Smartphone mit Didi-Logo vor Taxis.

Unter den Fahrdienstvermittlern ist Didi Chuxing der Branchenprimus. Seine Marktmacht spielt der Platzhirsch jedoch in erster Linie in China aus. (Bild: Didi Chuxing)

Es ist eigentlich keine neue Idee: Für den Weg zum Flughafen rufe ich mir gegen ein gewisses Entgelt eine Transportmöglichkeit plus Fahrer, in der analogen Welt Taxi genannt. Die Geschichte dieser simplen Dienstleistung reicht bis zu den Anfängen der menschlichen Zivilisation – damals nur nicht für den Weg zum Flughafen und auch längst nicht für jedermann zugänglich. Heute ist das Fahrdienstgewerbe ein Kernbusiness des digitalen Zeitalters: Egal, ob der Ruf nach einem Taxi, Ridesharing- oder Chauffeurdienst sowie On-Demand-Shuttle laut wird, die komplette Abwicklung läuft über digitale Plattformen, zumeist über Apps auf dem Smartphone.

Das Geschäft mit den digitalen Fahrdienstvermittlungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem heißumkämpften Milliardenmarkt entwickelt. Laut PS Market Research lag das weltweite Marktvolumen von appbasierten Fahrdiensten im Jahr 2018 bei rund 50 Milliarden US-Dollar und könnte bis 2024 auf 120 Milliarden Dollar anwachsen. Mit mehr als 500 Millionen Nutzern ist China mit Abstand der größte Markt, es folgen Europa mit 150 Millionen und die USA mit 100 Millionen Kunden. Eine Studie von Juniper Research kommt in eigenen Berechnungen sogar auf ein Volumen von 937 Milliarden US-Dollar für den globalen Ridesharing-Markt im Jahr 2026, in den kommenden fünf Jahren entspräche dies einem Wachstum von mehr als 500 Prozent. Rund zwei Drittel des entsprechenden Marktes sehen die Juniper-Analysten in China und den USA. Ein Großteil der Transporte werde jedoch weiterhin alleine absolviert, für das Carpooling werden sich der Studie zufolge 2026 vermutlich nur 13 Prozent der Mobilisten erwärmen können. Da dem Carpooling abgeneigte Nutzer auch bereit seien, einen Aufpreis für Transporte ohne Mitfahrer zu zahlen, müssten entsprechende Dienste durch nicht-finanzielle Anreize, etwa die Mitbenutzung von Busspuren, angeregt werden, so die Experten.

Wer sind die größten Anbieter von Ridehailing?

Der Markt für Fahrdienstleistungen hat sich weltweit in den vergangenen Jahren auf wenige Big Player konsolidiert. „Hier schälen sich zwei bis fünf dominierende Player heraus, die das Fahrdienst-Business immer stärker ausdifferenzieren und unter sich aufteilen“, erklärt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM). Dazu gehören ohne Zweifel Uber und Lyft in den USA und Didi Chuxing in China. Weitere relevante Player sind unter anderem Gett, Grab, Ola, Bolt und in Europa Free Now, das Fahrdienst-Joint-Venture von BMW und Daimler. „Das Ziel dieser Player ist ein umfassendes Mobilitäts-Ökosystem, mit dem sich am Ende des Tages auch Geld verdienen lässt“, erklärt Bratzel.

Denn ein wirtschaftlicher Betrieb ist bei den Fahrdienstleistern bislang noch nicht Realität. Beispielsweise schreibt Platzhirsch Uber seit Unternehmensgründung 2009 jedes Jahr Verluste in Milliardenhöhe – ungeachtet der übersteigerten Unternehmensbewertung an der Börse. Ähnlich erging es Ubers Konkurrent Didi, der im ersten Quartal 2021 erstmals einen Nettogewinn von gut 870 Millionen US-Dollar ausweisen konnte. Trotz roter Zahlen haben es beide Unternehmen in den letzten Jahren geschafft, ein echtes Oligopol im Fahrdienst-Business aufzubauen. Im Mobility Services Report 2021 von automotiveIT und CAM, der jährlich die Performance der relevanten globalen Mobilitätsdienste in den Fokus nimmt, können sie über alle Servicetypen im Bereich Fahrdienstvermittlung (siehe Infokasten) hinweg die besten Ergebnisse erreichen. Im CAM-Ranking folgen dahinter Daimler als einer der wenigen Autobauer, Grab, Dida Chuxing und die Google-Mutter Alphabet.

Das sind die wichtigsten Fahrdiensttypen:

Der Mobility Services Report definiert Fahrdienstvermittler als Anbieter von entgeltlichen Beförderungsdienstleistungen. Fahrgäste werden über eine Online-Anwendung (App) oder Digitalplattform auf Abruf an Fahrer oder autonome Shuttles vermittelt.

 

  • Taxi-Portal: Plattform für den Ruf regulärer Taxis mit professionellen Fahrern
  • Chauffeurdienst: Luxuriöser Taxidienst mit geschulten Fahrern
  • Ridehailing: Digital buchbare Direktfahrten mit überwiegend privaten Pkw
  • Ridesharing: Klassische Mitfahrgelegenheit in privaten Pkw
  • Ridepooling: Flottenfahrzeuge ohne festen Fahrplan bündeln Fahrtanfragen auf festgelegten oder individuellen Routen

An Didi Chuxing kommt in China keiner vorbei

Der größte Anbieter von Fahrdienstvermittlungen aller Art ist Didi Chuxing. Das 2012 gegründete chinesische Unternehmen zählte trotz Coronapandemie im vergangenen Geschäftsjahr fast 500 Millionen aktive Nutzer pro Jahr bei 41 Millionen täglichen Transaktionen. In der gleichen Zeit erzielte Didi einen Gesamtumsatz von 21,6 Milliarden US-Dollar ­– mehr als 90 Prozent davon auf dem chinesischen Markt.

Dort bietet der Mobility Provider auf seiner Plattform eine breite Palette an Diensten an, darunter Taxiservices mit privaten und professionellen Fahrern, Chauffeurdienste oder Ridesharing. Das Fahrdienst-Netzwerk, an dem sich rund 13 Millionen Fahrer beteiligen, spannt sich mittlerweile über mehr als 4.000 Städte in 15 Ländern. In China ist Didi quasi Monopolist, nachdem das Unternehmen 2015 den Konkurrenten Kuaidi und ein Jahr später das Chinageschäft von Uber übernahm.

Doch der Megakonzern aus dem Reich der Mitte will sich nicht auf das klassische Fahrdienstgeschäft begrenzen. Didi betreibt mittlerweile mit rund 3.000 Partnern das größte Fahrzeugleasingnetzwerk Chinas und will auch bei den Branchentrends Elektromobilität und autonomes Fahren ein gewichtiges Wort mitreden. Vor zwei Jahren kündigte das Unternehmen an, die eigene Elektroauto-Flotte von 200.000 Fahrzeuge auf mehr als eine Million im Jahr 2020 auszubauen – was auch gelang. Zudem besitzt Didi in China das größte Ladenetz für Stromer mit einem Marktanteil von über 30 Prozent am gesamten öffentlichen Ladevolumen. Mit OEM-Partner BYD wurde mit dem D1 Ende 2020 ein speziell für die geteilte Mobilität konzipiertes E-Auto auf den Markt gebracht.

Seit dem Jahr 2017 engagiert sich der Mobilitätsriese auch im Bereich autonomes Fahren. Didi verfügt über eine Testflotte von rund 100 Fahrzeugen und erprobt in Shanghai dank Fahrgastbeförderungslizenz bereits einen On-Demand-Robotaxidienst unter Realbedingungen. Im Frühjahr 2021 gab das Unternehmen eine Kooperation mit Volvo bekannt, in dessen Rahmen der schwedische OEM eine Reihe an Fahrzeugen des Typs XC90 für die autonomen Testfahrten zur Verfügung stellt. Didi integriert in die SUVs selbstentwickelte Level-4-Software sowie Hardware wie Sensoren oder Kameras.

Eine aggressive Expansion sicherte Uber den Erfolg

Uber hat in westlichen Breiten das Thema Fahrdienstvermittlung auf die Mobilitätslandkarte gesetzt. Das 2009 von Garret Camp und Travis Kalanick gegründete Silicon-Valley-Startup zeichnete sich in seinen Anfangsjahren durch eine aggressive Expansionsstrategie aus – die vor allem auf dem deutschen Markt durch eine widerständige Taxi-Lobby und veraltete Regularien eingebremst wurde. Im Gegensatz zu Didi Chuxing hat Uber sein Angebot mittlerweile auf den ganzen Globus ausgeweitet: Entsprechende Dienste können heute in 71 Ländern und über 10.000 Städten genutzt werden.

Nachdem im Krisenjahr 2020 die Anzahl der monatlichen Plattformnutzer von 111 auf 93 Millionen einbrach, kehrte Uber mit rund 118 Millionen im Jahr 2021 wieder zu alter Stärke zurück. Dabei gelang es dem Unternehmen trotz widriger Umstände, den Umsatz auf 17,4 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Allerdings stehen den rasant steigenden Umsätzen starke Verluste gegenüber. Allein im ersten Halbjahr 2022 machte Uber knapp 15 Milliarden US-Dollar Umsatz, erzielte dabei aber einen Nettoverlust von mehr als 8,5 Milliarden US-Dollar.

Uber trotzt der Krise mit breiter Service-Palette

Wie Didi setzt auch der US-Konzern auf ein breites Spektrum an Fahrdienstleistungen: Der bekannteste Service ist Uber X, bei dem Privatpersonen ihre eigenen als Taxidienst anbieten. Daneben werden je nach Markt auch Pooling-, Chauffeur- und Mietwagen-Services angeboten. Während der Coronakrise hat Uber von seiner Expansion in die Geschäftsfelder Essenslieferung (UberEats) und Logistik (Uber Freight) profitiert: Mit einem Anteile von knapp 60 Prozent am Gesamtumsatz überstiegen sie 2021 erstmals deutlich den Mobilitätsbereich.

Eine weitere Parallele zu Didi Chuxing gab es lange Zeit in Sachen autonomes Fahren. Schon 2016 schickte Uber selbstfahrende Volvo XC90 auf die Straßen San Franciscos. Die Entwicklung schien jedoch zu kostspielig: Ende 2020 verkaufte das Unternehmen die Entwicklungsabteilung ATG an das Startup Aurora, hält sich durch eine Unternehmensbeteiligung aber eine Hintertür in Sachen autonomes Fahren offen.

Lyft setzt voll auf Elektrifizierung

Größter Konkurrent für Uber in den USA ist seit Jahren Lyft. Mit rund zwölf Millionen aktiven Nutzern im Monat in gut 650 Städten auf dem nordamerikanischen Markt reicht der Fahrdienstvermittler jedoch bei weitem nicht an die Größe des Pioniers heran. Das 2012 in San Francisco gegründete Unternehmen verfügt neben klassischem Ridehailing mit Privattaxis auch über Chauffeur- und Poolingdienste. Damit machte Lyft 2020 einen Gesamtumsatz von rund 2,4 Milliarden US-Dollar, ein Jahr zuvor waren es gut 3,6 Milliarden.

Im gleichen Jahr kündigte Unternehmensboss John Zimmer an, dass bis zum Jahr 2030 sämtliche Fahrten mit Elektroautos absolviert werden sollen. Die Null-Emissionen-Strategie gilt für alle Geschäftsfelder, auch für das autonome Fahren, aus dessen Entwicklung Lyft mittlerweile jedoch wieder ausgestiegen ist. Der Bereich ging im Frühjahr 2021 für eine halbe Milliarde US-Dollar an eine Toyota-Tochter. Zusammen mit der Volkswagen- und Ford-Tochter Argo AI soll zudem eine eigene Testflotte selbstlenkender Fahrzeuge aufgebaut werden.

Bolt setzt zum Überholvorgang an

Zu einem ernsthaften Mitbewerber von Uber und Lyft könnte sich derweil das primär in Europa und Afrika aktive Jungunternehmen Bolt aus Estland entwickeln. Das 2013 gegründete Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 100 Millionen Nutzer und einen Firmenwert von 7,4 Milliarden Euro, nachdem zu Beginn des Jahres eine Finanzierungsrunde in Höhe von 628 Millionen Euro abgeschlossen wurde. Aktuell ist der Anbieter, der neben Ridehailing auch den Verleih von E-Scootern und E-Bikes, Carsharing sowie die Lieferung von Einkäufen und Essen im eigenen Portfolio hat, in 400 Städten in 45 Ländern aktiv.

Gegenüber wired.co.uk erklärt Firmengründer Markus Villig die Strategie von Bolt: Zunächst habe das Unternehmen begonnen, den eigenen Dienst in eben jenen Städten zu etablieren, die nicht auf der Prioritätenliste von Konkurrenten wie Uber standen oder stehen. Dies habe zum einen zu Erfolgen im der Heimatstadt Tallinn geführt, Bolt allerdings auch nicht unerheblichen Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent beschert. Mit diesen Erfolgen im Rücken schickt sich Bolt nun auch an, die Platzhirsche der Branche in ihrem eigenen Revier zu attackieren. So expandierte Bolt unter anderem 2019 nach London, um dem Quasi-Monopol Ubers Paroli zu bieten. Die Strategie des estländischen Anbieters klingt dabei so einfach wie einleuchtend: Durch eine geringere Beteiligung des Unternehmens an den erwirtschafteten Umsätzen durch die Fahrer möchte das Team Uber beim Preis der Fahrten unterbieten und sich so etablieren.

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