangs aufgeworfene Frage, wie sich die globalen Lieferketten angesichts geopolitischer Entwicklungen verändern werden. Vielleicht werden auch in Zukunft andere Regionen zuerst mit chinesischer Technologie bedient. Sind unsere Lieferketten darauf vorbereitet?

Zur Person:

Matthias Berlit ist seit 2021 Geschäftsführer der Inform GmbH und verantwortet unter anderem den Bereich Innovation. Seit Juli 2010 war er im Unternehmen zuvor als Bereichsleiter Industrielogistik / Healthcare Management tätig. In dieser Funktion verantwortete Berlit alle Planungs- und Supply Chain Management-Systeme für Kunden aus der Fertigungsindustrie.

Vor seinem Karrierebeginn bei Inform im Jahr 2001 studierte Berlit Physik an der RWTH Aachen. Er sammelte Erfahrungen als Projektleiter in verschiedenen SCM-Projekten in unterschiedlichen Branchen und konnte so zahlreiche Erfahrungen in der Anwendung von IT-Systemen für die Outbound-, Inbound- und Fertigfahrzeuglogistik insbesondere in der Automobilindustrie sammeln.

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