Cariad ist seit Oktober 2025 eines der ersten Unternehmen, das nach ISO/SAE-21434 zertifiziert ist. Miriam Gruber, Head of Integrated Management Systems bei Cariad, über die Bedeutung der Norm für das Unternehmen, die Produkte und für die Endkunden.
Wie Miriam Gruber betont, macht die ISO 21434 individuelle Ansätze jetzt überflüssig und bietet einen gemeinsamen Rahmen für die Cybersicherheit in der Automobilentwicklung und -produktion.CARIAD SE
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Mit dem steigenden Digitalisierungsgrad
moderner Fahrzeuge nimmt auch die Zahl potenzieller Angriffsflächen zu.
Cybersicherheit wird daher zu einem zentralen Qualitäts- und Vertrauensfaktor. Die
ISO/SAE 21434 etabliert sich derzeit als zentraler Standard für
Cybersecurity-Management in der Automobilindustrie. Noch stecken zahlreiche
Unternehmen mitten im Zertifizierungsprozess oder setzen auf nicht
akkreditierte Zertifikate. Volkswagens Softwaretochter Cariad will sich unter
anderem auch aufgrund der frühen Zertifizierung als technologisch und
organisatorisch führend im Bereich Fahrzeug-Cybersecurity etablieren.
Frau Gruber, Cariad hat im Oktober als eines der ersten Unternehmen
eine Zertifizierung nach ISO/SAE-21434 durch eine für Cybersecurity
akkreditierte Prüfgesellschaft erhalten. Was genau steht hinter der
Zertifizierung? Was ist anders als etwa bei der etablierten Norm ISO 26262?
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Bei der ISO/SAE 21434 handelt es sich um ein Pendant zur bereits
etablierten ISO 26262, jedoch mit dem Fokus auf Cybersecurity. Mit ihr
etabliert sich ein zentraler Standard für das Cybersecurity-Management in der
Automobilindustrie. Bei ISO 26262 geht es um die Minimierung von Fehlern, die
vom Fahrzeug ausgehen könnten. Bei ISO 21434 geht es um den Schutz vor aktiven
Angriffen von außen. Dahinter stehen zunächst eine Analyse, dann das
Einschätzen der Risiken sowie das Einplanen konkreter technischer Maßnahmen. Und
diese gilt es in das Produkt einzubringen, sodass letzten Endes die Risiken
minimiert werden.
Was
bedeutet diese ISO-Zertifizierung für ein Softwareunternehmen wie Cariad im
Vergleich zum letztlich für das Endprodukt gesamtverantwortlichen OEM?
Zur Einordnung hilft ein Blick auf die UNECE-Regelung UN R155.
Sie verlangt von den OEMs vor jeder Typzulassung den Nachweis einer entsprechenden
Absicherung vor Cyberrisiken und verpflichtet sie zur Implementierung eines
Cyber Security Management Systems. Damit lassen sich Risiken über den gesamten
Fahrzeuglebenszyklus identifizieren und minimieren. Die Adressaten sind also OEMs,
die die Fahrzeuge in Verkehr bringen. Die Regelung verlangt aber auch, dass
alle Beteiligten der Lieferkette die Anforderungen erfüllen müssen, also auch
wir als Automotive Software-Unternehmen. Parallel dazu ist nun die ISO-Norm
21434 entstanden. Sie verlangt Grundprinzipien und Prozesse der Cybersicherheit
von allen, die sich mit elektrischen und elektronischen Fahrzeugsystemen befassen.
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Dahinter
steht also die Idee, dass Cybersicherheit von Anfang an allumfassend mit
einbezogen wird. Wie umfangreich sind die Vorgaben durch die Norm? Was bedeutet
dies in der Praxis für die Entwickler und Entwicklerinnen bei Cariad?
Die Norm beschreibt nicht nur, was es zu tun gilt, bevor
etwas in den Markt gebracht wird, sondern auch all jene Maßnahmen, um das
Produkt im Feld sicher zu betreiben. Dies lässt sich sehr gut mit unseren
Smartphones vergleichen, für die wir ja auch immer wieder Sicherheitsupdates
erhalten. Die Idee ist das Prinzip „Security by Design“,
also von vornherein Risiken in Systemen zu minimieren und die Möglichkeit zu
schaffen, Security-Updates zu fahren und Sicherheitspatches auszurollen.
Welchen
Vorteil hat eine Zertifizierung nach ISO 21434 generell und der frühe
Zertifizierungszeitpunkt im Besonderen für Cariad?
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Insbesondere geht es darum, ein standardisiertes Vorgehen
in unserer Branche zu etablieren und ein Forum für den Austausch zu bieten. Der
Cybersecurity-Markt entwickelt sich rasant und ständig weiter. Angreifer
entwickeln immer neue Methoden. Dies hat eine beständige Risikobewertung zur
Folge, ein Anreichern mit neuen Daten, ein ständiges Aktualisieren. Dabei hilft
der Erfahrungsaustausch. Wenn alle nach dem gleichen Modell vorgehen, können
wir Risiken besser bewerten und schneller Lösungen entwickeln.
Individuelle
Ansätze zur Bekämpfung der Angreifbarkeit sollen durch die ISO künftig also hinfällig
werden?
Bis zur Einführung der ISO-Norm haben OEMs und Zulieferer
ihre eigenen Ansätze zur Bekämpfung der Cybersicherheit formalisiert. Die ISO
21434 macht individuelle Ansätze jetzt überflüssig und bietet einen gemeinsamen
Rahmen für die Cybersicherheit in der Automobilentwicklung und -produktion. Sie
definiert nicht nur die Anforderungen an Cybersicherheitsprozesse, sondern entwickelt
auch eine gemeinsame Sprache für das Verständnis von Softwaresicherheit und
Cybersicherheitsrisikomanagement.
Welche
Vorteile entstehen daraus für die Ingenieurinnen und Ingenieure bei Cariad?
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Zunächst handelt es sich bei der Zertifizierung um eine Art
Vertrauensmerkmal. Die Kunden, in unserem Fall die Marken des Volkswagen-Konzerns,
können sich darauf verlassen, dass wir unseren Job richtig machen. Das
Zertifikat belegt, dass wir Produkte liefern, die hohe
Cybersicherheitsstandards erfüllen. Hinzu kommt: Auch wir als
Softwareunternehmen arbeiten mit Dienstleistern zusammen. Das Zertifikat hilft
uns dabei nachzuweisen, dass wir mit vertrauenswürdigen Prozessen arbeiten. Ein
anderer Vorteil ergibt sich für die Entwickler selbst. Sie haben nun eine
gewisse Sicherheit, dass sie rechts- und regelkonform und nach dem Stand der
Technik arbeiten. Zu guter Letzt stellt das Zertifikat auch eine
Arbeitserleichterung dar. Statt mit jedem Projekt neu zu prüfen, wie die
Regularien erfüllt werden, können wir jetzt auf einen Standardprozess
zugreifen, der zertifiziert ist. Das ist eine deutliche Arbeitserleichterung.
Keine
Norm, keine Zertifizierung kann jede Eventualität abdecken. Wo liegen die
Grenzen?
Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, auch
nicht durch die Einführung neuer Normen. Die gibt es weder beim Laptop noch
beim Smartphone. Was wir aber dank des Austausches zur neuen ISO-Norm sehen:
die Branche hat ein neues wichtiges Werkzeug bekommen, um Cyberrisiken zu
minimieren. Das hilft Teams branchenweit beim Screening und Bewerten neuer
Risiken.
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Wie
ist es um die Internationalität der Zertifizierung bestellt?
Da es sich um eine ISO SAE-Norm
handelt, ist neben Europa insbesondere auch der amerikanische Markt abgedeckt, und
wir bedienen damit auch den chinesischen Markt. Damit sind wir international
gut aufgestellt.
Zur Person:
Miriam Gruber ist Expertin für Automotive
Security mit langjähriger Erfahrung in der Automobilindustrie. Nach dem
Mathematikstudium mit Schwerpunkt Kryptologie arbeitete sie als
Technologieberaterin und technische Projektleiterin, bevor sie bei BMW das Security-Team
für Fahrerassistenzsysteme aufbaute und leitete. Seit 2020 ist sie bei CARIAD
SE tätig. Zuerst als Lead Security Architektin, wo sie Sicherheitsstrategien
entwickelte und ein Cybersecurity Management System nach ISO 21434
implementierte. Seit Dezember 2024 leitet sie die Abteilung für Integrierte
Management Systeme, welche das Cybersecurity Management System mit anderen
Management Systemen für Qualität, Safety, Produktkonformität und KI
verantwortet und harmonisiert.