Ein Smartphone vor einem Auto.

Der Großteil der neuen Mobilitätsdienste wird als On-Demand-Angebot über das Smartphone für den Nutzer bereitgestellt. (Bild: Adobe Stock/ VAKSMANV)

Totgesagte leben länger. Was in Pandemiezeiten freilich zynisch klingt, beschreibt die aktuelle Lage in der Mobilitätsbranche ziemlich gut: Denn in den zurückliegenden eineinhalb Corona-Jahren erlebte das Auto als Safe Space und damit der motorisierte Individualverkehr eine regelrechte Renaissance, während der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und viele Services der Shared Mobility unter den teils massiven Einschränkungen des eigenen Betriebs zu leiden hatten. Zwar ist das Tal der Tränen weitestgehend durchschritten, da vor allem viele Mobility Provider ihr Business flexibel anpassen konnten, dennoch rüttelt sich die junge Branche weiter zurecht. „Viele Mobility-Akteure bewegen sich jetzt in eine Reife- und Konsolidierungsphase, in der es darum geht, echten Mobilitätsnutzen zu generieren und nachhaltig profitable Geschäftsmodelle zu etablieren“, erklärt Stefan Bratzel, Auto- und Mobilitätsexperte und Leiter des Center of Automotive Management (CAM).

Ein anschauliches Beispiel sei der Sektor Fahrdienstvermittlung, in dem sich derzeit zwei bis fünf dominierende Player herausschälten, die das Fahrdienst-Business immer stärker ausdifferenzieren und unter sich aufteilen, beschreibt es der Wissenschaftler. An der Spitze der Nahrungskette befinden sich dabei Uber und Didi Chuxing, die zusammen mit wenigen anderen ein veritables Oligopol aufgebaut hätten. „Das Ziel dieser Player ist ein umfassendes Mobilitäts-Ökosystem, mit dem sich am Ende des Tages auch Geld verdienen lässt.“

MSR zeigt die stärksten Mobility-Player

Die Konstanten und Variablen dieses neuen Ökosystems zeigt der neue Mobility Services Report (MSR), der jährlich vom CAM und automotiveIT veröffentlicht wird. Die dritte Ausgabe der Studie hat über 400 Services (266 relevante Dienste) von 140 Akteuren – darunter Automobilhersteller, Digitalplayer und Mobility Provider – aus den Bereichen Fahrdienstvermittlung, Carsharing, multimodale Dienste sowie Mikromobilität unter die Lupe genommen.

Der Bereich Fahrdienstvermittlung ist mit 111 Services am größten - davon sind 28 aus dem wichtigen Servicetyp Taxiportal, wozu beispielsweise das Daimler-BMW-Angebot Free Now oder die international erfolgreichen Taxidienste von Uber, Didi oder Grab gehören. Zweitgrößte Gruppe mit 82 Angeboten sind die multimodalen Dienste, darunter die Stellantis-Marke Free2Move. Deutlich kleiner ist das Geschäftsfeld Carsharing mit 46 Services sowie der noch immer junge Sektor der Mikromobilität (27 Einträge).

Uber und Didi dominieren Fahrdienste

Nicht nur was die schiere Größe des Marktes anbelangt, ist das Ökosystem der Fahrdienstvermittlung in Sachen Ausdifferenzierung kaum zu übertreffen – mit zugleich enormem Zukunftspotenzial. Das Besondere an diesem Typus: Fahrdienst-Betreiber verfügen in der Regel über keine eigene Fahrzeugflotte, sondern bringen Kunden und Provider über eigene digitale Plattformen zusammen. Kein Wunder, dass dieses Business seit Jahren von Playern wie Uber oder Didi Chuxing dominiert wird, die über hohes Daten- und Plattform-Knowhow verfügen.

Auch im MSR 2021 sind das kalifornische Unternehmen und der Gigant aus China über alle Servicetypen hinweg tonangebend: Inklusive des Heimatmarktes ist Didi mittlerweile in 4.000 Städten in 15 Län­dern vertreten und zählt fast 500 Millionen Kunden. Uber hat sein Netz sogar noch weiter ausgeworfen: Das einstige Startup aus dem Silicon Valley hat sein Angebot auf 10.000 Städte in 71 Län­dern ausgeweitet und kommt auf gut 93 Millionen aktive Nutzer.

Zu den Fahrdiensten zählen mittlerweile auch solche, die bereits mit selbstlenkenden Shuttles unterwegs sind. Im MSR 2021 stehen die autonomen Fahrdienste besonders im Fokus: In den USA, China und Europa schicken Tech-Konzerne, Mobility Provider und Autobauer bereits größere Flotten an autonomen Shuttles auf die Straßen – zu Testzwecken oder zum Teil schon im Realbetrieb mit Kunden.

Den breitesten Rollout hat bislang die Alphabet-Tochter Waymo vorzuweisen: Zwar ist sie nur in den USA aktiv, erprobt den eigenen hochbewerteten Robotaxidienst jedoch bereits in 26 Städten. „Das autonome Fahren wird für die geteilte Mobilität zum Game Changer“, unterstreicht Stefan Bratzel. „Autonome Fahrdienste werden neue Umsatzpotenziale heben und Mobilitätsakteure in die Gewinnzone führen.“

Carsharing steht im Fokus der Autobauer

Während die Autohersteller bei den Fahrdiensten eher unterrepräsentiert sind, gilt das nicht fürs Carsharing. Der Klassiker unter den Mobilitätsdiensten, der in der Coronakrise besonders stark gelitten hatte, ist in den Portfolios vieler OEMs fest verankert. Über die Servicetypen Free-float, stationsbasiert und Peer-to-Peer hinweg sind Daimler, Stellantis und BMW hier spitze. Die beiden deutschen OEMs profitie­ren vor allem vom gemeinsamen Free-float-Service Share Now, der trotz rückläufiger Nutzerzahlen weiterhin sehr servicestark ist.

Daimlers geringer Vorsprung im Ranking basiert auf dem zusätzlichen Peer-to-Peer-Angebot, unter anderem durch die Beteiligung an Turo. In diese Form des privaten Carsharings ist auch Stellantis über die Marke TravelCar investiert, die mittler­weile in die Mobilitätsplattform Free2Move integriert ist, über die wiederum auch Free-floating-Carsharing angeboten wird.

Multimodale Dienste sind Alleskönner der Mobilität

Auch bei den für viele als Königsdisziplin der neuen Mobilität angesehenen multimodalen Diensten dominieren die genannten Autobauer. Der Typus umfasst in Abstufungen On-De­mand-Services, die die Integration mehrerer Verkehrsträger für die eigene Reiseroute auf einer digitalen Plattform ermöglichen. Das reicht von einfacher Informationsbereitstellung über die Bu­chung und Bezahlung verschiedener Verkehrsträger bis hin zur Mobility Flatrate, bei der der Anwender mehrere Verkehrsträ­ger für einen Einmalpreis frei nutzen kann.  

Eine solche umfassende Ende-zu-Ende-Plattform bieten Stellantis mit Free2Move oder Daimler und BMW mit Reach Now. Naturgemäß sind hier auch Tech- und Datenriesen wie Alphabet mit dem Kartendienst Google Maps oder Intel mit Moovit oder auch die chinesischen Megakonzerne Alibaba oder Baidu gut vertreten. Sie profitieren ohne Zweifel von ihrer Big-Data-Kernkompetenz, da es darum geht, eine Vielzahl von Daten wie Fahrpläne oder Kosten von verschiedenen Akteuren zu kombinieren und nutzerfreundlich aufzubereiten.  

In der Mikromobilität steckt enormes Potenzial

Neue Akteure findet man in erster Linie in dem noch jungen Geschäftsfeld der Mikromobilität, bei dem Experten damit rechnen, dass es sich in den kommenden zehn Jahren zu einem Milliardenmarkt entwickeln könnte. Vor allem beim E-Scooter-Sharing wimmelt es nur so vor Startups wie Neutron (Lime), Bird, Tier Mobility oder Bolt. Die US-amerikanische Lime-Holding Neutron kann auch insgesamt Branchengrößen wie Didi oder die chinesische Plattform Meituan bei Dienstleistungen rund um E-Tretroller oder Verleihräder hinter sich lassen.

Beim elektrischen E-Scooter-Sharing spielt auch Bird eine wichtige Rolle. Der kalifornische Anbieter ist in 300 Städten vor allem in den USA, Mexiko und Europa vertreten. Aus Deutschland kommt das Startup Tier Mobility, das mittlerweile 13 Länder und über 100 Städte bedient und unter anderem mit Free Now eine Plattformallianz geschmiedet hat. Autokonzerne sucht man bei diesem Mobilitätstypus Ausnahme von Ford und Hyundai vergeblich.

Nicht alle Autobauer wissen, was sie wollen

Insgesamt zeigt sich die traditionelle Autoindustrie bei der New Mobility strategisch uneins, die Marktdurchdringung einzelner Angebote variiert teilweise erheblich. „Nur sehr wenige OEMs haben die Sharing-Mobility überhaupt als relevantes Geschäftsfeld der Zukunft identifiziert“, erläutert CAM-Direktor Stefan Bratzel. „Das liegt daran, dass die Entscheider in den Vorstandsetagen aktuell so sehr mit dem Wandel im Ownership-Bereich beschäftigt sind, dass der Blick über den Tellerrand des eigenen Geschäftsmodells überfordert.“

Dazu komme, dass nur wenige über die notwendigen Kompetenzen wie zum Beispiel Plattform-Knowhow oder Data Management verfügten, so der Mobilitätsexperte. Als Topperformer unter den Herstellern können weiterhin Daimler und BMW sowie neuerdings auch Stellantis bezeichnet werden. Mit deutlichem Abstand folgen dahinter Volkswagen, Toyota, SAIC, Renault und Geely.

So entsteht der MSR:

Cover Mobility Services Report

Das CAM hat im Mobility Services Report 2021 über 400 Services von Automobilherstellern, Digitalplayern und Mobility Providern in den Bereichen Fahrdienstvermittlung, Carsharing, multimodale Dienste sowie Micromobility nach quantitativen und qualitativen Kriterien erfasst und analysiert. Die vier Haupttypen wurden in 17 relevante Servicetypen untergliedert, die sich wiederum auf circa 140 Player mit den einzelnen Dienstleistungen verteilen. Die Servicestärke  wird anhand eines gewichteten relationalen Index mit einer Reihe aussagekräftiger Indikatoren wie Anzahl der Kunden oder Flottengröße bestimmt. Die Ergebnisse des aktuellen MSR werden auf dem Mobility Circle 2021 von CAM-Leiter Prof. Stefan Bratzel präsentiert und können hier als Summary oder in der Langfassung kostenfrei heruntergeladen werden.

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