| von Wolfgang Gomoll

Wenn man die offiziellen Verlautbarungen der Automobilhersteller liest und hört, wird einem bisweilen ganz schwummrig. Die verbale Marketingmaschine spuckt immer wieder dieselben Begriffe aus: "Transformation", "Digitalisierung", "Vernetzung", "Mobilitätsanbieter" und "neue Geschäftsmodelle", um nur die wichtigsten zu nennen. Ergänzt werden diese Schlagworte mit Strategiepapieren, die in ein paar Jahren schon nicht mehr die (virtuelle) Tinte wert sein könnten, mit denen sie gedruckt sind. Sicher ist nur eines, die klassische Geschäftsbeziehung zwischen Kunde und Automobilhersteller, in deren Zentrum der Händler steht, gehört der Vergangenheit an.

Die Autobauer müssen dennoch Geld verdienen. Also suchen sie händeringend nach neuen Einnahmequellen. Da geht der Blick über den Stadtrand von Wolfsburg, München, Stuttgart und Ingolstadt hinaus über den Atlantik ins Silicon Valley. Genauer gesagt zu Apple und vor allem Google. Viele freuen sich über die kostenlose Navigation per Google Maps auf dem Handy. Kostenlos ist der Kartendienst des Tech-Giganten, aber keinesfalls umsonst. Denn Google Maps sammelt auch fleißig Daten über den jeweiligen Nutzer, die bares Geld wert sind.

Was den Vordenkern in Kalifornien recht ist, kann Mercedes, Audi & Co. nur billig sein. "Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt gründen ihren Erfolg auf datenbasierten Geschäftsmodellen", sagt Timo Möller, Partner im McKinsey Center for Future Mobility. Möller ist Co-Autor einer Studie zur Datennutzung und Vernetzung von Fahrzeugen. Letztendlich geht es um die Möglichkeit, Autos und deren Daten als Geschäftsmodell einzusetzen. Laut der Studie werden 2030 rund 95 Prozent aller verkauften Autos vernetzt sein. Diese Konnektivität wird über weit über das Einbinden des Smartphones, das heute schon gang und gäbe ist, hinausgehen. Bei mehr als der Hälfte der Fahrzeuge wird es zum Beispiel möglich sein, personalisierte Inhalte sowie Concierge-Dienste für jeden Passagier bereitzustellen. Dazu kommen Dienste und Funktionen, die wie bei einer App auf Wunsch freigeschalten werden können. In der Regel muss man dafür bezahlen, was problemlos und schnell machbar ist.

Aufrüstung bereits im vollen Gange

McKinsey prognostiziert, dass die Hersteller pro Fahrzeug durch drahtlose Updates und maßgeschneiderte Entwicklung durchschnittlich bis zu 310 Dollar zusätzlichen Umsatz generieren und durch prädiktive Wartung 180 Dollar Einsparpotenzial realisieren können. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, je mehr die Vernetzung voranschreitet, desto höher sind die Gewinne. "Insgesamt beläuft sich das Wertpotenzial auf bis zu 400 Milliarden US-Dollar im gesamten Mobilitätsökosystem von Autoherstellern, Zulieferern und Serviceanbietern bis hin zu Versicherungen, Infrastruktur- und Tech-Unternehmen", sagt Timo Möller.

Diese Zukunftsaussichten klingen wie Musik in den Ohren der Automobilmanager. Die Frage ist, wie man an die Geldtöpfe kommt. Die McKinsey-Experten haben aus 38 Anwendungsfeldern für Fahrzeugdaten drei Anwendungen herausgefiltert, die rund 40 bis 45 Prozent des Gesamtpotenzials ausmachen. Die drahtlosen Updates sind beim Generieren von Erlösen so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau. Das Beheben von Fehlern liegt auf der Hand. Dadurch spart sich der Hersteller teure und aufwendige Rückrufaktionen. Außerdem halten diese Updates das Auto durch das Freischalten neuer Funktionen oder das Aufpeppen des Informationssystems "frisch" und erhöhen somit letztendlich auch den Wiederverkaufswert. Laut der Studie interessieren sich 39 Prozent der Autokäufer für die Möglichkeit, nach dem Kauf zusätzliche Services dazu zu buchen. Die Autobauer haben dieses Potenzial bereits erkannt und rüsten die Fahrzeuge mit einer dementsprechenden Technik-Architektur aus. Ganz vorne dabei ist wieder einmal Tesla, die das Freischalten bereits anbieten.

Prädiktive Wartung verhindert Totalausfälle

Ganz ohne ist das Sammeln von Daten aber nicht. Die Eigentümer- oder Passagier-Daten umfassen ein großes Feld und nicht alles, was aufgezeichnet werden kann, dürfte im Sinne des Autofahrers sein: Welche Radiosender wurden gehört, welche Navigationsziele angefahren, mit welcher - eventuell zu hohen - Geschwindigkeit wurde gefahren, um nur einige zu nennen. "Hier tun sich nun sehr viele Fragen auf - allen voran, wem welche Daten gehören. Oder zu welcher Daten-Übertragung der Besitzer bereit ist. Geklärt werden müssen die Pflichten des Herstellers beispielsweise beim Verkauf oder der Verschrottung eines Autos. Es sind Fälle bekannt, bei denen in zu verschrottenden Teslas unverschlüsselte Besitzerdaten in den Navis gefunden wurden. Für solche Fälle müssen Regelungen geschaffen werden", erklärt Dr. Jan Becker, CEO von Apex.AI, einem Unternehmen aus dem Silicon Valley, das Software für Automotive-Anwendungen entwickelt.

Dabei dürfen die Vorteile nicht unerwähnt bleiben. Am einfachsten behebt man eine Panne, indem sie gar nicht erst auftritt. Durch die sogenannte Prädiktive Wartung wird diese Binsenweisheit Realität. Dabei wird das Fahrzeug ständig überwacht und das System schlägt Alarm, ehe es zum Totalausfall kommt. Das spart den Kunden Ärger und Verdruss, erhöht die Freude am Fahren und führt so zu einer verstärkten Kundenbindung. Das Aftersales-Geschäft der Hersteller profitiert ebenfalls von diesem Informationszentrum, denn so können die Wartung und die Auslastung der Werkstätten und das benötigte Inventar effizienter gesteuert werden, was letztendlich den Kundenservice verbessert. Außerdem lassen sich durch "Schwarmintelligenz" Fehler vermeiden, ehe sie auftreten. Mithilfe der gesammelten Daten erkennt der Autobauer, welche Funktionen die Autofahrer in ihrem Wagen haben wollen und was nicht. Diese virtuelle Kundenklinik fließt dann direkt in die Entwicklung eines neuen Modells ein und schraubt so das Budget herunter. Durch die Konzentration auf das Wesentliche werden auch die Ausstattungsvarianten deutlich reduziert, was eine enorme Einsparungsmöglichkeit darstellt.

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