Tesla-Interior und Infotainment

Tesla gilt bei vernetzten Diensten im Connected Car als Vorreiter in der Branche und hat sich einiges an Vorsprung erarbeitet - doch dieser könnte schnell schrumpfen. Bild: Adobe Stock/VadimGuzhva

Für Volkswagen-Chef Herbert Diess ist der Weg, wie sich der größte Automobilhersteller der Welt in den kommenden zehn Jahren positionieren wird, klar: „Unsere Umsatz- und Gewinnpools werden sich bis 2030 schrittweise verschieben. Zunächst vom Verbrenner zum Elektroauto, später, wenn das autonome Fahren zusätzliche Umsätze bietet, zu Software und Diensten“, sagte er bei der Strategiepräsentation Mitte Juli. Volkswagen will das vernetzte und elektrifizierte Fahrzeug zu einem rollenden Geschäftsmodell machen: Kunden soll ein digitales Ökosystem angeboten werden, in dem sie fast täglich über Softwareupdates mit neuen Funktionen und Features, sei es zum Zukunftsversprechen autonomes Fahren oder anderen Dienstleistungen, versorgt werden.

Mehr als fünf Billionen Euro groß soll der Automobilmarkt laut Diess im Jahr 2030 sein, ein Gutteil davon kommt dann aus der Software- und Big-Data-Welt. Volkswagens Bestrebungen, das Auto von morgen über den USP Software und Dienste zu differenzieren, steht exemplarisch für den Weg, den derzeit zahlreiche Autobauer eingeschlagen haben – unter anderem getrieben von Pionieren wie Tesla, die nicht nur in der Antriebsfrage schon vor Jahren die heute gültigen Antworten gegeben haben.

Tesla bei vernetzten Diensten vor deutschen OEMs

„Autohersteller machen die Fahrzeugarchitekturen und Infotainmentsysteme derzeit fit für Connected Services, um künftig neue Umsatzpotenziale erschließen zu können. Voraussetzung dafür sind unter anderem Over-the-Air-Updates, mit deren Hilfe Functions on Demand realisiert werden können“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM). In der aktuellen Connected-Car-Innovation-Studie, die von CAM und automotiveIT jährlich veröffentlicht wird, hat sich Bratzels Institut neben fahrzeugtechnischen Innovationen auch mit den Connected Services beschäftigt – also solchen fahrzeugnahen, vernetzten Dienstleistungen, von denen sich OEMs wie Volkswagen hohe Umsätze erhoffen. Untersucht hat das CAM 73 Services aus den Bereichen Infotainment, Parking und Charging sowie autonomes Fahren.

Wie fast zu erwarten steht Elektro-Pionier Tesla mit deutlichem Abstand an der Spitze der Connected-Services-Wertung. Die Kalifornier bieten bei fast allen Servicetypen hochbewertete vernetzte Dienste an, beispielsweise den zuschaltbaren Autopilotmodus, das bekannte Supercharger-Netzwerk oder Tesla Arcade, eine vollumfängliche Gaming-Plattform. Gerade im Zuge der Elektrifizierung des Antriebs gewinnen solche Entertainment-Features enorm an Bedeutung, überbrücken sie doch beispielsweise die lästigen Ladepausen – Tesla hat dies schon früh erkannt. „Tesla hat in Sachen Softwarearchitektur, die gleich losgelöst von der Hardware im Fahrzeug entwickelt wurde, einige Jahre Vorsprung vor den deutschen OEMs. Diese verfügen aber über die Ressourcen, bei dem Thema aufzuholen und tun es aktuell auch“, betont Bratzel.

So sortieren sich die hiesigen Hersteller Volkswagen, Daimler und BMW im Connected-Services-Ranking im Bereich der High Performer ein. Sie verfügen allesamt über starke Services in den Bereichen autonomes Fahren und Parking sowie Charging. So bietet VW beispielsweise mit PayByPhone seinen Kunden einen umfangreichen Parkplatz-Bezahldienst. Audi, BMW und Daimler verfügen alle drei über hochentwickelte On-Street-Parking-Systeme, die mittels Algorithmus freie Parkplätze ermitteln.

Vernetzung bei Kunden in China ein Must-have

So weit zu den westlichen Akteuren. Denn was in dem relativ neuen Innovationsfeld besonders auffällt, ist die Stärke der chinesischen Fahrzeughersteller. Unter den Top Zwölf im Dienste-Ranking befinden sich gleich sieben OEMs aus dem Reich der Mitte, angeführt von Xiaopeng auf Rang zwei hinter Tesla. Das Unternehmen aus Guangzhou erzielt die meisten Punkte bei autonomen Fahrfunktionen, zeigt mittels eines internen Fahrzeug-App-Stores seine Stärken auch bei den Themen Streaming, Social Media und Gaming.

Das Mittelfeld des Rankings wird mit Nio, Li Xiang, BYD, SAIC, Geely und Great Wall fast ausschließlich von chinesischen OEMs dominiert, die allesamt mehr oder gar bessere vernetzte Dienste anbieten als viele etablierte Autobauer. Für Autoexperte Bratzel liegt das an den etwas anders gelagerten Erwartungen der fernöstlichen Klientel: „Vernetzung und Digitalisierung sind für chinesische Kunden schon heute viel wichtiger als für Käufer in Deutschland. Untersuchungen zeigen, dass gut die Hälfte der Autointeressierten in China eher bereit wären, die Marke zu wechseln, wenn eine entsprechende Fahrzeugvernetzung nicht vorhanden ist – in Deutschland spielt das eine eher untergeordnete Rolle.“ Kein Wunder also, dass chinesische Player Connected Services derart forcieren.

Der Markt für Connected Services ist riesig

Ein solch strategischer Fokus könnte für Akteure im Automotive-Business künftig äußerst lukrativ sein. Um die Marktpotenziale der Services berechnen zu können, haben die CAM-Forscher fünf verschiedene Use Cases aus den Bereichen autonomes Fahren, Infotainment und Energie aufgestellt und auf Basis des weltweiten Pkw-Bestandes und dem daraus abgeleiteten Anteil Use-Case-fähiger Fahrzeuge ein mögliches Umsatzvolumen berechnet. Demnach könnten fahrzeugnahe, vernetzte Dienstleistungen im Jahr 2030 pro Fahrzeug zwischen 800 und 1.000 Euro erlösen, das gesamte Connected-Services-Marktvolumen beziffert das Institut auf über 200 Milliarden Euro am Ende dieses Jahrzehnts.

Um dieses ertragreiche Geschäftsfeld beackern zu können, sollten die OEMs jedoch vorher ihre Hausaufgaben machen, meint auch Stefan Bratzel: „Die Autohersteller müssen in Sachen Datenökosystem und Plattformbusiness noch einiges an Kompetenzen aufbauen. Denn am Ende des Tages müssen sie eigene Ökosysteme etablieren, die besser sind als die übergreifenden Systeme beispielsweise von Apple oder Google – das ist eine enorme Herausforderung.“ Dabei werde es nicht ohne Kooperationen gehen, glaubt der Autoexperte. „Gerade bei den nicht marktdifferenzierenden Bereichen der softwarebasierten Wertschöpfung sollten die OEMs überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, unternehmensübergreifend zusammenzuarbeiten.“

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Alle weiteren Rankings, Fakten und Hintergründe sowie das Gesamtergebnis der Connected-Car-Innovation-Studie powered by Cisco lesen Sie im exklusiven Summary oder in der Langfassung, die hier zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen. Die Branchenstudie erhebt und vergleicht die Leistungs- und Innovationsstärke von 30 globalen Autoherstellern in den Bereichen vernetztes Fahrzeug und Dienstleistungen sowie deren Marktstärke. Basis der Studie ist die jährlich aktualisierte Innovationsdatenbank des Center of Automotive Management (CAM).

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