Die CIOs der deutschen Autobauer Porsche, Daimler, BMW und Audi als Illustration (Ulbrich, Brecht, Buresch, Loydl)

In der Coronakrise sind die Pläne der CIOs plötzlich wichtiger denn je. (Bild: Claus Dick; Illustration: Andreas Croonenbroeck)

Der 20. März 2020 war kein normaler Arbeitstag für die VW-Mitarbeiter im IT-Zentrum in Wolfsburg: Nach gut neun Jahren verabschiedete sich der langjährige Group-CIO Martin Hofmann von seinen Mitarbeitern in der IT. Auch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh war beim Abschied des IT-Chefs zugegen. Hofmanns Position übernahm Anfang April Beate Hofer, die bis dahin für die IT-Sicherheit im Volkswagen-Konzern verantwortlich zeichnete.

Mit dem Ausscheiden Hofmanns endete bei den Wolfsburgern eine langjährige Ära. Nur die wenigsten hätten wohl bei seinem Dienstantritt im Jahr 2011 gedacht, dass sich jemand so lange als Chief Information Officer bei Volkswagen halten kann und schlussendlich selber eine neue Herausforderung fernab der Wolfsburger VW-Schornsteine sucht. Denn für personelle Kontinuität auf Managementebene ist der Konzern ja nicht gerade bekannt.

Zäsur in der Volkswagen-IT

Dennoch trifft der Ausstieg Hofmanns den Autobauer zur Unzeit, denn VW befindet sich aktuell in einer kosten- und ressourcenintensiven Transformation ins elektromobile Zeitalter. Gleichzeitig soll auch der Anteil selbstentwickelter Software im Fahrzeug von aktuell unter zehn Prozent deutlich nach oben geschraubt werden. Funktionsfähige IT-Systeme und eine klare sowie kontinuierliche Strategie, wo unter anderem die technologische Reise hingehen soll, sind da unabdingbar. Eine Baustelle, um die sich bei Volkswagen nun andere leitende Angestellte kümmern müssen.

Hofmann hat der Autobranche bereits den Rücken gekehrt und beim Cloud-Computing-Anbieter Salesforce angeheuert. „Die Transformationskraft von digitalen Technologien begleitet und fasziniert mich seit jeher. In meiner Zeit als Group-CIO bei Volkswagen hatte ich die einmalige Gelegenheit, mit vielen Technologie­unternehmen zusammenzuarbeiten. Einige haben mich schwer beeindruckt – vor allem wenn sie auf komplett neue Ansätze und Geschäftsmodelle wie beispielsweise die Cloud setzen“, betont Hofmann gegenüber automotiveIT.

Unbenommen profitiert der ehemalige CIO des größten Automobilkonzerns in seiner neuen Rolle von der Expertise und den Kontakten, die er in seiner Zeit bei Volkswagen gesammelt hat. „Die Automobilbranche hat in den letzten Jahren verstanden, dass es nicht nur auf das Produkt, sondern in erster Linie auch auf Kundenorientierung und individuelle Serviceleistungen ankommt. Neue Ansätze wie Abomodelle beispielsweise werden immer attraktiver und sind gefragt. Das ist genau der Punkt, an dem ich ansetzen möchte.“

BMW liegt auf Höhe der Zeit

Mit dem überraschenden Wechsel an der Spitze der IT-Abteilung steht man in Wolfsburg jedoch nicht alleine da. Auch BMW verlor mit CIO Klaus Straub, der seit 2014 die Geschicke der Group-IT der Münchener leitete, im letzten Herbst seine Technologieführungskraft. Im Rahmen seiner Tätigkeit zeigte sich Klaus Straub unter anderem für die Strategie „100 % agile“ verantwortlich. Der bayerische Premiumhersteller setzt in diesem Zusammenhang in der eigenen IT inzwischen stärker auf agile Methoden als viele Konkurrenten.

Auch Straub verließ wie Hofmann auf eigenen Wunsch hin die Autobranche. Die vakante Position bei BMW übernahm Alexander Buresch, der die Agilitätsstrategie des Vorgängers fortführen möchte. Und auch in anderen Bereichen hat Straub seinem Nachfolger ein bestelltes Feld hinterlassen: „Ich sage, dass wir heute schon ein digitales Unternehmen sind. Aber die Durchdringung nimmt natürlich weiter zu. Die Digitalisierung findet über die gesamte Wertschöpfungskette statt“, unterstreicht Buresch im automotiveIT-Interview.

Damit liegt man bei BMW auf der Höhe der Zeit, wie auch das Beratungsunternehmen Capgemini im Branchenfokus Automotive bestätigt. Demnach stehen die Digitalisierung und die Erhöhung der Effizienz derzeit bei den Automotive-Entscheidern ganz oben auf der Agenda, gefolgt von einer Reduzierung der Kosten.

Die Nutzung intelligenter Technologien wie Machine Learning, Predictive Analytics oder Bilderkennung ist für rund ein Viertel der Branchenentscheider eines der wichtigsten Ziele des laufenden Jahres. Als Treiber für den Einsatz dieser Technologien gelten laut Studienautoren in erster Linie die IT-Abteilungen. Fachbereiche wie Fahrzeugentwicklung, Produktion, Marketing und Vertrieb oder Aftersales profitieren davon und schätzen den Stellenwert der IT für den Erfolg des Unternehmens nach eigener Aussage hoch ein.

Daimler plant IT-Outsourcing

Wie ein Brennglas hat zudem der Corona-Shutdown gewirkt und die Bedeutung einer funktionsfähigen IT-Infrastruktur für die gesamte Branche unterstrichen: Für die Automotive-CIOs ist diese Situation nun Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite streichen emsige Controller in der Krise bereits die Ausgaben zusammen, um wegbrechende Pkw-Verkäufe wenigstens zum Teil aufzufangen. Da bleibt natürlich auch die IT nicht verschont. Auf der anderen Seite können die CIOs darauf pochen, dass sich eingeleitete Prozesse und die konsequente digitale Ausrichtung in der Hochphase der Pandemie positiv auf zehntausende Mitarbeiter im Homeoffice ausgewirkt haben und das Geschäft am Laufen hielten.

So stellt sich auch die Lage bei Daimler dar. Während die Produktion ab Mitte März stillstand, wurden tausende Mitarbeiter aus der Verwaltung ins Homeoffice geschickt. Doch ohne Rotstift kann auch in Stuttgart wohl keine Zukunft gestaltet werden: Allein für die Konzernsparte Mercedes-Benz Cars soll bis Ende 2022 mehr als eine Milliarde Euro an Einsparungen zusammenkommen. Insgesamt 15.000 Stellen stehen auf dem Prüfstand – und das Personalkarussell dreht sich vermutlich auch in der Konzern-IT schneller, als es vielen lieb ist.

Wie aus einem Brief des Daimler-Gesamtbetriebsrates hervorgeht, könnten in dem Fachbereich bis Mitte nächsten Jahres bis zu 2.000 Beschäftigte – davon 900 allein Deutschland – an Fremdfirmen übergeben werden. Für Daimler-CIO Jan Brecht keine allzu gute Ausgangsposition. Auch wenn er mit der Strategie #TwiceAsFast die IT auf Schnelligkeit und Effizienz trimmt, soll er den Stuttgarter Konzern auch in Sachen Softwarekompetenz weiter nach vorne bringen.

Die CIOs von Audi, BMW, Daimler und Porsche im Porträt:

Frank Loyd, Audi:

Audi-CIO Frank Loydl

Ein neuer CIO müsse keineswegs alles auf den Kopf stellen, erklärte Frank Loydl auf dem letztjährigen automotiveIT-Kongress. Seit seinem ersten Arbeitstag im Februar 2018 hat der Nachfolger von Mattias Ulbrich auf dem Posten des Audi-CIO dennoch fundamentale Änderungen angestrebt – angefangen bei Aufbau und Ablauf. Das Brainstorming für die anstehende Transformation bis zum Jahr 2025 markierte den ersten Schritt im von Loydl verfochtenen partizipativen Ansatz und offenbarte akuten Handlungsbedarf. Das Ergebnis: NEXT:IT. Statt einer Aufteilung nach einzelnen Geschäftsbereichen wurden die Teams fortan nach Technologien und Plattformen ausgerichtet, Strukturelemente und ablauforientierte Prozesse wurden konsequent getrennt. Unter Loydls Ägide soll die Audi-IT eine stärkere Governance-Aufgabe wahrnehmen und damit Herrin über Technologien, Daten und Methoden sein. Die Leitplanken dieses Konstrukts: Cybersecurity und Architektur. Die Eigenleistung in gewissen Kernbereichen wurde erhöht, zukünftig könnten gar ein konzernübergreifend abgestimmtes Portfolio entwickelt und dadurch Redundanzen beseitigt sowie Priorisierungen vorgenommen werden. Im Hinblick auf die Leistung der IT-Mannschaft dürfte letztlich das neue Software Development Center in Ingolstadt verdeutlichen, welche Fortschritte Audi macht. Nur sieben Monate nach der Eröffnung im Mai 2019 konnte das Team bereits zwei Minimal Viable Products vorweisen – ein Meilenstein. In früheren Zeiten hätte es wohl den gleichen Zeitraum erfordert, um überhaupt ein Request for Proposal vorzulegen, so Loydl. 

Alexander Buresch, BMW:

BMW-CIO Alexander Buresch

Die BMW Group hat im Herbst 2019 Alexander Buresch als Nachfolger von Klaus Straub im Amt des CIO benannt. Zum Start hat Buresch, der zuvor als Vice President Corporate Strategy and Planning beim OEM tätig war, sich und seinem Team einen sogenannten 100-Tage-Boost auferlegt. Zentrales Anliegen sei ihm die „digitale Durchdringung aller Geschäftsprozesse“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler kürzlich in einem Interview mit automotiveIT. Diese Agenda dürfte auch auf das Wohlwollen des Vorstands treffen, zumal die zwischenzeitlich hereingebrochene Corona-Pandemie komplexen Unternehmen treffsichere digitale Strategien abverlangt. Buresch will dazu eine enge Integration von Business und IT vorantreiben. In der Branche erkenne man auch andere Ansätze, aber dieses Zielbild teile der Vorstand, zeigt sich der CIO überzeugt. „Wenn wir der Digitalisierungstreiber im Unternehmen sein wollen, müssen wir mit den verschiedenen Fachbereichen die Strategie und IT-Zielbilder entwickeln. Das haben wir uns in diesem Jahr konkret vorgenommen.“ Den zwischenzeitlichen Lockdown habe man gut genutzt und es über 74 000 Mitarbeitern ermöglicht, ohne Einschränkungen von zuhause aus zu arbeiten, betont Buresch. Learnings dazu konnte er vor allem aus seiner Markterfahrung in China ziehen, wo er vor seiner Zeit als CIO unter anderem das Digitalisierungsprogramm für den Vertrieb verantwortete. Für die Zukunft setzt Buresch auf ein hohes Maß an eigenem Knowhow in der Softwareentwicklung sowie auf eine klare Plattformstrategie, um neue Anforderungen in Services zu konsolidieren.

Jan Brecht, Daimler:

Daimler-CIO Jan Brecht

Vielen Analysten gilt Daimler als Sorgenkind der deutschen Automobilbranche. Vorstandschef Ola Källenius drängt aus diesem Grund vehement darauf, in allen Unternehmensbereichen die Kosten zu senken und Mitarbeiter abzubauen. Die Restruktierungsmaßnahmen bekommt auch die Konzern-IT zu spüren: Sie muss bei der Digitalisierung aller Geschäftsprozesse Tempo machen und selbst ein Vorbild für Effizienz und straffes Ressourcenmanagement sein. Für CIO Jan Brecht eine Aufgabe, mit der er sich auskennt: Schon in seiner Zeit beim Sportartikelhersteller Adidas achtete er nicht nur darauf, dass Systeme und Applikationen stabil liefen, sondern setzte sich auch dafür ein, einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg zu leisten. Umsatz und Marge müssen stimmen, das betont Brecht immer wieder. Die Kehrseite der Medaille: Wurde diesen Sommer noch darüber nachgedacht, bis zu 2000 IT-Stellen an Fremdfirmen auszulagern, könnten es bis zum Jahresende weitaus mehr sein. Daimler hat mehrere große IT-Dienstleister aufgefordert, Angebote für den Betrieb von Rechenzentren, Netzwerken und IT-Arbeitsplätzen abzugeben – Personalübernahmen inklusive. So sollen Entlastungen von bis zu einer Milliarde Euro erzielt werden. Diese Strategie erinnert an die 1990er Jahre: Damals siedelte der schwäbische Hersteller sein operatives IT-Tagesgeschäft im ausgegründeten Debis Systemhaus an. Kommt es zwei Jahrzehnte später erneut zu so einem Schritt, könnten sich Jan Brecht und seine verkleinerte Mannschaft auf das konzentrieren, was auch die Autobranche in Gegenwart und Zukunft antreibt: Software und Daten.

Mattias Ulbrich, Porsche:

Porsche-CIO Mattias Ulbrich

Porsche-CIO Mattias Ulbrich dürften die zurückliegenden Monate einige Schweißperlen auf die Stirn getrieben haben. Als IT-Chef ist der 53-Jährige nicht nur für die Systemlandschaften beim Sportwagenbauer verantwortlich, auch die Produktions-IT der Konzernmutter Volkswagen fällt in seinen Aktionsradius. Und die stand während der Hochphase der Coronakrise auf Standby, was die IT jedoch zu nutzen wusste: „Gefühlt haben wir allein im April mehr Changes durchgeführt als sonst in einem halben Jahr“, erklärte Ulbrich gegenüber automotiveIT. Eigentlich fing das Jahr so vielversprechend für den Nachfolger von Sven Lorenz an: Im März kündigte der Traditionshersteller an, rund eine Milliarde Euro in Digitalisierungsthemen investieren zu wollen, hinzu kommen pro Jahr 900 Millionen Euro für die Prozessdigitalisierung. Eine gute Basis für Ulbrichs Plan, Porsches IT-Systeme in Sachen Performance und Nutzerfreundlichkeit komplett zu erneuern. Dabei geht es ihm nicht nur um schlichte technologische Updates von Einzelsystemen. „Wir dürfen die Nutzererfahrung nicht aus den Augen verlieren und sollten noch viel stärker darauf drängen, Unternehmensprozesse zu digitalisieren und zu integrieren. Die täglichen Anforderungen der Porsche Mitarbeiter an die IT bestimmen unsere Agenda“, sagte Ulbrich vergangenes Jahr im Interview mit automotiveIT. Dazu gehöre auch die stärkere Nutzung von Collaboration-Tools, der Schwenk auf mobiles Arbeiten und ein intensiverer Cloudeinsatz, um Daten vor Ort verfügbar zu machen. Alles, damit Porsches Entwicklerteams weltweit enger zusammenrücken können.

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