Interview mit KPIT aus Indien
„Das Abkommen verbessert drei entscheidende Faktoren“
Das EU-Indien-Handelsabkommen könnte die Softwareentwicklung europäischer OEMs deutlich beschleunigen. Der indische Software- und Engineering-Spezialist KPIT mit Präsenz in Europa ordnet die Auswirkungen ein. Wo der größte Hebel liegt, lesen Sie im Interview.
Sachin Tikekar, President & Joint Managing Director KPIT (r.) und Franz Josef Schürmann, President & Managing Director - Europe KPIT, ordnen im Interview die Bedeutung des EU-Indien-Freihandelsabkommens für die Automotive- und Softwarebranche ein. Sie erwarten schnellere SDV-Programme, mehr Skalierbarkeit in der Entwicklung und neue Impulse für KI-getriebene Fahrzeugarchitekturen.
Das EU-Indien-Freihandelsabkommen ist politisch auf den Weg gebracht – der formale Abschluss steht allerdings noch aus. Dennoch fallen die ersten Reaktionen überwiegend positiv aus, das Abkommen gilt als Signal für wirtschaftliche Offenheit und engere technologische Zusammenarbeit. Doch was bedeutet der Deal konkret für Unternehmen, die in beiden Märkten zu Hause sind? Das wollten wir von KPIT wissen.
Im Interview erklären Präsident Sachin Tikekar und Europa-Chef Franz Josef Schürmann, warum sie mit schnelleren Software-defined Vehicle (SDV)-Programmen, skalierbareren Engineering-Strukturen und zusätzlichen Impulsen für KI-getriebene Fahrzeugentwicklung rechnen. Auch haben sie uns erzählt, welche konkreten Effekte sie bereits kurzfristig erwarten und wo sie den größten Hebel des Abkommens sehen.
Was das EU-Indien-Freihandelsabkommen für die Automobil- und Tech-Branche bedeutet
Indien und die EU haben ein Handelsabkommen abgeschlossen. Was war Ihre erste Reaktion – und was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Automobil- und Technologiebranche?
Sachin Tikekar: Meine Reaktion war, dass dies ein echter Meilenstein ist. Indien und Europa senden ein starkes Signal für wirtschaftliche Offenheit, Resilienz und kollaborative technologische Entwicklung. Die Automobil- und Softwareindustrien leben von globaler Zusammenarbeit – und die Reduzierung von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen stärkt genau dieses Ökosystem. Besonders positiv ist der Fortschritt in den Bereichen Dienstleistungen, digitaler Handel und berufliche Mobilität, die nun klarere und offenere Rahmenbedingungen haben. Das erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Teams auf beiden Kontinenten erheblich und beschleunigt Innovationen in Bereichen wie SDV, KI-getriebenen Fahrzeugfunktionen, elektrische/elektronische (E/E)-Architekturen und ADAS (Anm. d. Red.: Advanced Driver Assistance Systems) und AD (Anm. d. Red.: Autonomous Driving).
Franz Josef Schürmann: Mein erster Gedanke war: Endlich! Dieses Abkommen kommt zu einem Zeitpunkt, an dem europäische OEMs und Zulieferer unter enormem Druck stehen, Entwicklungszyklen zu verkürzen und Softwarefähigkeiten global zu skalieren. Das Freihandelsabkommen schafft eine neue strategische Brücke zwischen zwei starken Märkten. Für die europäische Automobilindustrie bedeutet es in erster Linie mehr Geschwindigkeit, größere Flexibilität und geringere Markteintrittsbarrieren, insbesondere bei softwareintensiven Entwicklungsprogrammen. Europa benötigt Zugang zu hochqualifizierten Software- und KI-Talenten – und Indien ist in diesem Bereich einer der stärksten globalen Partner.
Mehr Tempo für SDV-Programme und skalierbare Engineering-Modelle
Erwarten Sie, dass das Abkommen die Zusammenarbeit zwischen europäischen OEMs und indischen Automotive-Softwarepartnern beschleunigen wird?
Sachin Tikekar: Absolut. Das Abkommen verbessert drei entscheidende Faktoren. Erstens: Erleichterter Marktzugang und weniger bürokratische Hürden – das beschleunigt den Start neuer Programme und ermöglicht schnellere Hochläufe. Zweitens: Bessere Bedingungen für den Austausch von Experten – insbesondere in komplexen Bereichen wie Sicherheitsarchitekturen oder Homologation. Drittens: Größere Rechtssicherheit und klarere Regeln – vor allem bei digitalen Dienstleistungen und Datenflüssen entsteht mehr Planbarkeit. Das wird die Zusammenarbeit zwischen europäischen OEMs und indischen Softwarepartnern deutlich vereinfachen und Entwicklungspartnerschaften beschleunigen, die sonst später gestartet wären.
Franz Josef Schürmann: Wir sehen bereits, dass europäische OEMs ihre globalen Softwarekapazitäten strategisch stärken. Mit dem Abkommen verschwinden einige der bisherigen Hindernisse – beispielsweise bei technischen Dienstleistungen, der Anerkennung von Qualifikationen oder Projektgenehmigungen. In der Praxis bedeutet das: Mehr gemeinsame Entwicklungsprogramme, insbesondere bei SDV-Plattformen, Middleware, Diagnostik, Cybersecurity und generativen Engineering-Tools.
Schnellere Skalierbarkeit – Teams können flexibler aufgebaut und in hybriden Modellen betrieben werden.
Neue Partnerschaftsmodelle – eine Verschiebung von klassischen Arbeitspaketen hin zu Co-Creation-Zentren. Zusammengefasst: Ja, die Zusammenarbeit wird sich klar beschleunigen.
Standortstrategien, Talentmobilität und „India for India“
Welche Auswirkungen sehen Sie auf Standort- und Personalstrategien – und wie passt das zur „India for India“-Strategie?
Sachin Tikekar: Das Abkommen erhöht die strategische Attraktivität beider Regionen. Für europäische Unternehmen wird Indien noch interessanter, da Markteintrittsbarrieren sinken und über 96 % der EU-Industrieexporte nach Indien künftig reduzierten oder keinen Zöllen mehr unterliegen. Gleichzeitig profitieren indische Unternehmen von nahezu zollfreiem Zugang für die meisten Exporte nach Europa. Wir erwarten daher, dass europäische OEMs und Tier-1-Zulieferer ihre Entwicklungspräsenz in Indien ausbauen, um softwareintensive Themen schneller und effizienter voranzutreiben. Gleichzeitig werden indische Unternehmen – einschließlich KPIT – ihre Investitionen in der EU verstärken, insbesondere in spezialisierten Kompetenzzentren für SDV, funktionale Sicherheit, Cybersecurity oder Homologation. Darüber hinaus sehen wir deutlichen Rückenwind für einen ‚India for India‘-Ansatz. Indien wird sowohl Entwicklungs- als auch Innovationsstandort, von dem aus Funktionen und Plattformen in andere Wachstumsmärkte exportiert werden können.
Franz Josef Schürmann: In Europa beobachten wir zwei sehr klare Trends: Near Customer Engineering gewinnt an Bedeutung, und der Wettbewerb um Softwaretalente bleibt intensiv. Unternehmen werden verstärkt bimodale Strategien verfolgen – hoch erfahrene europäische Teams kombiniert mit skalierbaren Entwicklungsstrukturen in Indien. Wir rechnen mit stärker integrierten, regionsübergreifenden Engineering-Ökosystemen – Indien wird nicht nur Entwicklungsstandort sein, sondern auch Quelle marktspezifischer Innovationen für andere Wachstumsmärkte. Insgesamt beobachten wir eine Entwicklung hin zu vernetzten Multi-Markt-Engineering-Modellen statt zu einem Entweder-oder.
Das EU-Indien-Freihandelsabkommen im Überblick
Die EU und Indien haben sich politisch auf ein umfassendes Freihandelsabkommen verständigt, das Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse schrittweise abbauen soll. Ziel ist es, den Waren-, Dienstleistungs- und Digitalhandel zwischen beiden Wirtschaftsräumen deutlich zu erleichtern. Besonders relevant für die Technologie- und Automobilbranche sind Regelungen zu digitalem Handel, Datenflüssen, Dienstleistungen und beruflicher Mobilität. Ein Großteil der Industrieexporte soll künftig von reduzierten oder vollständig entfallenden Zöllen profitieren. Der formale Abschluss des Abkommens steht noch aus, doch bereits jetzt gilt der Deal als strategisches Signal für engere wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen Europa und Indien.
Wann die Effekte des EU-Indien-Deals spürbar werden – und wo der größte Hebel liegt
Wann erwarten Sie, dass die ersten konkreten Effekte des Abkommens spürbar werden – sowohl für KPIT selbst als auch für Ihre Kunden in Europa? Und in welchem Bereich erwarten Sie den größten Einfluss beziehungsweise wo werden die neuen Dynamiken zuerst sichtbar sein?
Sachin Tikekar: Wir erwarten die ersten greifbaren Effekte relativ schnell. In Bereichen wie Expertenmobilität, Anerkennung beruflicher Qualifikationen und reduzierten administrativen Hürden werden Verbesserungen voraussichtlich innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate sichtbar sein. Für KPIT bedeutet das schnellere Abstimmungszyklen, eine schnellere Entsendung von Spezialisten und ein reibungsloseres Onboarding für regionsübergreifenden Teams. Für unsere Kunden in Europa wird der unmittelbare Nutzen in kürzeren Vorlaufzeiten beim Aufbau neuer Softwareprogramme liegen – insbesondere in Bereichen wie E/E-Architektur oder Safety-Compliance, in denen spezialisiertes Fachwissen entscheidend ist. Mittelfristig, innerhalb von 12 bis 24 Monaten, rechnen wir mit strukturellen Veränderungen: größere gemeinsame Entwicklungsprogramme, mehr hybride Engineering-Teams und signifikant verbesserte Effizienz in der bilateralen Projektumsetzung. Das Abkommen ist ein Katalysator – und die Effekte werden sich im Laufe der Zeit verstärken. Der stärkste praktische Hebel wird in der softwaregetriebenen Automobilentwicklung liegen, insbesondere in Bereichen, in denen iterative Co-Creation erforderlich ist. Dabei stechen drei Bereiche hervor. Zum einen SDV-Plattformen und Middleware. Diese erfordern große, verteilte Teams und tiefgehende domänenübergreifende Expertise. Das Abkommen ermöglicht genau diese Art der Zusammenarbeit. Dann Sicherheitskritische Entwicklung (funktionale Sicherheit, Cybersecurity, Homologation). Hier werden schnellere Expertenmobilität und klarere regulatorische Prozesse werden Entwicklungsengpässe drastisch reduzieren. Zuletzt Digitales Engineering und Validierung. Mit flexibleren grenzüberschreitenden Datenflüssen und konsistenten Regeln für den digitalen Handel können Simulations- und Testumgebungen nahtloser zwischen Indien und Europa betrieben werden. Wir werden die neuen Dynamiken zuerst dort sehen, wo Komplexität und Spezialisierung am höchsten sind – und wo globale Zusammenarbeit bereits essenziell ist.
Franz Josef Schürmann: Ich erwarte, dass sich die frühesten Effekte in der Projektgeschwindigkeit zeigen werden. Viele europäische OEMs arbeiten bereits mit indischen Partnern, aber praktische Hürden – von Vertragsabschlüssen über Visa bis hin zu technischen Dienstleistungen – verlangsamen die Abläufe häufig. Sobald diese Hindernisse verschwinden, werden wir die ersten Auswirkungen in laufenden und neuen SDV-bezogenen Programmen nahezu unmittelbar spüren. Für europäische OEMs werden die größeren Effekte in den Jahren 2026 und 2027 sichtbar werden, wenn sie ihre globalen Entwicklungsstrategien neu ausrichten. Mit reduzierter Reibung werden wir stärker verteilte Softwareentwicklungsumgebungen sehen, die als ein integriertes Ökosystem operieren. Für KPIT bedeutet das größere Reaktionsfähigkeit, eine flüssigere Skalierung von Teams und die Fähigkeit, komplexe Softwareprogramme für unsere Kunden deutlich schneller hochzufahren als zuvor. Für mich liegt der größte Hebel in der Skalierbarkeit. Europäische OEMs benötigen dringend skalierbare, flexible Softwareentwicklungsmodelle. Bislang haben administrative und regulatorische Reibungsverluste diese Skalierbarkeit häufig begrenzt. Dieses Abkommen beseitigt mehrere dieser Einschränkungen. Die ersten Auswirkungen werden sichtbar sein bei der Beschleunigung von SDV-Programmen, bei denen Time-to-Software ein kritischer Wettbewerbsfaktor ist; Diagnostik, OTA (Over-the-air) und Cybersecurity, wo kontinuierliche Updates und schnelle Iterationszyklen zwingend erforderlich sind sowie Strategien für die Engineering-Belegschaft, bei denen OEMs sowohl tiefgehende lokale Expertise als auch globale Lieferfähigkeit benötigen. Kurz gesagt: Die neuen Dynamiken werden zuerst überall dort spürbar sein, wo Software der Differenzierungsfaktor ist – und das ist heute nahezu entlang der gesamten automobilen Wertschöpfungskette der Fall. Aufbauend auf beiden Perspektiven wird ein weiterer Bereich, in dem die Auswirkungen sehr schnell sichtbar werden, die KI-geführte Automobilentwicklung sein. Während sich die Branche vom Software Defined Vehicle hin zum AI Defined Vehicle (AIDV) entwickelt, werden KI-native Engineering-Ansätze, autonomes Testing, prädiktive Diagnostik und intelligente Mobilitätsdienste beschleunigen. Das Abkommen ermöglicht den globalen Datenzugang, die Talentmobilität und kollaborative Engineering-Modelle, welche diese KI-Transformation erfordert.
EU-Indien-Freihandelsabkommen beschleunigt Automobilentwicklung
- Das EU-Indien-Freihandelsabkommen wird als bedeutender Meilenstein für die Automobil- und Technologiebranche angesehen. Es fördert wirtschaftliche Offenheit und technologische Zusammenarbeit zwischen den beiden Märkten. Unternehmen wie KPIT erwarten schnellere SDV-Programme und skalierbare Engineering-Strukturen.
- Das Abkommen erleichtert den Marktzugang und reduziert bürokratische Hürden, was die Zusammenarbeit zwischen europäischen OEMs und indischen Softwarepartnern beschleunigt. Besonders in den Bereichen SDV, E/E-Architekturen und AD/ADAS wird mit Innovationen gerechnet. Die strategische Brücke zwischen den Märkten schafft neue Möglichkeiten für Co-Creation-Zentren.
- Europäische Unternehmen profitieren von einem vereinfachten Zugang zu hochqualifizierten Softwareexperten aus Indien. Gleichzeitig wird erwartet, dass indische Unternehmen ihre Präsenz in Europa ausbauen. Die ersten Effekte des Abkommens könnten innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate sichtbar werden, insbesondere in der softwaregetriebenen Fahrzeugentwicklung.
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