Illustration zu IT-Trends

Das Jahr 2020 steht im Zeichen der Corona-Krise. Dennoch können es sich IT-Manager nicht leisten, die eigene Digitalisierung schleifen zu lassen. Bild: Shutterstock/ESB Professional, Illustration: Andreas Croonenbroeck

Eines der in diesem Jahr wohl am häufigsten bemühten Schlagwörter lautet „systemrelevant“. Im Kontext der Coronakrise werden damit unter anderem die tausenden Ärzte und Pflegerinnen eingestuft, die Tag für Tag gegen die Folgen einer weltweiten Viruspandemie kämpfen. In der Automobilindustrie sind es vor allem die IT-Systeme, die als technologisches Backbone mehr denn je als systemrelevant für das Funktionieren der gesamten Wertschöpfungskette inmitten einer von Shutdowns und Strukturwandel dominierten Zeit zu bewerten sind.

Bei Herstellern wie Zulieferern mussten abertausende Beschäftigte ins Homeoffice, die Produktion stand während der Hochphase des Lockdowns wochenlang still. Um das Arbeiten von zuhause aus möglich zu machen, stockte man die VPN-Zugänge massiv auf, die Nutzung von Kollaborations- und Kommunikationstools schnellte rapide in die Höhe. Die IT habe die Arbeitsfähigkeit während des Lockdowns gesichert, bestätigte auch Audi-CIO Frank Loydl im Interview mit automotiveIT: „Corona hat uns einen zusätzlichen Schub gegeben.“ Eine Feststellung, die auch sein Kollege von BMW, Alexander Buresch, im Gespräch bestätigte: „Digitalisierung steht an erster Stelle. Durch die Coronakrise ist die Bedeutung des Themas jetzt auch im letzten Winkel des Unternehmens angekommen.“ Laut einer Befragung des Digitalverbandes Bitkom bestätigen acht von zehn Unternehmen in Deutschland, dass die Digitalisierung durch Corona an Relevanz gewonnen hat. Sieben von zehn Firmen, deren Geschäftsmodell bereits digitalisiert ist, sowie 65 Prozent, deren Geschäftsprozesse schon digital aufgestellt sind, kommen besser durch die Coronapandemie.

Kostendruck bedroht Digitalisierung

So weit, so positiv. Doch wie geht es im kommenden Jahr und in einer möglichen Nach-Corona-Zeit weiter? Wie alle Bereiche in Automobilunternehmen stehen auch die IT sowie sämtliche Digitalisierungsbemühungen momentan intensiv auf dem Kostenprüfstand. Zwar zeigte die Erfahrung vor allem in der Anfangszeit der globalen Pandemie, wie überlebenswichtig hochperformante IT-Landschaften sind, beispielsweise für die Entwicklung und die Fertigung, doch das tut dem steigenden Kostendruck keinen Abbruch. „Wir brauchen eine Mengensteuerung und keine Budgetkürzungen“, betont BMW-IT-Chef Alexander Buresch. Es gebe sicherlich Themen, bei denen die Budgets heruntergefahren werden könnten, doch gleichzeitig müsse konsequent in neue Digitalisierungsthemen investiert werden, so der CIO. Und genau hier liegt der entscheidende Knackpunkt: Während die Krise in der Autobranche ein rigoroses Spardiktat vorgibt, müssen IT-Verantwortliche nicht nur die bestehenden Architekturen und Prozesse modernisieren, sondern zugleich nach den hochanspruchsvollen Paradigmen der Digitalisierung, Automatisierung und Elektrifizierung handeln – und nebenbei den Alltagsbetrieb absichern. Dafür braucht es nicht weniger, sondern mehr Geld. Deutlich mehr.

Gartner-Grafik

Mehr Investitionen für die IT

Der Blick in die nahe Zukunft könnte den IT-Entscheidern der Branche Luft zum Durchatmen verschaffen. Die Analysten von Gartner prognostizieren für das Jahr 2021 ein Wachstum der weltweiten IT-Ausgaben branchenübergreifend um vier Prozent auf insgesamt 3,8 Billionen US-Dollar, damit wird ungefähr das Niveau von 2019 wieder erreicht. Eine besonders starke Erholung erwarten die US-amerikanischen Marktexperten im Bereich Unternehmenssoftware, dessen Budgetierung im nächsten Jahr um 7,2 Prozent zulegen könnte. Mit diesen Investitionen versuchen die Unternehmen weltweit, ihre Digitalisierungsbemühungen anzuheizen, um beispielsweise Remote Work, virtuelle Aus- und Weiterbildung oder die Hyperautomatisierung mit Nachdruck zu forcieren.

Das zweitstärkste Ausgabenwachstum schreibt Gartner für das Jahr 2021 dem Ausbau der Rechenzentrumskapazitäten (plus 5,2 Prozent) zu – das nimmt kaum wunder angesichts der enormen Datenmengen, die beispielsweise für die Cloudmigration, den Einsatz von Smart Data Analytics oder den Aufbau von Supercomputern aktuell und künftig bewegt werden (siehe Infokästen auf den folgenden Seiten). „CIOs müssen mehr IT einsetzen, haben aber weniger Geld, dies zu tun. Deswegen werden sie Budget aus weniger erfolgskritischen Bereichen abziehen“, weiß Gartner-Experte John-David Lovelock. „Stattdessen investieren sie in die Beschleunigung des digitalen Business wie zum Beispiel Infrastructure as a Service oder CRM-Software.“

Ein Ausblick, der auch ganz konkret für die Autobranche Gültigkeit besitzt. Die jährlich vom Beratungsunternehmen Capgemini veröffentliche IT-Trendstudie, deren vorläufige Auswertung für das Jahr 2021 automotiveIT vorliegt, unterstreicht das. Der größte Teil der befragten Führungskräfte aus der Autoindustrie will die IT-Budgets auf dem Niveau von 2020 halten, nur etwa jeder siebte Befragte wird kürzen müssen. Etwas weniger als ein Drittel erhöht die IT-Ausgaben im kommenden Jahr sogar. „Diese Prognosen sind aber mit Vorsicht zu genießen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Investitionen in den kommenden Monaten noch einmal angepasst werden, ist hoch“, erklärt Bernd Borberg, Head of Business and Technology Solutions Automotive bei Capgemini Deutschland. Dies werde laut Borberg zudem durch die Tatsache untermauert, dass ungefähr jeder siebte Teilnehmer die Budgetsituation im kommenden Jahr zum Umfragezeitpunkt im September und Oktober noch gar nicht einschätzen konnte. Blickt man auf die Agenden der IT-Entscheider und Chefdigitalisierer, ist eine derartige Phase der Unsicherheit sicherlich nicht gerade förderlich für den weiteren Fortgang der digitalen Transformation. Sollten im kommenden Jahr weitere Pandemiewellen sowie flankierende Sparzwänge das Business treffen, könnte eine mehr als hundert Jahre alte Branche gegenüber der hochdynamischen Tech- und Big-Data-Welt noch weiter ins Hintertreffen geraten. Und letztlich will sich dann wohl niemand die Frage stellen, ob die Autoindustrie noch systemrelevant ist.

Cloud Computing – Die allumfassende Wolke

Speicherplatz und Rechenleistung waren noch nie über die Maßen populäre Themen, denen die Herzen der CIO-Community nur so zugeflogen sind. Coronabedingt wird sich das 2021 ändern: Gibt es eine Technologie, die das Zeug dazu hat, nächstes Jahr bei den IT-Trends vorne mitzuspielen, wird es Cloud Computing sein. Die Betankung stationärer und mobiler Rechner bis hin zum Smartphone aus der Datenwolke wird für viele Unternehmen in der Autoindus­trie zu einem integralen Bestandteil des täglichen Arbeitslebens. Egal ob in unterstützenden Querschnittsfunktionen oder in Fachdomänen wie Entwicklung und Produktion – der Wandel in Richtung Cloud ist unaufhaltsam. Aktuell gilt zum Beispiel die Industrial Cloud, die Volkswagen in Kooperation mit Amazon Web Services aufbaut, als eines der größten Digitalisierungsprogramme im gesamten Konzern. Roy Sauer, in der Group-IT verantwortlich für die Enterprise- und Plattformarchitektur, will die in den Werken installierte Produktionstechnik nicht durch neue Hardware ersetzen, sondern durch den zielgerichteten Schulterschluss von OT und IT fit für die Zukunft machen. Angeblich laufen Gespräche mit vielen Ausrüstern, um die Betriebsdaten aus Maschinen und Anlagen via Cloud an allen Produktionsstandorten zur Verfügung zu stellen. Perspektivisch zeichnet sich ein Multicloud-Ökosystem am Horizont ab, in dem Volkswagen Daten und Zugriffe selbst dann mit Partnern in der Lieferkette teilen kann, wenn diese mit unterschiedlichen Anwendungen und Datenstandards arbeiten.

Künstliche Intelligenz – Eine Frage der Ethik

Künstliche Intelligenz gilt unter den Technologietrends seit vielen Jahren als Dauerbrenner. Längst haben Unternehmen ihre Vorbehalte gegenüber KI über Bord geworfen und investieren massiv in die Technologie. Insbesondere in der Produktion und bei Prozessen rund um das automatisierte Fahren gehört künstliche Intelligenz längst zum Standard­repertoire in der Automobilindustrie. Auch die Coronakrise hat diesen Trend weiter bestärkt: „2020 hat die Anfälligkeit rein auf menschlicher Kompetenz basierender Systeme demonstriert. Künstliche Intelligenz ergänzt und schützt den Menschen. Hochautomatisierte Produktion, Prozesse und Produkte gewährleisten die notwendige Resilienz in der Krise“, betont Jürgen Padberg, verantwortlich für den Bereich Automotive & Manufacturing Industries bei der Technologieberatung Detecon. Während die Implementierung von KI in vielen Unternehmen bereits in vollem Gange ist, wenden sich wichtige Automotive-Akteure einer weiteren Facette der Technologie zu: den ethischen Standards. So haben etwa BMW, Bosch und Continental dieses Jahr eigene Ethikregeln für künstliche Intelligenz aufgestellt. Allein der bayerische Premiumhersteller baut mittlerweile auf über 400 KI-Anwendungsfälle entlang der Wertschöpfungskette. Hier sollen ethische Werte wie Transparenz, Rechenschaftspflicht, Vorrang menschlichen Handelns und menschliche Aufsicht, Nichtdiskriminierung oder der Schutz der Privatsphäre bei allen laufenden und künftigen KI-Prozessen zum Tragen kommen.

Cybersecurity – Neue Schwachstellen

Attacken in Form von Ransomeware-Angriffen fallen Unternehmen laut Marktforscher Cybersecurity Ventures bis zum Jahre 2021 alle elf Sekunden anheim. Die weltweiten Schäden sollen nächstes Jahr bereits 20 Milliarden Dollar betragen. Dem Anbieter von Business-Continuity-Lösungen Arcserve zufolge bedarf es greifbarer Strategien wie des 3-2-1-Backups: drei Kopien aller Daten aufheben, zwei verschiedene Arten von Medien nutzen sowie eine Kopie außer Haus oder in der Cloud speichern. Die Wichtigkeit des Schutzes von internetfähigen ICS-Geräten (Industrial Control Systems) und Fernzugriffsverbindungen hebt indes der ICS-Risk-&-Vulnerability-Report von Claroty hervor. Für das erste Halbjahr 2020 wurden 26 ICS-Schwachstellen identifiziert, die schwerwiegende Folgen für betroffene OT-Netzwerke haben, zumal mehr als 60 Prozent eine entfernte Codeausführung ermöglichen. Seit Beginn der Coronapandemie sieht sich weltweit mehr als die Hälfte der Indus­trieunternehmen größeren Cyberrisiken ausgesetzt, in der DACH-Region sogar 75 Prozent. Im Kampf gegen Cyberkriminalität hat sich der Sicherheitsspezialist nun mit dem Security-Dienstleister R-Tec IT Security zusammengetan. Gemeinsam bündeln sie ihre IT- und OT-Kompetenzen und setzen auf das Angebot umfassender Threat-Intelligence-Lösungen, um beeinträchtigende Anomalien und sicherheitsrelevante Ereignisse in Netzwerken zu identifizieren. R-Tec setzt dazu die Claroty-Plattform in einem Konzept zur Absicherung von Industrie- und Kritis-Umgebungen ein.

High-Performance Computing – Wettlauf um den schnellsten Rechner

Der erste Digitalrechner der Welt konnte ganze zwei Operationen in der Sekunde bearbeiten. Heute rechnet der schnellste Computer beeindruckende 415 Billiarden Operationen sekündlich. Der Rechenhunger moderner Anwendungen ist auch in der Autobranche bekannt. Dass das Thema heiß ist, zeigen zahlreiche Investitionen von OEMs und Zulieferern in den letzten Monaten. Um zum Beispiel neuronale Netze für autonome Fahrfunktionen zu füttern, reichen Testfahrten nicht aus. Für genau diesen Anwendungsfall hat Continental in einen eigenen Supercomputer investiert. Er besteht aus mehr als 50 Nvidia-DGX-Systemen. Auch die OEMs selbst rüsten auf: Im vergangenen Jahr hat Skoda den leistungsfähigsten gewerblichen Rechner Tschechiens in Betrieb genommen. Der Autobauer setzt auf zwei SGI-8600-Cluster von HPE. Die Technische Entwicklung und Produktion nutzen die Kapazitäten des Clusters für Visualisierungen, Virtual-Reality-Darstellungen und Simulationen. Der Computer erreicht eine Leistung von zwei Petaflops. Viel, aber nicht genug: In Zukunft soll Skodas Supercomputer sogar 15 schaffen. Wer heute in High-Performance Computing investiert, schafft sich Trümpfe gegen den Wettbewerb. „Dass wir damit Windkanal und Crashtests simulieren können, ist Stand heute sicherlich ein Vorteil“, sagt Skoda-CIO Klaus Blüm auf dem automotiveIT-Kongress 2020. Gleichzeitig sieht er keinen Halt in der Entwicklung der Rechenleistung: „In fünf Jahren ist unser Supercomputer kein Supercomputer mehr.“

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