Strategische Zusammenarbeit
Forvia und Raiqon automatisieren Engineering-Prozesse
Forvia und Raiqon wollen die Bearbeitung technischer Anforderungen in der Fahrzeugentwicklung mithilfe künstlicher Intelligenz vereinfachen. Eine gemeinsam entwickelte Plattform soll manuelle Arbeitsschritte reduzieren und bestehende Systeme ergänzen.
Gemeinsam mit Raiqon setzt der Automobilzulieferer auf die automatisierte Prüfung und Verwaltung komplexer technischer Anforderungen.
Forvia
Der Automobilzulieferer Forvia und das Technologieunternehmen Raiqon haben eine strategische Partnerschaft vereinbart, um künstliche Intelligenz stärker in der Fahrzeugentwicklung einzusetzen. Im Mittelpunkt steht die Automatisierung des Requirements Engineering, das sich mit der Definition, Analyse und Verwaltung technischer Anforderungen befasst. Eine gemeinsam entwickelte Lösung soll die Bearbeitung umfangreicher Anforderungskataloge erleichtern und Entwicklungsabläufe beschleunigen.
Je nach Komplexität eines Produkts können Entwicklungsprojekte laut Forvia bis zu 15.000 einzelne Anforderungen umfassen. Deren Prüfung und Abstimmung verursacht einen erheblichen Bearbeitungsaufwand. Mit der KI-basierten Plattform wollen die Partner wiederkehrende Tätigkeiten automatisieren und die Entwicklungsabteilungen entlasten. Die technologische Grundlage bildet eine Multi-Agenten-Plattform des auf KI-Lösungen für regulierte Engineering-Umgebungen spezialisierten Unternehmens Raiqon. Das System führt Informationen aus verschiedenen Entwicklungsanwendungen zusammen und unterstützt die Analyse sowie Bewertung technischer Anforderungen.
Dabei soll die Software Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Anforderungen identifizieren und bereits vorhandene Bewertungen für neue Aufgaben nutzbar machen. Darüber hinaus erkennt die Plattform nach Angaben der Unternehmen Widersprüche in Anforderungskatalogen und erstellt fehlende Verknüpfungen automatisch. Durch diese Funktionen möchte der Automobilzulieferer den manuellen Bearbeitungsaufwand verringern. Die Entwickler sollen dadurch mehr Kapazitäten für die Prüfung neuer Anforderungen erhalten. Zugleich erwartet der Konzern eine höhere Produktivität und kürzere Entwicklungszeiten.
Integration in bestehende IBM-DOORS-Umgebung
Ein wesentlicher Bestandteil der Zusammenarbeit ist die Einbindung der KI-Lösung in die vorhandene IT-Infrastruktur. Die Plattform wird innerhalb der abgesicherten Systemumgebung von Forvia betrieben und ist in das bestehende Anforderungsmanagementsystem IBM DOORS integriert. Damit sollen die bislang etablierten Arbeitsabläufe weitgehend erhalten bleiben. Die gemeinsam entwickelte Anwendung wird derzeit an die spezifischen Anforderungen der Unternehmensbereiche Forvia Hella und Faurecia Clarion Electronics angepasst.
„Die KI-gestützte Automatisierung des Anforderungsmanagements ist ein wesentlicher Baustein, um schneller und effizienter zu werden und damit unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Gemeinsam mit Raiqon haben wir eine auf unsere Bedürfnisse zugeschnittene Lösung entwickelt, die sich direkt in unsere bestehende IBM-DOORS-Umgebung integrieren lässt und es unseren Teams ermöglicht, eine deutlich größere Anzahl an Anforderungen zu bearbeiten“, kommentiert Jörg Weisgerber, Geschäftsführer des Geschäftsbereichs Elektronik bei Forvia Hella.
Digitalisierung und Softwareentwicklung im Fokus
Die Kooperation ist nach Angaben des französischen Konzerns Teil seiner Ignite-Transformationsinitiative. Damit will Forvia unter anderem die Digitalisierung seiner Engineering-Prozesse vorantreiben. Konzernchef Martin Fischer bezeichnet künstliche Intelligenz als wichtigen Faktor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in der Automobilindustrie. Die Partnerschaft soll dazu beitragen, Entwicklungsabläufe zu beschleunigen, ohne die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Compliance zu beeinträchtigen.
Parallel dazu baut Forvia Hella seine Aktivitäten im Bereich eigenständiger Softwareprodukte aus. Anfang 2025 gründete der Automobilzulieferer dafür die Gesellschaft Ignite by Forvia Hella. Sie soll neue softwarebasierte Geschäftsmodelle entwickeln, die teilweise an die bestehenden Geschäftsfelder Licht, Elektronik und Lifecycle Solutions anknüpfen. Daneben arbeitet die Einheit an unabhängigen Softwarelösungen.
Ein Beispiel ist die gemeinsam mit TÜV Rheinland entwickelte Traffic Rules Engine. Das Softwaremodul soll automatisierte Fahrzeuge ab SAE-Level 3 dabei unterstützen, geltende Verkehrsregeln und rechtliche Vorgaben einzuhalten. Auf Grundlage von Sensor- und Kartendaten bewertet die Anwendung geplante Fahrmanöver und meldet mögliche Regelverstöße an das Fahrsystem zurück. Die Entwicklung verdeutlicht den zunehmenden Stellenwert eigenständiger Softwareprodukte innerhalb des Unternehmens.
KI soll Entwicklungszyklen verkürzen
Auch Raiqon sieht in der Automatisierung technischer Entwicklungsprozesse einen Ansatz, um den steigenden Anforderungen der Automobilindustrie zu begegnen. Die Hersteller und Zulieferer müssten ihre Entwicklungszyklen verkürzen, die Wirtschaftlichkeit verbessern und gleichzeitig die wachsende technische Komplexität bewältigen.
„Die Automobilindustrie steht unter zunehmendem internationalen Druck“, betont Raiqon-CEO Szabi Koppany. Der Einsatz künstlicher Intelligenz könne aus seiner Sicht wesentlich dazu beitragen, die Effizienz und Qualität der Entwicklungsprozesse langfristig zu verbessern. Konkrete Angaben zu den finanziellen Rahmenbedingungen der Kooperation oder zum geplanten Umfang des Einsatzes machten die Unternehmen nicht. Ebenso bleibt offen, welche messbaren Produktivitätsgewinne die KI-Plattform bislang erzielt hat.