Nächste Schritte beim autonomen Fahren
Darum sind KI-Simulationen der Booster für die Entwicklung
Millionen virtuelle Testkilometer, KI-generierte Gefahrenszenarien und neue Prüfstandards verändern die Entwicklung der autonomen Autozukunft grundlegend. Doch ob und wie Simulationen künftig reale Testfahrten ersetzen dürfen, entscheidet sich an anderer Stelle.
KI-gestützte Simulatoren werden die Entwicklung autonom fahrender Autos beschleunigen.
Xpeng
Die Zukunft autonomer Fahrfunktionen entscheidet sich
womöglich weniger auf der Straße als im Rechenzentrum. Während eine wachsende
Zahl von Autoherstellern und Techkonzernen automatisierte Fahrfunktionen
zunehmend mithilfe künstlicher Intelligenz in virtuellen Verkehrswelten
entwickeln und absichern, arbeitet ein internationales Konsortium aus
Industrie, Forschung und Prüforganisationen an den Standards, mit denen solche
Simulationen künftig überhaupt zulassungsfähig werden sollen.
Xpeng: 30 Millionen Testkilometer in der virtuellen Welt
Jüngstes Beispiel für den Wandel ist der chinesische
Elektroautohersteller Xpeng. Mit der Plattform „X World“ hat das Unternehmen
nun einen KI-gestützten Fahrsimulator vorgestellt, der Millionen realistischer
Verkehrssituationen digital nachbilden kann. Gleichzeitig soll die neue
Technologie „X Cache“ die dafür nötigen Simulationen um das bis zu 2,7-fache
beschleunigen. Nach Angaben des Herstellers entspricht die tägliche virtuelle
Testleistung inzwischen rund 30 Millionen gefahrenen Testkilometern in der realen
Welt.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der strategische Ansatz
hinter dem System. Während viele Hersteller bislang vor allem auf immer größere
Mengen realer Fahrdaten setzen, versucht Xpeng den eigentlichen Engpass bei der
Entwicklung autonomer Systeme zunehmend über Rechen- und Simulationseffizienz
zu lösen. „X Cache“ soll redundante Berechnungen innerhalb virtueller
Verkehrsszenarien vermeiden, indem ähnliche Bild- und Szenenbereiche
wiederverwendet werden. Laut Xpeng lässt sich die Rechenlast dadurch deutlich
reduzieren, ohne dass die zugrunde liegenden KI-Modelle neu trainiert werden
müssen.
„Edge Cases“ leicht reproduzierbar
Damit folgt Xpeng einem Branchentrend, der zunehmend an
Dynamik gewinnt. Statt Fahrzeuge gigantisch viele Testkilometer abspulen zu
lassen, verlagern Hersteller und Entwickler das Training automatisierter
Fahrfunktionen immer stärker in digitale Welten. Dort sind zudem seltene
Gefahrensituationen, extremes Wetter oder komplexe Verkehrsszenarien beliebig
oft reproduzierbar. Die für die Entwicklung neuer Technik wichtigen
Informationen aus Testsituationen lassen sich so deutlich schneller, günstiger
und sicherer als auf realen Straßen generieren.
Zugleich verschiebt sich der Wettbewerb im autonomen Fahren
damit zunehmend von klassischer Fahrzeugtechnik hin zu KI-Infrastruktur und
Rechenleistung. Weltmodelle und virtuelle Simulationen gelten in der Branche
inzwischen als entscheidender Baustein, um automatisierte Systeme effizient
trainieren und absichern zu können.
Simulationen brauchen Rahmenwerk
Doch genau hier beginnt Europas Herausforderung. Denn
virtuelle Testkilometer allein reichen für die Zulassung automatisierter
Fahrfunktionen nicht aus. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie glaubwürdig
und belastbar solche Simulationen tatsächlich sind.
An dieser Stelle setzt ein Forschungsprojekt des
südkoreanischen Simulationsspezialisten Morai gemeinsam mit dem Karlsruher
Institut für Technologie sowie TÜV Süd an. Ziel ist die Entwicklung eines
standardisierten Bewertungsrahmens, mit dem sich virtuelle Tests
automatisierter Fahrfunktionen künftig validieren und zertifizieren lassen.
Denn bislang fehlen einheitlich definierte Verfahren, um
nachzuweisen, dass eine Simulation reale Verkehrssituationen ausreichend
präzise abbildet. Genau dieser Nachweis gilt jedoch als Voraussetzung dafür,
virtuelle Tests regulatorisch stärker anzuerkennen und die Zahl realer
Erprobungsfahrten deutlich zu reduzieren.
Im Fokus stehen dabei sogenannte „Edge Cases“, also seltene,
aber potenziell gefährliche Verkehrssituationen, die sich im Alltag kaum
reproduzieren lassen. Simulationen erlauben es, solche Szenarien tausendfach zu
variieren und automatisierte Systeme gezielt darauf zu trainieren.
KI-Infrastruktur wird zum Wettbewerbsfaktor
Regulatorisch ist die Richtung bereits vorgegeben. Mit den
„New Assessment Test Methods“ (NATM) hat die UN-ECE Simulationen ausdrücklich
als Bestandteil künftiger Zulassungsverfahren automatisierter Fahrzeuge
anerkannt – allerdings nur dann, wenn deren Aussagekraft nachvollziehbar
validiert werden kann.
Damit entwickelt sich KI-Infrastruktur zunehmend zum
Wettbewerbsfaktor der Autoindustrie. Neben Batterietechnik, Sensorik und
Software gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, automatisierte Systeme effizient
in virtuellen Umgebungen zu trainieren und gleichzeitig regulatorisch
abzusichern.
Während Unternehmen aus China und den USA derzeit vor allem
beim Tempo und der Skalierung vorpreschen, versucht Europa seine traditionellen
Stärken bei Sicherheit, Normung und Zertifizierung auszuspielen. Der Wettlauf
um das autonome Fahren wird damit nicht nur zu einem technologischen, sondern
zunehmend auch zu einem regulatorischen Wettbewerb.