Ein Smartphone vor einem Fahrzeug.

Der vollelektrische Carsharing-Dienst von Volkswagen setzt auf KI und Machine Learning für neue Services. (Bild: WeShare)

„Was hat vier Räder und ist trotzdem grün?“ – mit diesem Slogan begrüßt die Homepage des Berliner Carsharing-Anbieters WeShare seine Kunden im Netz. Die Volkswagen-Tochter, die über das Unternehmen Urban Mobility International (UMI) seit 2019 mit vollelektrischen Fahrzeugen die Hauptstadt mit Carsharing-Angeboten versorgt, wollte vergangenes Jahr zur großen Expansionstour in Deutschland und Europa ansetzen – doch dann kam Corona. Und statt grün war rot auf einmal die prägende Farbe. Zumindest beim Blick in die Geschäftsbücher. Denn die Nachfrage in Sachen Carsharing brach zu Beginn der Pandemie komplett ein – mit massiven Auswirkungen auf die Bilanzen der großen Carsharing-Akteure.

Laut einer Befragung der Managementberatung Strategy& geben 31 Prozent der Deutschen an, dass sie das eigene Fahrzeug nach Beginn der Pandemie häufiger nutzen als zuvor. Der Trend zu Smart Mobility wird dagegen durch COVID-19 und die Präferenz individueller Mobilität eher gebremst: 77 Prozent wollen künftig seltener Carsharing und Ridehailing nutzen. Der aktuell größte Anreiz zur Gewinnung von Kunden für Sharing-Angebote ist das Herausstellen von Hygienemaßnahmen wie Fahrzeugreinigung und Desinfektion durch den Anbieter.

Carsharing benötigt smarte Algorithmen

Doch Hygienemaßnahmen sind nicht das einzige Lockmittel, dass die Dienste zur Kundengewinnung einsetzen. Mit Technologien wie KI und Machine Learning hinter den Kulissen soll das komplette Geschäftsmodell Carsharing in die Zukunft überführt werden. „Interessant ist vor allem der Bereich automatisierter Anwendungsfälle. Lösungen, die auf künstlicher Intelligenz basieren, können uns hier beispielsweise bei logistischen Fragestellungen helfen – etwa beim automatisierten Lademanagement oder etwa, wenn Kunden im Voraus gebuchte Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden sollen“, betont Thomas Lassmann, CTO bei Urban Mobility International.

Auf Basis früherer Buchungen und Informationen über Wetter oder Veranstaltungen kann ein Algorithmus voraussagen, wo in der Stadt Nutzer in den kommenden Stunden wahrscheinlich ein Auto benötigen. WeShare teilt die Stadt dazu in 50 mal 50 Meter kleine Kacheln ein, so dass die Mitarbeiter Autos bei Bedarf passgenau parken oder nach dem nächtlichen Laden zu den Kacheln fahren können, in denen in den Morgenstunden der größte Bedarf herrscht. Die Funktion zur Bedarfsvorhersage erkennt auch, wenn Autos sich an Orten wie Bahnhöfen sammeln, an denen sie in der Vergangenheit teilweise tagelang ungenutzt herumstanden.

WeShare fokussiert sich auf die Microsoft-Cloud

Das Unternehmen setzt dabei auf Cloud- und Plattform-Dienste von Microsoft. „Unsere IT-Landschaft besteht zu 80 Prozent aus Fremdsystemen“, führt Lassmann weiter aus. „Für uns als junges Unternehmen macht es wenig Sinn, unsere Entwickler-Kapazitäten für die Pflege eigener Server-Landschaften auszuschöpfen oder etwa IoT-Dienste zur Verarbeitung von Fahrzeugdaten zu programmieren.“ Und dafür musste UMI nicht groß auf Dienstleister-Suche gehen, denn eine strategische Partnerschaft zwischen dem Mutterkonzern Volkswagen und Microsoft besteht bereits seit 2018.

Mit Hilfe von Microsoft konnte die VW-Tochter auch ein weiteres Projekt vorantreiben: UMI möchte die derzeit in den Autos verbauten Steuergeräte durch eine Eigenentwicklung ersetzen, um die Stabilität zu verbessern und den Funktionsumfang zu erhöhen. Microsoft-Experten unterstützten bei der Entwicklung der betreffenden Anwendungen und der Konfiguration der benötigten Azure-Komponenten. Dreh- und Angelpunkt ist der Azure IoT Hub, der direkt mit dem Steuergerät verbunden ist.

Ein ID.3 von Volkswagen aus der WeShare-Flotte
WeShare nutzt für seine elektrifizierte Carsharing-Flotte Dienste von Microsoft Azure. Bild: WeShare

Aufgrund der vorgefertigten Dienste in Azure ist auf Kundenseite geringerer Aufwand nötig. Die Gesamtkosten sinken laut UMI-Angaben um 75 Prozent im Vergleich zum vollständigen Eigenbetrieb. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit Azure will Thomas Lassmann auch die Entwicklung einer eigenen Telematiklösung mit Hilfe von Microsoft stemmen. Ziel: Die Erreichbarkeit der Autos zu steigern, so dass Kunden sie per App verlässlich jederzeit öffnen oder abschließen können. Gleichzeitig soll der Funktionsumfang gegenüber der derzeitigen Telematiklösung vergrößert werden.

Auch die derzeit auf einer anderen Cloud-Plattform betriebenen Systeme zur Flottensteuerung sowie das für Kunden sichtbare Frontend will der Carsharing-Akteur nach und nach zu Azure migrieren. „Die größte Herausforderung ist es, schnell auf wechselnde Anforderungen der Kunden oder neue technische Entwicklungen etwa im Bereich von Partnerschaften oder spezieller Features reagieren zu können. Dieses schnelle und flexible Wachstum ist eine Kerncharakteristik neuer Geschäftsmodelle. Hier helfen uns gerade die Lösungen von Azure, agiler zu sein“, sagt Lassmann.

Flinkster entwickelt eigene Softwarelösungen

Mit der Deutschen Bahn ist ein weiterer Big Player im Carsharing-Markt unterwegs. Unter der Marke Flinkster betreibt die DB nach eigenen Angaben Deutschlands größtes stationsbasiertes Netzwerk mit rund 4.500 Fahrzeugen in über 400 Städten. Ohne passende IT-Landschaft natürlich ein unmögliches Unterfangen. „Die DB betreibt das Flinkster-Netzwerk mit einer eigenen Software, die auf einer sicheren Server-Infrastruktur in Deutschland betrieben wird. Die Software wird stetig weiterentwickelt und dabei auch um Funktionen von externen Dienstleistern, wie zur Zahlungsabwicklung oder digitalen Führerscheinprüfung erweitert“, illustriert Jürgen Witte, Deutsche Bahn Connect, Leiter Carsharing, und Vorstandsmitglied im Bundesverband Carsharing.

Rund 30 Partner betreiben ihre Fahrzeuge unter dem Dach der Flinkster-Plattform. Die Plattform bietet daher auch die Möglichkeit zur Quernutzung: Kunden könnten mit einem Account bei einem Flinkster-Partner die Fahrzeuge aller anderen Netzwerkpartner mit einem einfachen Tarifsystem nutzen, so Witte. Ferner bestehe die Möglichkeit zur Nutzung des gemeinsamen Flinkster-Kundenservicecenters, das partnerübergreifend Anfragen beantwortet. So werden Synergien innerhalb des Netzwerkes genutzt.

Fahrzeug des DB-Carsharing-Anbieters Flinkster.
Für das stationsbasierte Carsharing von Flinkster greift die Bahn auf ein umfangreiches IT-Netzwerk zurück. Bild: Deutsche Bahn

Die IT-Landschaft bei Flinkster muss jedoch noch weitere Herausforderungen meistern: „Eine zentrale Anforderung ist die Ausfallsicherheit, damit Kunden die Fahrzeuge verlässlich nutzen können. Stabilität und schnelle Reaktionszeit des Systems gehen einher mit der Möglichkeit, die Kapazitäten des Systems bei hoher Last skalieren zu können. Moderne und zuverlässige Schnittstellen des Systems sind elementar, um verschiedenen Hersteller von Bordcomputern in den Carsharing-Fahrzeugen sowie externe Softwaredienstleistungen anzubinden“, betont Jürgen Witte.

Ein weiteres Feature der Flinkster-Plattform ist die Pooling-Logik: Sie erlaubt an Carsharing-Stationen mit mehreren Fahrzeugen einer Klasse die automatische Verteilung von Buchungen auf das passende Fahrzeug nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, wie beispielsweise Laufleistung. Eine weitere Funktionalität ist die Integration von Elektromobilität, etwa hinsichtlich der Abbildung von Ladezyklen und der Anzeige das aktuellen Ladezustands in der App.

Share Now zeigt sich offen für IT-Kooperationen

Der gemeinsame Carsharing-Dienst von BMW und Daimler will auch wieder durchstarten. „Die Buchungsrückgänge im März und April waren signifikant. Durch die Einschränkungen in der Mobilität, die wir durch die Pandemie derzeit erfahren, sind wir natürlich betroffen“, sagte Olivier Reppert, CEO von Share Now im Interview mit automotiveIT. „Wir haben darauf schnell reagiert und uns innerhalb kürzester Zeit auf die neue Situation eingestellt, obwohl es ja von Land zu Land Unterschiede beim Shutdown gab.“

Und trotz tiefer Einschnitte durch die Auswirkungen der Pandemie verzeichnete der Carsharing-Anbieter ein gutes Geschäftsjahr: 2020 gab es 410.000 neue Registrierungen, die drei Millionen Share Now-Kunden mieteten knapp 18 Millionen Mal eines der rund 11.000 verfügbaren Fahrzeuge. Mehr als 23 Prozent aller Fahrten wurden dabei elektrisch zurückgelegt. Das entspricht einer Steigerung um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die durchschnittliche Dauer einer Miete stieg im gleichen Zeitraum um 63 Prozent und liegt nun bei 53 Minuten. 2021 stehen die Zeichen insgesamt wieder auf grün. Ein Eckpfeiler soll dabei die Erweiterung der europäischen Flotte um Modelle verschiedener Hersteller sein.

Ein Smartphone-Bildschirm mit geöffneter Share Now-App, im Hintergrund ist ein Carsharing-Fahrzeug zu sehen.
Nach dem Krisenjahr 2020 möchte Share Now seine Expansionspläne wieder vorantreiben. Bild: Share Now

Auch in Sachen IT zeigt sich der Carsharing-Dienst für Fremdanbieter offen: „Share Now nutzt eine vollständig cloudbasierte Infrastruktur und ist agnostisch gegenüber Anbietern. Das bedeutet, dass wir Dienste von Anbietern konsumieren, die unserer Meinung nach einen optimalen Service in einem bestimmten Bereich bieten“, heißt es dazu aus der Presseabteilung des Unternehmens. Dafür hat Share Now einen ganzheitlichen IT-Betrieb und eine schnelle und agile Methode zur Bereitstellung von IT-Ressourcen sowie eine Möglichkeit zur einfachen Skalierung der Dienste aufgebaut.

„Wir sind noch nicht am Zenit angekommen. Es ist ein Fehler zu glauben, User von Carsharing-Angeboten seien nicht Auto-affin und kehren uns deswegen zugunsten anderer Dienste den Rücken – das ist absolut falsch. Viele Carsharing-Nutzer verbinden mit Autofahren durchaus positive Emotionen. Wir haben Premiumfahrzeuge im Angebot und ein Premium-Pricing – und genau da entsteht für uns die Nachfrage“, unterstreicht CEO Reppert.

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