Digitales Abbild von Unternehmensprozessen

Brauchen Unternehmen einen Digital Twin of Organization?

Digitale Zwillinge sind in der Autoindustrie längst etabliert – allerdings vor allem als virtuelle Abbilder von Fahrzeugen, Komponenten oder Produktionsanlagen. Weit weniger im Fokus steht ein Abbild, das alle fürs Business relevanten Daten im Unternehmen zusammenführt.

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Person hält Tablet mit AR-Darstellung eines Fahrzeugtürmoduls in einer Werkhalle.
Digitale Abbilder gehören beispielsweise in der Qualitätssicherung zum Alltag – was es braucht, ist ein Zwilling, der alle Informationen zusammenführt.

Digitale Zwillinge empfehlen sich in der Automobilindustrie als wertvolle Helfer. Bisher allerdings in klar umrissenen Rollen: Fahrzeuge werden virtuell entwickelt, Produktionsanlagen simuliert, Fabriken als 3D-Modelle betrieben. Was kaum praktiziert wird, ist der nächste logische Schritt: der Digital Twin of Organization (DTO). Dabei geht es nicht um Blech, Bits oder Roboter, sondern um das digitale Abbild der gesamten Organisation – ihrer Prozesse, Abhängigkeiten und Entscheidungslogiken. So werden Prozesse, Ziel- und Ist-Zustände sowie Abhängigkeiten zwischen Entwicklung, Produktion und Supply Chain ganzheitlich sichtbar. Was wiederum neue Möglichkeiten zur Simulation, Entscheidungsunterstützung und Effizienzsteigerung schafft.

Was ist ein Digital Twin of Organization?

Ein Digital Twin of Organization (DTO) ist das digitale Abbild eines Unternehmens – seiner Prozesse, Abhängigkeiten und Entscheidungslogiken. Im Unterschied zu klassischen Digital Twins (Fahrzeug, Fabrik) modelliert ein DTO die Organisation selbst: wie Entwicklung, Produktion, Supply Chain und IT zusammenwirken.

Dafür verknüpft ein DTO Daten aus Systemen wie ERP, PLM, MES oder BI zu einem dynamischen Organisationsmodell. So lassen sich Szenarien simulieren, Risiken früh erkennen und Entscheidungen schneller und fundierter treffen – etwa bei Lieferengpässen, Release-Verschiebungen oder Produktänderungen.

Digital Twin of Organization: Was hinter dem DTO steckt

Wobei organisatorisch dafür das Rad nicht neu erfunden werden muss. Vielmehr gilt es, vorhandene Daten, Systeme und Tools zusammenzuführen. Ohne von einem DTO zu sprechen, haben OEMs längst diesen Weg eingeschlagen. So verknüpft BMW digitale Zwillinge von Fahrzeugen, Fabriken und Lieferketten miteinander, insbesondere unter dem iFactory-Idee. „Wir schaffen eine neue Dimension der Datendurchgängigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette und über alle Prozessketten hinweg”, erklärte der einstige Produktionsvorstand und künftige BMW-Chef Milan Nedeljković zum Start. Die iFactory setze einen klaren strategischen Rahmen und stelle gleichzeitig das Zielbild des Autobauers für die Produktion der Zukunft dar, insbesondere in Sachen Innovation und Digitalisierung. Auf Basis einer einheitlichen Daten- und Netzwerkstrategie rolle BMW eine Vielzahl digitaler Applikationen aus: in der Planung, der Produktion, bei Qualitätsprozessen und in der Logistik, so Nedeljković im Gespräch mit dem Fraunhofer-Magazin Futur.

Volkswagen nutzt digitale Zwillinge für Werke, Prozesse und Software-Organisation. Allein bei der Optimierung seiner Produktionslinien konnte in einigen Werken die Produktionseffizienz um bis zu 30 Prozent gesteigert werden. Das ist erst der Anfang. Mercedes-Benz arbeitet derweil an einer digitalen Durchgängigkeit von der Entwicklung bis zur Produktion, inklusive datenbasierter Entscheidungsmodelle. Große Tier-1-Zulieferer wie Bosch oder ZF kombinieren Produktions-, Qualitäts- und Lieferkettenzwillinge zunehmend auf Organisationsebene.

Wir schaffen eine neue Dimension der Datendurchgängigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette und über alle Prozessketten hinweg

Milan Nedeljković, BMW

Die Beispiele zeigen, dass DTOs meist evolutionär entstehen, indem bestehende Digital Twins und Unternehmensdaten zusammengeführt werden. Gleichwohl scheint das Thema in der Branche noch unterschätzt zu werden. Was auch daran liegen mag, dass ein Fahrzeug- oder Fabrikzwilling sofort messbare Effekte verspricht, während der digitale Zwilling einer Organisation eher abstrakt wirkt. Nicht zuletzt ist das Silo-Denken keineswegs ausgestorben. Ein DTO setzt jedoch voraus, Silos zumindest datenlogisch zu überwinden. Hinzu kommt: Viele Unternehmen glauben, mit ERP-, PLM- und BI-Systemen bereits ausreichend Transparenz zu haben. Tatsächlich liefern diese Systeme wertvolle Informationen, bleiben aber funktional getrennt. Sie bilden Zustände ab, nicht aber Zusammenhänge. Der DTO dagegen fragt: Wie wirkt sich eine Entscheidung in der Entwicklung auf Produktion, Lieferkette, Kosten und Time-to-Market aus und zwar gleichzeitig?

Warum ERP, PLM und BI für einen DTO nicht ausreichen

Der Mehrwert eines DTO liegt nicht in der Datensammlung, sondern in der Verknüpfung und Simulation. ERP-Systeme steuern Ressourcen, PLM-Systeme verwalten Produktdaten, BI-Tools analysieren Vergangenes. Ein DTO hingegen kombiniert diese Daten zu einem dynamischen Organisationsmodell. Damit lassen sich Szenarien durchspielen, bevor reale Entscheidungen getroffen werden: Was passiert, wenn ein Software-Release verschoben wird? Welche Folgen hat ein Lieferantenausfall für Produktionsanlauf, Qualität und Kosten? Wie verändern neue regulatorische Anforderungen interne Prozesse? Der DTO wird so zu einem Frühwarn- und Entscheidungsinstrument, was in einer Branche besonders wertvoll ist, in der Fehlentscheidungen schnell Milliarden kosten.

Der größte Hebel des DTO liegt weniger in klassischer Effizienzsteigerung als in der Beherrschung von Komplexität. Elektromobilität, Software-Defined Vehicles, Over-the-Air-Updates und globale Lieferketten haben die Branche fundamental verändert. Entscheidungen sind heute stärker vernetzt und zeitkritischer als je zuvor. Ein DTO kann diese Komplexität sichtbar machen. Effizienzgewinne und schnellere Entscheidungen sind dabei eher Folge als Ziel – das eigentliche Potenzial liegt in der Fähigkeit, Wechselwirkungen frühzeitig zu erkennen.

DTO in der Praxis: Use Cases in Supply Chain, Entwicklung und Produktion

Die reifsten Anwendungsfälle finden sich derzeit in der Supply Chain und in der Produktentwicklung. In der Lieferkette ermöglicht ein DTO, Risiken zu simulieren, Alternativen zu bewerten und Engpässe organisationsweit zu managen. In der Entwicklung hilft er, die zunehmende Verzahnung von Hardware, Software und Organisation abzubilden – etwa bei der Koordination verteilter Teams oder bei der Einhaltung regulatorischer Vorgaben. In der Produktion existieren zwar hochentwickelte digitale Zwillinge, doch die Integration auf Organisationsebene steckt häufig noch in den Anfängen. Hier liegt erhebliches Potenzial, etwa bei der Synchronisation von Produktänderungen, Produktionsplanung und Qualifikationen der Belegschaft.

Mehr noch: Der Softwareanbieter newroom connect sieht etliche Geschäftsmöglichkeiten: „Digital-Twin-Geschäftsmodelle eröffnen völlig neue Einnahmequellen.“ Naheliegend sei beispielsweise Predictive Maintenance als Service, bei dem Unternehmen Daten aus digitalen Zwillingen nutzen, um vorausschauende Wartung anzubieten. Etwa für Flottenkunden. „Solche Geschäftsmodelle revolutionieren die Art und Weise, wie Unternehmen Wert schöpfen und mit Kunden interagieren. Sie bieten weitreichende Vorteile, die weit über einfache Prozessoptimierungen hinausgehen“, frohlocken die B2B-Softwareanbieter.

Die Frage ist also weniger, ob der Digital Twin of Organization zum Wettbewerbsfaktor wird, sondern für wen. Künftig werden DTOs dort zum Standard gehören, wo Organisationen hochgradig softwaregetrieben, global verteilt und permanent im Wandel sind – wie gemacht für Automotive-Unternehmen. Denn für sie ist es geschäftsentscheidender denn je, agil auf sich wandelnde Marktumfelder zu reagieren, Risiken besser zu managen und Innovationen gezielter zu skalieren.