„Softwaredefinierte Steuerung ist die Schlüsseltechnologie“
Innenraumbeleuchtung wird mehr und mehr zu einer funktionalen Ebene der Fahrzeugarchitektur. Michael Bantel von Hella erklärt, wie sie trotz Kostendruck und engem Bauraum für mehr Sicherheit, bessere Orientierung und stärkere Markendifferenzierung sorgen kann.
Benjamin MüllerBenjaminMüllerInternational Editor for ADT, aIT, AP & All-Electr.
3 min
Michael Bantel auf der Bühne der Automotive Lighting Conference 2026 in München.Benjamin Müller
Anzeige
Innenraumbeleuchtung wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil der digitalen Fahrzeugarchitektur. Sie unterstützt Funktionen von Orientierung und Warnhinweisen bis hin zu Personalisierung und Entertainment. Michael Bantel, Head of Interior Lighting Development Global bei Hella Innenleuchten-Systeme, begann seine Karriere in der Optikentwicklung und sammelte anschließend Erfahrung im Tier-1-Projektmanagement.
Auf der Automotive Lighting Conference 2026 stellte er Zukunftstechnologien für Exterieur- und Interieurbeleuchtung vor. Im Anschluss an seinen Vortrag in München haben wir mit ihm darüber gesprochen, warum softwaredefinierte Steuerung ein zentraler Enabler ist, wo die Systemintegration noch zu kurz greift und wie regionale Präferenzen künftige Konzepte prägen.
Herr Bantel, welche heute getroffene Entscheidung wird am stärksten bestimmen, wie Licht künftig im Fahrzeuginnenraum Wert schafft – durch Sicherheit, User Experience, Personalisierung oder Markendifferenzierung?
Anzeige
Einfach gesagt: Der künftige Wert von Innenraumbeleuchtung wird davon abhängen, ob sie Informationen vermittelt oder Atmosphäre schafft. Anders formuliert: Die entscheidende Weichenstellung besteht heute darin, den primären Zweck zu definieren, den Innenraumbeleuchtung erfüllen soll. Dabei spielt der Zielmarkt eine erhebliche Rolle. Marktpräferenzen bewegen sich naturgemäß entlang eines Spektrums: In China und Teilen Asiens gibt es eine stärkere Neigung zu ambientebasierten, personalisierten Lichterlebnissen, während Fahrerinnen und Fahrer in Europa und Nordamerika eher funktionale Klarheit priorisieren. Feature-on-Demand-Konzepte machen dieses Spektrum sehr gut beherrschbar und verwandeln regionale Unterschiede in einen echten Wettbewerbsvorteil.
Wenn Sie drei bis fünf Jahre vorausblicken: Was wird der größte Engpass sein, um intelligente Innenraumbeleuchtung von einem Komfortmerkmal zu einem skalierbaren Bestandteil der gesamten Fahrzeugarchitektur zu entwickeln?
Ich würde es nicht als Engpass im eigentlichen Sinne bezeichnen. Was wir angehen müssen, ist die tiefgreifende Integration der Innenraumbeleuchtung in die zentrale Fahrzeugarchitektur. Heute wird Innenraumbeleuchtung noch weitgehend als isoliertes Feature behandelt. Künftig muss sie als softwaredefinierter, orchestrierter Bestandteil der gesamten User Experience in der Fahrzeugkabine funktionieren. Das wird nur möglich sein, wenn Innenraumbeleuchtung als anpassbarer Service im softwaredefinierten Fahrzeug verankert ist.
Anzeige
Wo greifen heutige Ansätze der Innenraumbeleuchtung noch zu kurz, wenn es darum geht, Optik, Elektronik, Software und Fahrzeugfunktionen in reale Serienprogramme zu integrieren?
Die größte Herausforderung liegt in den Schnittstellen zwischen den verschiedenen Disziplinen, die zum Fahrzeuginnenraum beitragen. Was wir künftig konsequenter entwickeln müssen, sind ganzheitliche Systemkonzepte. Heute werden die verschiedenen Komponenten, aus denen Fahrzeuginnenräume bestehen, häufig getrennt voneinander entwickelt und beschafft: Die Optik wird durch Produktanforderungen getrieben, die Elektronik kostenoptimiert, die Software funktionsspezifisch entwickelt und Fahrzeugfunktionen bleiben nach Domänen getrennt. Wenn wir Fahrzeuginnenräume zu einem „Third Space“ weiterentwickeln wollen – und dazu gehört auch die Innenraumbeleuchtung –, kann es hilfreich sein, den Lichtaspekt früher in die Prozesskette einzubinden und ihn kohärenter zu betrachten.
Welche Technologien werden aus globaler Entwicklungsperspektive für Innenraumbeleuchtung den stärksten Einfluss auf Fahrzeuginnenräume der nächsten Generation haben – dynamische Ambientebeleuchtung, miniaturisierte Optiken, Sensorintegration oder softwaredefinierte Steuerung?
Anzeige
Softwaredefinierte Steuerung ist die Schlüsseltechnologie und der Enabler für alles Weitere. Die Integration von Fahrerbeobachtung, Innenraumsensorik und Umgebungsdaten schafft den Kontext, der Licht seinen erheblichen Mehrwert verleiht. Sie macht Personalisierung und koordinierte Lichterlebnisse überhaupt erst möglich. Adaptives Licht – ob für Warnungen, Fahreraktivitäten oder Komfort genutzt – verwandelt Licht von einem statischen Feature in ein intelligentes, reaktionsfähiges System. Es wird modular, plattformübergreifend einsetzbar und funktionsübergreifend wirksam. Eine dritte Dimension erhöht die Relevanz zusätzlich, insbesondere in asiatischen Märkten: Das Fahrzeug wird zunehmend nicht zum Fahren genutzt, sondern als mobiler Lebensraum für Gaming, Streaming oder Entertainment. In solchen Szenarien wird Licht Teil des Erlebnisses selbst und reagiert auf Inhalte, Stimmung und Nutzerinteraktion statt auf Straßenbedingungen. Softwaredefinierte Steuerung ermöglicht diesen Wandel ohne Neuentwicklung oder Kompromisse. Die stärkste Innovation ist nicht das Licht selbst – es ist die Intelligenz, die es steuert.
Wie entwickelt sich Innenraumbeleuchtung von statischer Illumination zu einem adaptiven HMI-Element, das Komfort, Orientierung, Fahrerwahrnehmung und emotionales Erleben unterstützt?
Aus Ihrer Erfahrung in der Optikentwicklung und im Tier-1-Projektmanagement: Wo prägen praktische Randbedingungen wie Bauraum, thermisches Verhalten, Kosten, Validierung und regionale Anforderungen künftige Lichtkonzepte am stärksten?
Ich würde es auf zwei Aspekte eingrenzen: industrielle Randbedingungen einerseits und Kosten andererseits. Die entscheidenden Faktoren hängen selten mit der Vision für die Funktion zusammen. Es geht viel stärker um Montageaufwand, Automatisierbarkeit, Thermomanagement und vor allem um Bauraum. Lautsprecher, Airbags und Strukturkomponenten konkurrieren im Innenraum direkt mit der Innenraumbeleuchtung um denselben Platz. Der zweite Aspekt sind die Kosten, die derzeit im Markt natürlich höchste Priorität haben. Das bedeutet, dass „Nice-to-have“-Funktionen oft als Erste verschwinden. Letztlich leitet sich genau daraus unsere Aufgabe ab. Wir müssen immer wieder beweisen, dass Innenraumbeleuchtung nicht bloß „nice to have“ ist, sondern einen erheblichen Mehrwert für die Fahrzeugarchitektur liefert und als echtes Differenzierungsmerkmal dient.