Unternehmen wollen Resilienz statt Autarkie
Digitale Souveränität ist auf Vorstandsebene angekommen. Laut einer Studie geht es den Firmen jedoch nicht um völlige Unabhängigkeit. Im Fokus stehen Resilienz, Kontrolle kritischer Technologien und die Reduzierung strategischer Abhängigkeiten.
Unternehmen weltweit hinterfragen ihre technologischen Abhängigkeiten, zum Beispiel von US-Hyperscalern. Vielen geht es dabei in erster Linie um digitale Resilienz und nicht Autarkie.
GM/Karl Nielsen
Digitale Souveränität entwickelt sich für Unternehmen weltweit zur strategischen Managementaufgabe. Doch statt auf vollständige technologische Unabhängigkeit zu setzen, verfolgen viele Organisationen einen pragmatischen Kurs: Sie wollen kritische Geschäftsprozesse absichern, Risiken aus Technologieabhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig von globalen Innovationsökosystemen profitieren.
Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Report des Capgemini Research Institute, für den weltweit 1.300 Technologie- und Wirtschaftsentscheider befragt wurden. Demnach diskutieren 93 Prozent der Organisationen das Thema inzwischen auf Vorstandsebene. Gleichzeitig halten 59 Prozent eine vollständige digitale Souveränität für kein realistisches Ziel.
Resilienz wichtiger als Autarkie
Die Ergebnisse fügen sich in eine Debatte ein, die derzeit auch die Automobilindustrie prägt. Während Unternehmen ihre Abhängigkeit von internationalen Cloud-Anbietern zunehmend kritisch hinterfragen, gilt eine vollständige Abkehr von globalen Technologiepartnern als wenig praktikabel. Stattdessen etablieren sich hybride Modelle, bei denen besonders sensible Daten und Anwendungen stärker kontrollierten Umgebungen zugeordnet werden.
Laut Capgemini definieren weltweit zwei Drittel der Unternehmen digitale Souveränität als „resiliente Interdependenz“. In Europa liegt dieser Anteil sogar bei 75 Prozent. Die Mehrheit verfolgt damit einen Ansatz, der auf Kontrolle und Handlungsfähigkeit statt auf Autarkie setzt.
„Unternehmen agieren heute in hochgradig vernetzten Technologieökosystemen. Digitale Souveränität bedeutet daher nicht vollständige Autonomie“, sagt Urs Krämer, Chief Sales Officer von Capgemini Deutschland. „Vielmehr geht es darum, ein klares Verständnis der eigenen Technologieabhängigkeiten zu entwickeln, um die notwendige Kontrolle und Flexibilität zur Steuerung von Risiken zurückzugewinnen.“
Hohe Abhängigkeiten bleiben bestehen
Wie groß die Herausforderung ist, zeigt der von Capgemini entwickelte Digital Sovereignty Index. Demnach sind 86 Prozent der untersuchten Organisationen erheblichen Abhängigkeiten von ausländischen oder extern kontrollierten Lieferketten ausgesetzt.
Besonders kritisch: Nur 14 Prozent verfügen nach eigenen Angaben über eine vollständige Transparenz ihrer digitalen Abhängigkeiten entlang des erweiterten Technologieökosystems. Gleichzeitig würde bei mehr als einem Drittel der Unternehmen der Wechsel eines kritischen Technologieanbieters länger als zwölf Monate dauern. Jede zehnte Organisation sieht derzeit keine realistische Alternative zu ihrem bestehenden Anbieter.
Diese Ergebnisse spiegeln Entwicklungen wider, die zuletzt auch in Deutschland sichtbar wurden. Laut Bitkom halten inzwischen 85 Prozent der Unternehmen die Bundesrepublik für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern. Gleichzeitig bleiben die großen Hyperscaler für viele geschäftskritische Anwendungen unverzichtbar.
Deutschland besonders exponiert
Für Deutschland zeichnet die Capgemini-Studie ein gemischtes Bild. Einerseits verbinden 57 Prozent der Unternehmen digitale Souveränität vor allem mit der Fähigkeit, kritische Geschäftsprozesse auch unter geopolitischem Druck aufrechtzuerhalten. Andererseits weist der Digital Sovereignty Index bei 94 Prozent der untersuchten Organisationen erhebliche digitale Abhängigkeiten aus. Das ist der höchste Wert aller analysierten Länder.
Trotzdem erfassen lediglich zehn Prozent der deutschen Unternehmen ihre Abhängigkeiten vollständig. Nur 60 Prozent überprüfen entsprechende Risiken regelmäßig.
Gleichzeitig gewinnt das Thema in den Chefetagen an Bedeutung. 45 Prozent der deutschen Unternehmen haben digitale Souveränität bereits als festen Bestandteil ihrer Board-Governance etabliert. Mehr als die Hälfte prüft sogar die Einführung eines sogenannten Chief Sovereignty Officer.
KI wird zur zentralen Souveränitätsfrage
Besonders stark rückt das Thema durch den wachsenden Einsatz von künstlicher Intelligenz in den Fokus. Drei Viertel der weltweit befragten Organisationen sehen KI als zentrales Handlungsfeld auf ihrem Weg zu mehr digitaler Souveränität. In Deutschland liegt dieser Wert mit 82 Prozent nochmals deutlich höher.
Gerade für die Automobilindustrie gewinnt die Frage an Relevanz. Fahrzeugsoftware, Entwicklungsdaten, Simulationsmodelle und KI-Anwendungen werden zunehmend zu strategischen Vermögenswerten. Entsprechend rücken Themen wie Datenkontrolle, Zugriffsrechte und Infrastrukturstandorte stärker in den Mittelpunkt von Cloud- und Digitalisierungsstrategien.
Capgemini sieht daher nicht die vollständige Loslösung von internationalen Technologieanbietern als zentrales Problem: „Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Resilienz aufzubauen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit einzuschränken“, so Krämer. „Gleichzeitig braucht es vertrauensvolle Partnerschaften, damit Unternehmen Innovationen vorantreiben und langfristiges Wachstum sichern können.“