Antoine Saucier, Managing Director Automotive, TomTom

Eine Abhängigkeit von einem Lieferanten, der größer ist als der OEM selbst, kann zu zahlreichen Problemen führen, meint Antoine Saucier von TomTom. Bild: TomTom

| von Fabian Pertschy

Trojanisches Gefährt:

Auf dem Weg in eine software- und datengetriebene Zukunft setzen die Akteure der Automobilindustrie immer mehr auf Kooperationen mit großen Big Data- und Tech-Playern. Kostenintensive Rechenzentren, fragmentierte Mobilitätsdienste sowie offene Versprechen hinsichtlich Konnektivität und autonomem Fahren zwingen die OEMs förmlich zum Schulterschluss. Mehr dazu erfahren Sie in unserer Titelgeschichte der automotiveIT 02/2021, die am 6. April erscheint.

Tech-Konzerne wie Google entdecken zunehmend das Produkt Automobil für sich. Ergibt sich daraus eine gefährliche Abhängigkeit oder eine Chance für die OEMs?

Die Meinung der OEMs dazu ist gespalten. Einige sehen es als Chance, während viele es als Bedrohung sehen – wer gibt schon gerne die Schlüssel zu seinem eigenen Auto aus der Hand? Als Autohersteller kann eine zu große Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten, insbesondere wenn dieser größer ist als man selbst, zu zahlreichen Problemen führen. Das kann soweit führen, dass man bildlich gesprochen nicht mehr hinter dem Lenkrad der Zusammenarbeit sitzt, sondern auf dem Beifahrersitz landet. Einige Technologiefirmen versuchen die Daten der Fahrer zu kontrollieren und zu ihrem eigenen Vorteil zu monetarisieren – OEMs drohen die Kontrolle über die Privatsphäre ihrer Kunden abzugeben und laufen Gefahr, den Zugriff auf eine potenziell lukrative Einnahmequelle zu verlieren. Anders als unsere Wettbewerber bieten wir eine modulare Lösung an, die es den Autobauern erlaubt, die Komponenten verschiedener Anbieter auszuwählen, zu kombinieren und so die Lösung zu erhalten, die am besten zu den Bedürfnissen passt. Außerdem bieten wir einen hohen Grad an Individualisierungsmöglichkeiten, der es den Herstellern erlaubt, ihre eigene Markenidentität mit dem Fahrer zu teilen – und so sicherzustellen, dass ihr Infotainment-System nicht genauso aussieht wie das der Konkurrenz.

Inwiefern können Entwicklungspartnerschaften diesem Trend entgegenwirken und worin besteht ihr Vorteil?

Wir bei TomTom leben einen offenen und agilen Ansatz und bietet eine ganzheitliche und kosteneffiziente Lösung, die direkt die Bedenken adressiert, die OEMs bei der Zusammenarbeit mit großen Tech-Unternehmen haben. Wir lassen Automobilhersteller ihre Kundenbeziehungen selbst verwalten. TomTom verkauft nicht die Daten der Autofahrer, die unsere Dienste und Lösungen nutzen. Für uns steht der Datenschutz immer an erster Stelle. Wir bieten Flexibilität und lassen unseren Partnern die Wahl, ob sie unsere Navigation, Karten und Dienste einzeln oder umfassend verwenden wollen. Beispielsweise ist unsere neue Navigation vollständig hybrid und funktioniert sowohl online als auch offline. So können Automobilhersteller wählen, inwieweit unser Technologie-Stack onboard oder in der Cloud laufen soll.

Welche digitalen Dienste oder Softwareapplikationen sollten die Autobauer weiterhin selbst entwickeln und auf welche Weise würde dies TomTom zugutekommen?

Unsere jahrelange und umfangreiche Erfahrung in der Automobilindustrie hat uns gelehrt, dass es beim Infotainment-System um eine kollaborative Entwicklung geht. In Bezug auf die Benutzeroberfläche entwickelt TomTom Referenzkomponenten so, dass sie von einem OEM leicht an die Markenidentität angepasst werden können. Wenn es um die Personalisierung von Services geht, kennen die OEMs ihre Kunden am besten und verfügen über die entsprechenden Daten, während TomTom das Wissen mitbringt, um auf Basis dieser Daten ein persönlicheres Erlebnis zu schaffen. Ein gutes Beispiel dafür, wie sowohl Automobilhersteller, TomTom und letztlich Autofahrer von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit profitieren, ist das Thema Sicherheit beim Fahren. Diese TomTom-Dienste entfalten ihr Potenzial am besten, wenn sie mit den von den Autoherstellern zur Verfügung gestellten Fahrzeugsensordaten gepaart werden. Ohne diese gegenseitige Unterstützung wäre keiner von uns in der Lage, ein vernetztes Cockpit-Erlebnis zu entwickeln, das die hohen Erwartungen der heutigen Fahrer erfüllen könnte.

Zur Person:

Antoine Saucier kam im Jahr 2007 als Sales Director and Vice President Strategic Partnerships der Automotive Division zum Navigationsexperten TomTom. Seit September 2015 ist der promovierte Maschinenbauer als Managing Director bei TomTom Automotive tätig. Zuvor arbeitete er in unterschiedlichen Führungspositionen bei PSA Peugeot Citroen, Valeo und Hutchinson.

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