Herr Mabire, Sie sind erst seit wenigen Monaten CTO der
Valeo Brain Division. Was stand ganz oben auf Ihrer Liste?
Zuerst hatte ich das Glück, eine sehr gut aufgestellte
Organisation und ein starkes Team zu übernehmen. Mein Vorgänger Joachim Mathes
hat mir ein solides Fundament hinterlassen. Das ist für jemanden, der neu in so
eine Rolle kommt, extrem wertvoll. Gleichzeitig ist klar: Die Brain Division
steht heute im Zentrum der Transformation der Automobilindustrie. Da ist zum
einen das softwaredefinierte Fahrzeug, das die Branche grundlegend verändert.
Zum anderen geht es um Agilität, also darum, Entwicklung, Zusammenarbeit und
Entscheidungen schneller und flexibler zu machen. Und drittens beschäftigt mich
die Frage, was wir in Europa tun müssen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit und
technologische Souveränität zu stärken. Diese drei Themen gehören für mich
direkt zusammen: Technologie, Organisation und Zusammenarbeit.
Bleiben wir direkt beim Software-Defined Vehicle. Der
Begriff ist allgegenwärtig, in der Praxis zeigt sich aber schnell die
Komplexität. Woran hakt es heute am häufigsten?
Zunächst einmal: Das softwaredefinierte Fahrzeug ist längst
mehr als ein Schlagwort. Es ist Realität. Wir arbeiten mit mehreren OEMs daran,
entsprechende Lösungen in diesem und im kommenden Jahr in Serie zu bringen. Im
Kern geht es darum, ein Fahrzeug über seinen gesamten Lebenszyklus
weiterzuentwickeln. Es reicht also nicht mehr, einmal ein Produkt auszuliefern.
Man muss Updates, Verbesserungen und neue Funktionen kontinuierlich
bereitstellen. Genau darin liegt langfristig ein großer Wert für die Mobilität
und für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Die Herausforderung ist aber
enorm. Sie beginnt bei der Systemarchitektur und reicht über die Integration
von Hardware und Software bis hin zu Validierung, Testing und Absicherung. Jede
zusätzliche Funktion und jede neue Softwaregeneration erhöhen die Komplexität.
Entscheidend ist deshalb, diese Komplexität nicht isoliert zu betrachten,
sondern systemisch zu beherrschen.
Was wird in den kommenden Jahren wichtiger: die perfekte
Softwareplattform oder die Fähigkeit, Hardware, Software und Sensorik sauber zu
integrieren?
Eine leistungsfähige Softwareplattform ist essenziell. Sie
beeinflusst die Kostenstruktur genauso wie die Gesamtperformance des Fahrzeugs.
In diesem Bereich kann man keine Kompromisse machen. Wer künftig im Markt
bestehen will, braucht eine moderne und wettbewerbsfähige Softwarebasis. Aber
das ist nur ein Teil der Gleichung. Software darf nie losgelöst von Hardware
betrachtet werden. Gleichzeitig müssen sich auch Sensorik und Rechenplattformen
weiterentwickeln. Wirklich entscheidend ist am Ende die Fähigkeit, all diese
Ebenen in einem Gesamtsystem zusammenzubringen. Ein gutes Beispiel sind
Low-Speed-Manöver wie Parkfunktionen, automatisiertes Parken oder
perspektivisch Level-4-Parken. Dafür braucht man sehr leistungsfähige Software,
aber eben auch die passende Hardwarearchitektur und präzise Sensorik aus
Ultraschall, Kamera und Radar. Erst wenn dieses Zusammenspiel sauber
funktioniert, entsteht für den Kunden echter Mehrwert. Deshalb liegt die
größere Hebelwirkung aus meiner Sicht nicht in einem Entweder-oder, sondern in
der Integration.
Und genau da kommt die Absicherung ins Spiel. Valeo setzt
stark auf virtuelle Validierung und Digital Twins. Wird Validierung in einer
Welt permanenter Updates zum Engpass?
Sie ist auf jeden Fall ein Schlüsselfaktor. Die
Virtualisierung der Entwicklung ist für uns ein zentraler Hebel, um Architektur
und Gesamtsystem sehr früh definieren und bewerten zu können. Vor zehn Jahren
hatten wir diese Möglichkeiten noch nicht in dieser Form. Damals war es viel
schwieriger, Komplexität früh zu erkennen und zu beherrschen. Deshalb haben wir
massiv in digitale Entwicklungs- und Testumgebungen investiert, auch gemeinsam
mit Partnern. Unser Ziel ist, Systeme möglichst weit zu digitalisieren und in
großen Teilen ohne physische Hardware testen zu können. Das beschleunigt nicht
nur Entwicklung und Absicherung, sondern verbessert auch die Qualität. Dazu
kommt der Einsatz von KI in der Entwicklung selbst. Wir nutzen KI nicht nur in
Produkten, sondern auch in unseren eigenen Softwareprozessen. Mehr als ein
Viertel unserer Software entsteht heute mit Unterstützung eines Coding
Assistants, den wir gemeinsam mit Google einsetzen. Dadurch sehen wir klare
Fortschritte bei Geschwindigkeit, Qualität und Reifegrad. Gerade bei Safety und
beim Umgang mit Komplexität haben wir einen großen Schritt gemacht.
Das softwaredefinierte Fahrzeug ist immer auch ein
Gemeinschaftsprojekt. Wo verläuft heute die Grenze zwischen OEM und Zulieferer?
Diese Grenze ist heute deutlich weniger klar als noch vor
einigen Jahren. Früher war die Beziehung zwischen OEMs, Tier-1- und
Tier-2-Zulieferern stark vertikal organisiert. Jeder hatte seine klar
abgegrenzte Rolle. Dieses Modell stößt inzwischen an Grenzen. Heute bewegen wir
uns viel stärker in einem Ökosystem. Automobilhersteller, Zulieferer,
Softwarepartner und andere Tech-Player arbeiten enger und mehr auf Augenhöhe
zusammen. Die Bausteine können Hardware, Software, Tools oder ganze Subsysteme
sein. Erfolgreich ist so ein Modell nur, wenn alle Beteiligten ein gemeinsames
Ziel verfolgen. Die Aufgabe des OEMs ist aus meiner Sicht, die Bedürfnisse des
Kunden wirklich zu verstehen und daraus ein überzeugendes Nutzungserlebnis zu
machen. Die Aufgabe des Zulieferers ist, dieses Verständnis in robuste
technische Systeme zu übersetzen – also in Plattformen, Funktionen, Subsysteme
und Integrationsleistung.
Schauen wir auf das autonome Fahren. GenAI und World
Models gelten als Hoffnungsträger, gleichzeitig geht vieles langsamer voran als
gedacht. Was ist aus Ihrer Sicht wirklich seriennah?
KI ist für uns nichts grundsätzlich Neues. Wir nutzen sie
seit Jahren in unseren Produkten, aber auch als Werkzeug in der Entwicklung
dieser Produkte. Das gilt für physische Systeme genauso wie für Software.
Unsere Teams haben viel Erfahrung beim Training von Modellen, bei synthetischen
Daten und bei der Kombination mit realen Daten. Mit diesen Ansätzen arbeiten
wir heute bereits an Level-2- und Level-2+-Systemen. Gemeinsam mit Kunden
entwickeln wir Programme, die 2027 und 2028 in Serie gehen sollen. Level 3 und
Level 4 liegen zeitlich noch weiter weg. Dafür braucht es zusätzliche
Fortschritte – bei Fundamentmodellen, beim Datenmanagement und bei der
Rechenarchitektur. Genau daran arbeiten wir. Und weil sich diese
Herausforderungen nicht isoliert lösen lassen, engagieren wir uns auch in
europäischen Projekten und Kooperationen. Seriennah ist heute vor allem das,
was rund um Level 2 und Level 2+ bereits in konkrete Programme überführt wird.
Die nächste Stufe kommt, aber sie braucht mehr Zeit und mehr Zusammenarbeit.
Valeo setzt bei World Models bewusst auf Offenheit. Warum
nicht proprietär?
Weil wir nicht an Lock-in-Effekte glauben und weil Open
Source in vielen Bereichen einen echten Vorteil bietet. Die entscheidende Frage
ist nicht immer: Welche Technologie kann ich komplett selbst kontrollieren? Oft
ist viel wichtiger: Wie kann ich vorhandene Technologie so anpassen, dass sie
für meine Applikation den größten Nutzen bringt? Wenn leistungsfähige Lösungen
bereits in einer offenen Umgebung verfügbar sind, ist es sinnvoll, darauf
aufzubauen, statt alles proprietär neu zu entwickeln. Offenheit beschleunigt
Entwicklung, erhöht die Dynamik und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Natürlich
verlassen wir uns nicht einfach nur auf externe Technologie. Unser Beitrag
liegt gerade darin, solche Modelle an konkrete Anforderungen anzupassen – an
Funktionalität, Sicherheit und die jeweilige Anwendung im Fahrzeug. Genau in
dieser Übersetzung vom offenen Modell zur robusten Automotive-Lösung liegt der
eigentliche Wert.
Wir glauben nicht an Lock-in-Effekte, Open Source bietet in vielen Bereichen einen echten Vorteil
Gilles Mabire, Valeo
Was braucht der nächste Schritt beim automatisierten
Fahren mehr: bessere Algorithmen oder bessere Daten?
Beides. Leistungsfähigere Algorithmen sind unverzichtbar,
aber ohne qualitativ hochwertige und gut orchestrierte Daten bleibt ihr Nutzen
begrenzt. Viele Daten allein helfen nicht, wenn sie nicht sauber strukturiert,
kuratiert und sinnvoll in Entwicklungsprozesse eingebunden werden. Deshalb geht
es immer um mehrere Ebenen gleichzeitig: bessere Algorithmen, bessere Daten,
gutes Datenmanagement und eine konsistente Systemarchitektur. Dazu kommen die
Schnittstellen zur Sensorik – also Kamera, Radar, Ultraschall oder Lidar. Erst
das Zusammenspiel dieser Komponenten ermöglicht den nächsten Schritt.
Schauen wir in den Innenraum. Valeo hat auf der CES neue
In-Cabin-Monitoring-Lösungen gezeigt. Was davon ist schon Realität, was noch
Demonstrator?
Vielleicht vorweg: Für uns geht es beim softwaredefinierten
Fahrzeug nicht nur um Technologie, sondern darum, daraus ein sicheres und
begehrenswertes Fahrzeug zu machen. Entscheidend ist am Ende, was der Kunde
erlebt und welchen Mehrwert er wirklich wahrnimmt. Genau hier spielen Fahrer-
beziehungsweise Insassenüberwachung eine zentrale Rolle. Der erste Schritt ist
klar ein Sicherheitsanwendungsfall: Das System muss erkennen, ob der Fahrer
aufmerksam ist oder zum Beispiel auf das Smartphone schaut. Solche Lösungen
sind heute bereits in vielen Regionen der Welt in Entwicklung oder in
Produktion. Das ist keine Zukunftsmusik mehr.
Und was ist der nächste Schritt?
Künftig geht es stärker darum, ADAS-Funktionen und das
Geschehen im Innenraum miteinander zu verknüpfen. Das Fahrzeug muss verstehen,
was in der Kabine passiert, gerade wenn sich der Fahrer bei höheren
Automatisierungsgraden nicht permanent auf die Straße konzentriert. Das System
muss einschätzen können, ob eine Person die Kontrolle übernehmen kann, und
falls nötig rechtzeitig mit Warnungen und Informationen reagieren. Darüber
hinaus entsteht ein neues Feld für Interaktion und Personalisierung. Kameras und
Algorithmen können erkennen, ob jemand müde ist, wie viele Personen im Fahrzeug
sitzen oder welche Nutzungssituation gerade vorliegt. Daraus lassen sich
Funktionen ableiten, die das Fahrzeug intuitiver und hilfreicher machen. Hier
sehen wir in Verbindung mit generativer und agentischer KI erhebliches
Potenzial.
car.summit 2026: Engineering meets IT
Der automotiveIT car.summit ist die Konferenz für Entscheider aus Engineering und IT, die den nächsten Sprung gestalten: vom Software Defined Vehicle (SDV) zum AI Defined Vehicle (AIDV) – dort, wo künstliche Intelligenz nicht mehr nur unterstützt, sondern Fahrzeugverhalten, Nutzerinteraktion und Systementscheidungen kontinuierlich prägt. Diese Veranstaltung richtet sich an alle, die AIDV‑Fähigkeiten verantworten, aufbauen oder skalieren.
🎟️ Jetzt Ticket sichern und dabei sein!
Valeo engagiert sich auch bei Assistenzsystemen für
Zweiräder. Wie viel aus dem Auto lässt sich dorthin übertragen?
Mehr als man vielleicht zunächst denkt. Der Ausgangspunkt
ist ein klarer Sicherheitsbedarf, denn ein erheblicher Anteil schwerer Unfälle
betrifft nach wie vor Zweiräder. Deshalb müssen wir gerade dort neue Lösungen
entwickeln. Die zugrundeliegenden Kerntechnologien ähneln denen im Automobil
durchaus. Natürlich gibt es Unterschiede beim Packaging, bei der Integration
und in der Validierung. Aber es sind keine zwei völlig getrennten Welten. Viele
Technologien und Entwicklungsansätze lassen sich übertragen. Genau deshalb
sehen wir in diesem Feld auch Wachstumspotenzial. Wir haben bereits
Partnerschaften mit verschiedenen Herstellern geschlossen, und das zeigt, dass
der Markt da ist. Unser Ziel ist klar: Wir wollen dazu beitragen, die Zahl der
Unfälle mit Zweirädern spürbar zu reduzieren.
Egal, ob auf zwei oder vier Rädern: Ein zentraler
Baustein für die Sicherheit im Straßenverkehr ist V2X. Seit Jahren wird darüber
gesprochen, der Durchbruch lässt aber auf sich warten. Was muss passieren?
Aus technologischer Sicht sind viele Grundlagen bereits
vorhanden. In China wurden entsprechende Lösungen schon in Serie gebracht. Die
Technologie funktioniert und kann einen erheblichen Mehrwert schaffen – im
Zusammenspiel von Fahrzeugen, Infrastruktur und weiteren Verkehrsteilnehmern.
Auch in anderen Regionen haben wir gezeigt, welches Potenzial darin steckt. V2X
kann Situationen erfassbar machen, die klassische Sensorik allein nicht
abdecken kann. Gerade mit Blick auf niedrige Latenzen und Informationen außerhalb
der direkten Sichtlinie ist das ein großer Vorteil. Die eigentliche offene
Frage ist heute aus meiner Sicht weniger die Technologie als das
Geschäftsmodell. Wer investiert? Wer profitiert? Wer übernimmt welche Rolle in
diesem Ökosystem? Viele Bausteine sind bereits verfügbar, etwa in Smartphones
oder in Telematikboxen. Jetzt braucht es vor allem den Willen zur Skalierung.
Regulatorische Impulse könnten diesen Prozess zusätzlich beschleunigen. Ich bin
überzeugt, dass V2X gerade im urbanen Raum ein echter Durchbruch für die
Verkehrssicherheit werden kann.
Zum Schluss der Blick nach vorn: Wenn wir uns in drei
Jahren wieder sprechen – woran würden Sie messen, ob die Valeo Brain Division
wirklich einen Schritt nach vorne gemacht hat?
Ein erster Maßstab wäre, dass unsere Level-2+-Lösungen
erfolgreich in Serie sind und sich zu einem Standard in der Mobilität
entwickeln. Zweitens möchte ich zeigen können, dass wir auf Augenhöhe mit sehr
starken, auch chinesischen Wettbewerbern agieren und Produkte mithilfe
künstlicher Intelligenz deutlich schneller auf den Markt bringen. Drittens wäre
es ein klares Erfolgssignal, wenn sich die Verkehrssicherheit durch unsere
Technologien – also Kamera, Radar und Sensorik insgesamt – spürbar verbessert hat.
Und schließlich wünsche ich mir, dass wir das softwaredefinierte Fahrzeug als
sicheres und begehrenswertes Produkt in die Serie gebracht haben und dass der
Kunde diesen Mehrwert erkennt und honoriert.
Zur Person
Gilles Mabire ist seit Oktober 2025 Chief Technology Officer der Valeo Brain Division. Direkt vor seinem Wechsel war er CTO von Continental Automotive. Zuvor leitete er seit 2019 die Business Unit Commercial Vehicles & Services bei Continental. Von 2018 bis 2019 führte er als CEO Continental Automotive France SAS. Seine Karriere bei Continental war stark vom Bereich Infotainment & Connectivity geprägt. Zwischen 2006 und 2019 übernahm Mabire dort verschiedene Führungsfunktionen in Frankreich, zunächst mit Verantwortung für einen französischen OEM, später für alle französischen und schließlich für alle europäischen Erstausrüster. Vor seinen Stationen bei Continental war Mabire von 2003 bis 2006 System Project Manager bei Siemens VDO Automotive AG und von 2000 bis 2003 Key Account Manager bei Siemens VDO Automotive SAS in Frankreich. Seine Laufbahn begann er 1996 als Project Engineer bei Robert Bosch GmbH in Frankreich.