Zukunfts-Debatte zu Software-defined-Vehicle

Softwarehoheit schlägt SDV-Abo-Debatte

Im Software-defined Vehicle entscheidet nicht das nächste Abo über den Erfolg, sondern die Kontrolle über Architektur, Middleware und Standards. Genau dort fällt die strategische Machtentscheidung der Autoindustrie.

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Die Diskussion um das Software-defined Vehicle rückt die Frage in den Vordergrund, wie aus technischer Komplexität langfristig beherrschbare Fahrzeugplattformen entstehen.

Die Studie Unlocking Sustainable Value in Software Defined Vehicles hat die Diskussion zu Software-defined-Vehicle (SDV) in den vergangenen Monaten spürbar beschleunigt. In der ersten Reaktion kreiste sie um Fragen wie: Lassen sich digitale Funktionen im Auto wirklich monetarisieren? Zahlen Kunden für einzelne Features? Funktionieren Abonnements im Fahrzeug? Und können OEMs daraus dauerhaft neue Umsatzquellen erschließen? Allesamt relevante Fragen, die allein betrachtet aber zu kurz greifen. Wer die Debatte auf Abo-Modelle, App-Stores oder kurzfristige Softwareerlöse verengt, übersieht die Voraussetzung jeder Monetarisierung: die Fähigkeit, Software im Fahrzeug industriell zu entwickeln, sicher zu integrieren, kontinuierlich zu aktualisieren und über Plattformen hinweg zu skalieren.

automotiveIT hat die Situation bereits in zwei Fachbeiträgen eingeordnet: zunächst mit Blick darauf, wie sehr SDV-Monetarisierung hinter den Erwartungen bleibt; anschließend mit Fokus auf die Frage "Warum westliche OEMs beim SDV Kontrolle verlieren" können – über Architektur, Stack, Schnittstellen und strategische Abhängigkeiten. Diese Einordnung soll die Debatte bewusst breiter fassen. Entscheidend ist jetzt die tieferliegende Frage: Wer beherrscht künftig die Softwarebasis des Fahrzeugs? Und wer wird lediglich Anwender fremder Plattformen?

Genau diese Perspektive wird auch für das Branchentreffen beim 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) 2026 zentral. Experten brennen bereits jetzt darauf, sich am 16. und 17. Juni 2026 in Ludwigsburg auf Augenhöhe auszutauschen: zu Architekturkompetenz, Middleware, offenen Standards, Integrationsfähigkeit und der Frage, wie OEMs und Zulieferer die Kontrolle über die digitalen Wertschöpfungsebenen im Fahrzeug sichern.

Bereits auf der Automotive Software Strategies Conference Ende Mai in München hatte sich gezeigt, wie sich der Schwerpunkt der Diskussion verschiebt. Nicht das einzelne buchbare Feature entscheidet über die Zukunft des SDV. Entscheidend ist, ob Hersteller, Zulieferer und Technologiepartner die technischen Grundlagen kontrollieren: Architektur, Middleware, Schnittstellen, Updatefähigkeit, Wiederverwendung und Plattformlogik.

Damit rückt ein weniger sichtbarer, aber strategisch zentraler Teil der Wertschöpfung in den Mittelpunkt. Die Softwareebenen, die der Kunde kaum wahrnimmt, bestimmen zunehmend, wie schnell neue Funktionen entwickelt, integriert, abgesichert und über Modellreihen hinweg skaliert werden können.

Das ist der entscheidende Punkt: Monetarisierung setzt Beherrschbarkeit voraus. Wer Software nicht industriell entwickeln, wiederverwenden und sicher aktualisieren kann, wird auch mit digitalen Geschäftsmodellen nur begrenzt erfolgreich sein. Das Problem westlicher OEMs liegt deshalb nicht allein darin, dass Kunden für viele digitale Dienste weniger zahlungsbereit sind als erhofft. Es ist mit der Frage verbunden, ob die Unternehmen die entscheidenden Kontrollpunkte im Fahrzeug behalten.

Middleware wird zum strategischen Kontrollpunkt beim SDV

Im SDV-Stack eignet sich vor allem jener Teil für Standardisierung, der für den Kunden kaum sichtbar ist und die Marke nicht direkt prägt: Basissoftware, Middleware, Hypervisoren und standardisierte Schnittstellen. Genau hier setzen auch Autosar und die auf dem AEK 2025 der Öffentlichkeint präsentiere Eclipse S-CORE an. Diese Ebene ist wahrscheinlich kein großer eigenständiger Lizenzmarkt. Ihr Wert liegt woanders: Sie entscheidet darüber, wer Zugriff auf Anwendungen und Fahrzeugfunktionen steuert, wer Hardware, Halbleiter und Compute-Plattformen sicher anbinden kann und wer neue Softwarefunktionen über den Lebenszyklus eines Fahrzeugs hinweg beherrscht.

Middleware ist damit keine technische Nebenfrage. Sie wird zur infrastrukturellen Voraussetzung für Differenzierung. Sie entscheidet nicht allein über den Markterfolg eines Fahrzeugs, beeinflusst aber maßgeblich, wie schnell und zuverlässig neue Funktionen ins Fahrzeug kommen.

Damit verschieben sich die Control Points. Früher lag Differenzierung stark in Mechanik, Fertigungstiefe, Antrieb, Fahrwerk oder klassischer Systemintegration. Im SDV verlagert sich ein Teil dieser Kontrolle in die Softwarearchitektur. Wer diese Schicht nicht beherrscht, verliert schrittweise die Kontrolle darüber, was das Fahrzeug künftig ausmacht.

Dabei sollte Standardisierung nicht mit Austauschbarkeit verwechselt werden. Tatsächlich gilt im Software-defined-Vehicle eher das Gegenteil. Gerade weil die Komplexität steigt, müssen nicht differenzierende Bestandteile stärker vereinheitlicht werden, damit Unternehmen ihre Ressourcen dort einsetzen können, wo echte Differenzierung entsteht.

Standardisierung soll Komplexität reduzieren und die eigene Steuerungsfähigkeit erhöhen.

Augustin Friedel, Associated Partner bei der Management- und IT-Beratung MHP,

Augustin Friedel, Associated Partner bei der Management- und IT-Beratung MHP, ordnet diese Logik wie folgt ein: „Standardisierung bedeutet also nicht, Kontrolle abzugeben. Im Gegenteil: Sie soll Komplexität reduzieren und die eigene Steuerungsfähigkeit erhöhen.“

Save the date: 30. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress

Logo Automobil-Elektronik Kongress (AEK), mit Datum für 2026, eine Veranstaltung von Ultima Media Germany, mit dem dazugehörigen Magazin Automobil-Elektronik

Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.

Sichern Sie sich Ihr(e) Konferenzticket(s) für den 30. Automobil-Elektronik Kongress (AEK) im Jahr 2026! Folgen Sie außerdem dem LinkedIn-Kanal des AEK und #AEK_live. Hier geht's zur Agenda.

Im Channel zum Automobil-Elektronik Kongress finden Sie Rück- und Vorberichterstattungen sowie relevanten Themen rund um die Veranstaltung.

Damit wird Standardisierung nicht zum Gegenmodell von Differenzierung, sondern zu ihrer Voraussetzung: Erst wenn die nicht sichtbaren Basisschichten beherrschbar werden, können OEMs und Zulieferer ihre Ressourcen gezielt auf jene Funktionen lenken, die Kunden tatsächlich wahrnehmen. Dazu zählen das Nutzererlebnis, digitale Dienste, Infotainment, Cockpit, markenspezifische Bedienkonzepte, ADAS-Funktionen, Datenverarbeitung, Systemintegration und die Geschwindigkeit, mit der neue Fähigkeiten ins Fahrzeug gebracht werden.

Autosar und Eclipse S-CORE stehen deshalb nicht für weniger Wettbewerb. Sie wollen für eine Verlagerung des Wettbewerbs auf die relevanteren Ebenen verstanden werden. Eine gemeinsame, offene und automotive-grade Softwarebasis kann Fragmentierung reduzieren, Entwicklungsaufwand senken und Skalierung ermöglichen. Genau das brauchen westliche OEMs, wenn sie mit neuen Wettbewerbern Schritt halten wollen.

Denn viele heutige Softwarelandschaften sind noch immer zu stark fragmentiert. Unterschiedliche Architekturen, proprietäre Einzellösungen und parallele Entwicklungsansätze erschweren Wiederverwendung über Marken, Modelle und Plattformgenerationen hinweg. In der Folge werden viele nicht differenzierende Softwarebestandteile mehrfach entwickelt, obwohl sie aus Kundensicht kaum eigenständigen Wert erzeugen. Diese Ressourcen fehlen dann an den Stellen, an denen Differenzierung wirklich sichtbar wird.

Der Engpass ist nicht nur Technologie, sondern Betriebsmodell

Die gleiche Logik gilt für die Rolle der Zulieferer: Die SDV-Debatte darf nicht bei Technologiearchitekturen stehen bleiben. Die entscheidende Verschiebung betrifft auch Rollen, Prozesse und Geschäftsmodelle.

Für Tier-1-Zulieferer entsteht daraus eine große Chance – aber keine bequeme. Ihr Geschäft verlagert sich vom reinen Komponentenverkauf stärker in Richtung Integration, Absicherung und Betrieb komplexer Software-Stacks. Viele OEMs werden diese Aufgaben nicht vollständig allein leisten können. Genau dort können Zulieferer eine neue Rolle einnehmen: nicht nur als Lieferanten einzelner Module, sondern als Partner, die Technologie, Domänenwissen und Umsetzungsfähigkeit verbinden.

Dafür müssen sie allerdings früher in die Konzeptphase der OEMs kommen. Es reicht nicht mehr, erst auf ein Lastenheft, eine RFI oder eine RFQ zu reagieren. Wer künftig einen größeren Teil der SDV-Wertschöpfung übernehmen will, muss gemeinsam mit dem OEM klären, welche Architektur sinnvoll ist, welche Kosten über den Lebenszyklus entstehen und wo Standardisierung tatsächlich hilft.

Der größere Nachholbedarf liegt deshalb häufig nicht in einzelnen Technologien, sondern im Operating Model. Wie arbeitet der Zulieferer mit dem OEM zusammen? Wer übernimmt welche Verantwortung? Wie wird aus einer frühen Architekturidee ein tragfähiges Programm? Und wie lässt sich Wertschöpfung über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs organisieren?

Diese Fragen werden zentraler, je stärker Software zum industriellen Kern des Fahrzeugs wird.

Europas Chance liegt in industrieller Softwarekompetenz

Der internationale Wettbewerb erhöht inzwischen den Handlungsdruck spürbar. Insbesondere chinesische OEMs bauen Softwarekompetenzen konsequenter intern auf, investieren stark in Forschung und Entwicklung und treiben zentrale sowie zonale Architekturen mit hoher Geschwindigkeit voran. Für westliche Hersteller entsteht daraus ein doppelter Druck: Sie müssen gewachsene E/E- und Softwarestrukturen modernisieren. Gleichzeitig dürfen sie zentrale Ebenen der digitalen Fahrzeugarchitektur nicht vollständig an externe Technologieanbieter, geschlossene Plattformen oder proprietäre Ökosysteme abgeben.

Denn mit der technischen Kontrolle über Softwarearchitektur, Middleware, Datenflüsse und Updateprozesse verschiebt sich auch die Kontrolle über das Produktversprechen. Das Fahrzeug wird nicht mehr nur zum Zeitpunkt der Auslieferung definiert. Es wird über Jahre weiterentwickelt, verbessert, abgesichert und funktional erweitert. Genau darin liegt die Chance für die europäische Automobilindustrie. Sie muss nicht beweisen, dass jedes digitale Feature als Abo funktioniert. Sie muss beweisen, dass Software in automobiler Qualität industrialisiert werden kann: sicherheitskritisch, updatefähig, wieder verwendbar, skalierbar und serienreif.

Das klingt weniger spektakulär als neue Umsatzfantasien rund um digitale Dienste. Es ist aber strategisch wichtiger. Denn nur wer die industrielle Softwarebasis beherrscht, kann darauf auch tragfähige Geschäftsmodelle aufbauen.

Die neue SDV-Frage lautet: Wer behält die Kontrolle?

Die SDV-Debatte sollte nicht länger vor allem als Monetarisierungsdebatte geführt werden. Die beiden bereits erschienenen automotiveIT-Beiträge zur AlixPartners/Berylls-Studie haben gezeigt, warum viele Erwartungen an digitale Erlöse bislang enttäuscht wurden – und warum westliche OEMs beim SDV Gefahr laufen, zentrale Kontrollpunkte zu verlieren. Der nächste Schritt liegt nun in der Frage, welche strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Software im Fahrzeug überhaupt skalierbar, wirtschaftlich und kontrollierbar wird.

Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Abo-Modell. Sie liegt in Architekturkompetenz, Middleware, offenen Standards, Wiederverwendung, Integration und der Fähigkeit, Software über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs industriell zu beherrschen. Das Software-defined Vehicle wird nicht am App-Store entschieden. Es wird an der Softwarehoheit entschieden.