Matthias Schneider & Martin Haselbach, Mercedes-Benz
„Wenn wir das schaffen, ist das eine Art Mondlandung“
Für Mercedes‘ neues Fahrzeug-Betriebssystem MB.OS galt es, die Prozesse in der Software-Organisation so ziemlich auf den Kopf zu stellen. Matthias Schneider und Martin Haselbach erläutern, wieso dafür mehr als nur neue Tools und eine hochperfromante IT-Infrastruktur vonnöten war.
Auf dem automotiveIT car.summit 2025 berichteten Martin Haselbach (r.) und Matthias Schneider von der herausfordernden Software-Reise, die Mercedes-Benz in den vergangen Jahren unternommen hatBettina Theisinger
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Für Mercedes-Benz
ist MB.OS, das im vergangenen Jahr im neuen CLA seine Premiere gefeiert hat, der neue Dreh- und Angelpunkt in der softwarebasierten Architektur aller
kommenden Fahrzeuggenerationen. Das schlagende Herz, das den Takt für all das
vorgibt, was den Schwaben für neue digitale Geschäftsmodelle in Zukunft so
vorschwebt.Aber MB.OS ist weder
einfach nur ein weiteres neues Betriebssystem noch fiel es im „Ländle“ einfach
so vom Himmel. Das System stellt die komplette Logik der Fahrzeugsoftware sowie
dessen Genese auf den Kopf.
Im Interview mit automotiveIT erklären
Matthias Schneider, Vice President IT RD & Procurement, und Martin
Haselbach, Director MB.OS Cloud, Data and SW Update & Diagnostics, warum
die Zukunft des Autos im Code liegt – und weshalb dieser Wandel weit mehr
erfordert als neue Tools. Sie sprechen über
die Entkopplung von Hard- und Software, die steile Lernkurve hin zu iterativen
OTA‑Updates,
den Aufbau einer einheitlichen End‑to‑End‑Software‑Journey und die Bedeutung von
Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfung. Zudem erläutern sie, wie KI den
Entwicklungsalltag revolutioniert, was „China Speed“ wirklich bedeutet – und
warum die Transformation für Mercedes-Benz einer kleinen Mondlandung
gleichkommt.
Herr
Schneider, Herr Haselbach, Mercedes-Benz spricht wie viele andere Hersteller
davon, dass die Zukunft des Fahrzeugs im Code liegt. Was verstehen Sie operativ
unter einem
softwaredefinierten Fahrzeug?
Matthias
Schneider: Für uns ist ein Software-defined Vehicle ein Fahrzeug, das nicht nur
durch Softwarefunktionen geprägt ist, sondern sich über den gesamten
Produktlebenszyklus weiterentwickelt und auf Kundenverhalten reagiert. Das
heißt, wir lernen aus den Daten unserer Flotte, entwickeln das Produkt darüber
weiter und halten es über den Lebenszyklus aktuell.
Martin Haselbach:
Ergänzend dazu ist das Fahrzeug immer Teil eines digitalen Ökosystems. Die
Integration von Diensten wie YouTube, Spotify oder Audible zeigt, dass wir das
Produkt in einem größeren Gesamtkontext denken, von dem unsere Kunden
unmittelbar profitieren.
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Ihr großes
Projekt der vergangenen Jahre war der Aufbau einer konsistenten Software
Journey entlang der gesamten Wertschöpfung. Was war der konkrete Auslöser, der
Sie erkennen ließ: Wir müssen Software bei Mercedes radikal neu denken?
Haselbach:Mercedes-Benz hat früh erkannt, dass sich wettbewerbsdifferenzierende Vorteile
zunehmend über Software definieren. Deshalb wollen wir sie selbst entwickeln
und zugleich die nötige Infrastruktur schaffen, um Software im Unternehmen
grundsätzlich neu zu denken. Das betrifft nicht nur die Fahrzeugentwicklung,
sondern auch Produktion und Aftersales. Software entkoppelt sich von der
Hardware und reicht heute bis weit über das Werk hinaus. Als der Bedarf aus der
Entwicklung heraus immer deutlicher wurde, war klar: Wir brauchen neue Tools,
neue Prozesse und eine Infrastruktur, die schnelle, hochfrequente Entwicklung
und das zuverlässige Ausrollen von Software überhaupt erst ermöglicht.
Entscheidend war, aus den klassischen Ressortgrenzen herauszutreten und die gesamte Kette über den Produktlebenszyklus hinweg zu betrachten.
Matthias Schneider, Mercedes-Benz
Schneider:
Entscheidend war zudem, aus den klassischen Ressortgrenzen herauszutreten und
die gesamte Kette über den Produktlebenszyklus hinweg zu betrachten. Unser Ziel
war nicht, für Entwicklung, Produktion und Aftersales jeweils eigene Stacks und
Update-Fähigkeiten aufzubauen, sondern möglichst eine durchgängige Toolchain
aufzusetzen.
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In welchem
Bereich folgten die ersten Konsequenzen auf diese Erkenntnis: Technologie,
Organisation oder Kultur?
Schneider: Es war
gerade nicht die Organisationsdenke, weil sehr schnell deutlich wurde, dass wir
entlang von Prozessen und Wertströmen denken müssen. Hinter der End-to-End
Software Journey stehen verschiedene Teil-Abschnitte, die jeweils
wertschöpfende Businessprozesse abbilden. Ein Beispiel ist die Fähigkeit,
Fahrzeuge – auch in der Erprobungsflotte – OTA-updatefähig zu machen. Diese
Prozesssicht war von Anfang an zentral: erst den Wertstrom verstehen, dann die
richtigen Menschen aus der Organisation zusammenbringen, um ihn gezielt zu
verbessern.
Haselbach: Dazu
kamen bewusst ambitionierte Ziele. Wir haben früh gesagt: Hardware und Software
werden künftig entkoppelt sein, um Software schneller denken zu können. Allein
dieser Anspruch war disruptiv. Uns war wichtig, Ziele zu formulieren, bei denen
allen klar ist: Wenn wir das schaffen, ist das nicht nur eine evolutionäre
Verbesserung, sondern eine Art persönliche Mondlandung.
Die
Entkopplung von Hard- und Software galt also als Schlüssel. Wo lagen dabei die
größten Hürden?
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Haselbach: Je
weiter ein Ziel in die Zukunft reicht, desto disruptiver wirkt es zunächst.
Entsprechend gab es durchaus Diskussionen darüber, ob das überhaupt realistisch
ist. Operativ haben wir deshalb mit Zwischenzielen gearbeitet. Wenn das große
Ziel darin besteht, ein Fahrzeug innerhalb von drei Monaten per OTA von der
Idee bis zum Rollout eines Features zu aktualisieren, dann hilft es, zunächst
mit sechs Monaten zu beginnen. Solche Zwischenschritte machen ambitionierte
Ziele greifbar.
Wenn Sie mal
die damalige Vision von der „MB.OS End-2-End Software Journey“ mit der Realität
abgleichen: Welche Annahmen haben sich bestätigt, welche mussten Sie
korrigieren?
Mercedes' Betriebssystem wird dank hochperformanter Chip-to-Cloud-Architektur und mittels OTA-Updates permanent auf dem neuesten Stand gehalten.Mercedes Benz
Haselbach:
Bestätigt hat sich vor allem die Entkopplung von Hardware und Software. Der
Ansatz, dass die Software dann im Werk oder per Update aufgespielt wird, ist
aus unserer Sicht der richtige Weg. Als grundsätzlich falsch würde ich keine
unserer Annahmen bezeichnen. Was sich allerdings noch stärker entwickelt hat
als anfangs gedacht, ist die Update-Frequenz. Ursprünglich war unser Ziel, alle
drei Monate Updates zum Kunden zu bringen. Dann haben wir gesehen, dass andere
Player noch deutlich schneller agieren.
Entsprechend hat sich der Trend zu iterativen Releases weiter verschärft.
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Schneider:
Bestätigt hat sich auch unser Leitgedanke „We are the architects“. Wir wollen
die Hoheit über die Architektur behalten – im Fahrzeug, in der Infrastruktur
und im Tooling. In diesen Schlüsselfunktionen dürfen wir nicht von einzelnen
Vendoren abhängig sein. Mit der End-to-End Software Journey haben wir den
Anspruch, dass diese Architekturkompetenz im eigenen Haus liegt.
Die
Fahrzeugarchitekturen waren vor zehn Jahren noch deutlich anders aufgestellt
als heute. Wie schwierig war es damals, gewachsene Strukturen aufzubrechen und
die relevanten Partner und Stakeholder für diesen Weg mitzunehmen?
Schneider: Das
war mit Blick auf lange gewachsene Strukturen kein einfacher Schritt, und an
manchen Stellen ist das noch heute herausfordernd. Gleichzeitig haben viele
Partner verstanden, dass es am Ende ein Teamsport ist. Wenn wir die besten
Lösungen für unsere Kunden schaffen wollen, müssen wir die jeweils besten
Partner für bestimmte Themen auswählen können und zugleich in der Lage sein,
über Updates schnell zu reagieren. Das erhöht die Kundenzufriedenheit und davon
profitieren am Ende alle Beteiligten. Insofern war es auch ein Mindset-Thema.
Wir haben dafür ein gutes Setup mit Partnern gefunden, die diesen Weg mitgehen.
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Was verändert
sich für einen OEM, wenn er die Verantwortung über die gesamte Softwarekette
übernimmt?
Martin Haselbach wechselte von der IT in die Entwicklung - ein entscheidender Perspektivwechsel.Bettina Theisinger
Schneider:
Eigentlich lag diese immer beim OEM. Unsere Marke und unser Produkt müssen den
Kundenansprüchen gerecht werden. Neu ist, dass wir in einem vernetzten
Ende-zu-Ende-System sicherstellen müssen, dass die gesamte Kette funktioniert.
Ein Update muss vom Anfang bis zum Ende zuverlässig laufen. Das heißt: Wir
wollen verstehen, was in der Kette passiert, wie die Tools ineinandergreifen,
wo Probleme entstehen können und wie wir sie sichtbar machen. Genau dafür
braucht es Transparenz und die passenden Dashboards.
Haselbach:
Gleichzeitig verändert sich aber auch die Rolle der IT – sie rückt stärker in
eine moderierende Funktion. In einem großen Unternehmen treffen naturgemäß
zwischen Entwicklung, Produktion, Sales und Aftersales unterschiedliche
Perspektiven aufeinander. Hier kann eine IT helfen, die Sichtweisen
zusammenzuführen.
Haselbach: Open
Source ist für uns sehr relevant. Entscheidend ist immer die Frage: Wo
differenzieren wir uns wirklich im Wettbewerb? Dort müssen wir unsere Kraft und
unsere eigenen USPs einsetzen. In anderen Bereichen wiederum greifen wir
bewusst auf Open-Source-Komponenten zurück. Ein Beispiel ist S-Core im Umfeld
der Fahrzeugdiagnose. Dort sehen wir Potenzial für Re-Use und Standardisierung.
Das gilt ebenso für klassische Entwicklungskomponenten wie Logging-Lösungen.
Solche Bausteine entwickeln wir nicht selbst neu. Gleichzeitig konsumieren wir
nicht nur Open Source, sondern bringen uns auch in Communities ein und tragen
Beiträge zurück. Im IT- und Tooling-Umfeld ist Open Source ohnehin
unverzichtbar.
Beim Thema
OTA-Updates fällt oft das Stichwort „China Speed“. Wie lässt sich dieses Tempo
halten – und weiter steigern?
Haselbach:
Entscheidend sind Disziplin und Standardisierung – und das heißt: eine
Toolchain statt Toolchaos. Das beschleunigt enorm. Disziplin heißt: Wir
arbeiten in einem festen Takt. Unsere Release-Züge fahren in definierten Zyklen
ab. Wenn etwas nicht rechtzeitig fertig wird, halten wir diesen Zug nicht auf,
um den Rhythmus zu halten. Dieses
Flow-Mindset ist zentral. Dann verschiebt sich ein Feature eben in den nächsten
Takt. Wir wollen nicht zwangsläufig immer häufiger ausrollen, aber wir wollen
die Fähigkeit haben, bei Bedarf auch schneller als im Drei-Monats-Rhythmus zu
reagieren.
Bremsen
Sicherheits- und Zertifizierungsanforderungen dieses Tempo noch aus?
Haselbach: Nein,
sie sind heute integraler Bestandteil der Toolchain. Prozesse, die früher zum
Teil manuell waren, sind inzwischen weitgehend automatisiert. Genau das ist ein
Mehrwert für die Entwickler: Regulatorik und Geschwindigkeit wirken nicht mehr gegeneinander,
weil die Absicherung in den Entwicklungs- und Release-Prozess eingebettet ist.
Wenn wir auf die
Chip-to-Cloud-Infrastruktur schauen: Wo lagen dort die größten
Herausforderungen?
Matthias Schneider forciert den erfolgskritischen Austausch zwischen Engineering und IT.Bettina Theisinger
Schneider: Ene
wesentliche Herausforderung war es, die Entkopplung von Software und Hardware
wirklich konsequent durchzuhalten. Wir wollten Software unabhängig von der
zugrunde liegenden Infrastruktur bereitstellen. Dass unsere Deployments im
Markt heute performant funktionieren, ist das Ergebnis konsequenter
Absicherung. Die Lösung musste nicht nur beim Kunden, sondern auch im Werk
zuverlässig funktionieren, wo Updates in laufende Produktionsabläufe integriert
werden. Dort ist intensive Entwicklungs- und Absicherungsarbeit eingeflossen.
Haselbach:
Rückblickend waren die größeren Hürden eher in der Abstimmung unserer
organisatorischen und prozessualen Rahmenbedingungen. Wir haben einen
einheitlichen MB.OS-Releasetakt über alle Werke und mehrere Ressorts hinweg
eingeführt. Alle Beteiligten in diesen gemeinsamen Takt zu bringen, war
anspruchsvoller als die technologische Umsetzung selbst. Letztlich ging es
darum, Arbeitsweisen zu wandeln, aber genau darin lag auch der Hebel.
Wo war dieser
Wandel der Arbeitsweisen am stärksten spürbar? Eine Produktion beispielsweise
arbeitet bekanntlich nach anderen Maßstäben.
Haselbach:
Natürlich war das zunächst ein naheliegender Gedanke. Eine Produktion setzt auf
Stabilität und Flexibilität. Aber eine Produktion sieht auch den Vorteil einer
Software Journey, wenn es einmal ein Problem gibt und schnell eine Lösung
geliefert werden kann. Wenn ein Fehler eingetreten ist, konnten wir viel
schneller als früher helfen und dadurch auch wieder intern Akzeptanz erzeugen.
Es war immer unsere Aufgabe, die Software-Journey zu erklären, auch wenn damit
erst einmal eine Veränderung einherging. Diese Neuerungen haben dann
typischerweise auch die Mitarbeitenden überzeugt, selbst etwas zu verändern und
zu optimieren. Am Ende haben sie den Vorteil selbst gespürt.
Wie fließen
Rückmeldungen aus Produktion und Kundennutzung in die laufende Optimierung ein?
Schneider: Mit
der Software Journey haben wir erstmals die Möglichkeit, entlang der gesamten
Prozesskette systematisch Datenpunkte zu erfassen. Wir sehen Erfolgsquoten,
erkennen Bottlenecks und können gezielt gegensteuern. Diese Transparenz stellen
wir Entwicklung, Produktion und Aftersales gleichermaßen zur Verfügung. Hinzu
kommt die Cloud-Infrastruktur, über die wir Daten aus dem Feld zusammenführen
können: Wie werden Funktionen genutzt? Wie gut werden Updates angenommen? Damit
schließen wir sowohl den Feedback-Loop im Prozess als auch den zum Kunden
deutlich besser als früher und können Daten aus dem Feld sehr viel besser für
die Weiterentwicklung und Optimierung nutzen.
Es war klar, dass punktuelle Zusammenarbeit nicht ausreichen würde. Es ging darum, in die jeweils andere Organisation hineinzugehen, von innen heraus zu wirken und zugleich die Stärken der jeweiligen Domäne besser zu verstehen. Genau deshalb haben wir Rollen gewechselt.
Martin Haselbach, Mercedes-Benz
Sie haben
beide den Wandel der Rollen zwischen IT und Entwicklung erlebt. Warum war
dieser Perspektivwechsel notwendig?
Haselbach:
Matthias und ich hatten auch vor unseren heutigen Rollen bereits
Berührungspunkte, allerdings jeweils aus unseren ursprünglichen Funktionen
heraus – er aus der Entwicklung, ich aus der IT. Als klar wurde, dass dieses
Projekt Realität werden würde, war ebenso klar, dass punktuelle Zusammenarbeit
nicht ausreichen würde. Es ging darum, in die jeweils andere Organisation
hineinzugehen, von innen heraus zu wirken und zugleich die Stärken der
jeweiligen Domäne besser zu verstehen. Genau deshalb haben wir Rollen
gewechselt.
Schneider: Es
ging sogar um mehr als um einen reinen Rollenwechsel. Entscheidend war
Co-Creation. Doppelte Berichtslinien und Dual Roles haben geholfen, diese
Brücke kürzer zu machen und aus klassischen Zuständigkeiten herauszukommen.
Wer musste
sich wem stärker annähern – IT der Entwicklung oder vice versa?
Schneider: Solche
Veränderungen funktionieren nur, wenn beide aufeinander zugehen.
Perspektivwechsel helfen dabei, die Anforderungen und Herausforderungen des
jeweils anderen zu verstehen. Es ist deshalb keine Frage von drei Schritten auf
der einen und einem auf der anderen Seite, sondern eine situative Entscheidung.
Kurz vor einem Anlauf etwa, als es stark um Stabilität der Toolchain ging,
waren klassische IT-Tugenden besonders gefragt: Robustheit, Lastfähigkeit,
Hochverfügbarkeit. In anderen Phasen stehen andere Prioritäten im Vordergrund.
Genau dieses situative Verständnis ist entscheidend.
Oft heißt es,
IT bleibe trotz ihrer Softwarenähe stärker in bestehenden Prozessen verhaftet,
auch weil sie Infrastruktur sichern und den Betrieb stabil halten muss. War das
bei Ihnen ähnlich?
Schneider: Ich
würde das nicht in „alt“ und „neu“ einteilen. Es gibt bestimmte Tugenden, die
heute genauso relevant sind wie früher. Bei uns läuft das unter dem Begriff
„Rock Solid Operation“. Ein stabiler Betrieb ist nichts Veraltetes, sondern
absolut zentral – in der Produktion, im Werk und im Aftersales. Die höchsten
Anforderungen an Verfügbarkeit kamen bei uns sogar aus dem Aftersales. Dort war
klar: Wenn die Toolchain steht, kann das weltweit Auswirkungen auf die
Werkstätten haben. Das zeigt, wie zentral diese Perspektive ist. Umgekehrt hat
die IT viel stärker verstanden, welche Anforderungen von der Fahrzeug- und
Architekturseite kommen. Ich würde daher eher von gewachsener gegenseitiger
Wertschätzung sprechen.
Für Entwickler
gilt heute oft das Prinzip „You build it, you run it“. Wie schwierig war es,
dieses Verantwortungsverständnis zu verankern?
Haselbach:
Rückblickend haben wir gelernt: Die Entwickler wollten das eigentlich schon
lange, ihnen fehlten nur die richtigen Werkzeuge. Früher waren die Toolchains
stark in Silos organisiert. Heute können Entwickler über Dashboards live in die
Systeme schauen, Downloadraten verfolgen und direkt sehen, wie sich ihre
Software im Feld verhält. Dadurch ist das Interesse sofort gestiegen. Es lag
also nicht am Wollen, sondern an den fehlenden Möglichkeiten. Sobald eine
zentrale Toolchain und eine durchgängige Infrastruktur vorhanden sind, greifen
Entwickler das sehr schnell auf.
Es lag also nicht am Wollen, sondern an den fehlenden Möglichkeiten.
Martin Haselbach, Mercedes-Benz
Stichwort KI:
Manche haben sich gedanklich schon vom Software-defined Vehicle verabschiedet
und reden nun dem „AIDV“ das Wort. Für sie die logische Konsequenz oder doch
eher noch Buzzword-Bingo?
Schneider: Ich
bin überzeugt, dass KI alle Phasen des Produktentstehungsprozesses, des
gesamten Lifecycles und letztlich auch das Produkt selbst tiefgreifend
verändern wird – nicht nur evolutionär, sondern in vielen Bereichen
revolutionär. Mit welcher Geschwindigkeit sich KI derzeit entlang des
Software-Lifecycles entwickelt, ist bemerkenswert. Gleichzeitig stehen wir aus
meiner Sicht erst am Anfang dessen, was möglich ist. Gerade auch im klassischen
Engineering werden wir den Einsatz von KI-Tools künftig deutlich stärker sehen.
Das beginnt bereits bei der Erstellung von Spezifikationen und Lastenheften,
die heute noch vielfach manuell erarbeitet werden. Neue Tools unterstützen
dabei, nehmen Arbeit ab und können auf dieser Basis sogar direkt Testfälle ableiten
oder Hinweise zur Absicherung geben. Erste Lösungen dafür sind bereits im
Einsatz – und ich glaube, das ist erst der Anfang. Das Potenzial reicht dabei
weit über die Dokumentation hinaus: von der Erstellung technischer Unterlagen
über Qualitätssicherung bis hin zur automatisierten Prüfung von Code und
Spezifikationen. Ein KI-Agent kann schon heute unterstützend mitlaufen und
kontrollieren, ob Code oder Anforderungen stimmig sind. Darin liegt nicht nur
ein großer Effizienzgewinn, sondern auch ein wichtiger Impuls für ein noch
höheres Qualitätsniveau.
Haselbach: Wir
bewegen uns derzeit vom Copilot-Zeitalter in ein Agenten-Zeitalter. Während
Copiloten bislang vor allem unterstützt haben, können unterschiedliche Agenten
mittlerweile konkrete Aufgaben übernehmen. Damit verändert sich auch der
Arbeitsalltag unserer Teams. Die eigentliche Herausforderung wird vor allem
darin liegen, wie anpassungsfähig Unternehmen sind und wie schnell sie lernen,
mit dieser neuen Dynamik Schritt zu halten und sie für sich zu nutzen.
Wenn künftig
Entwickler und KI-Agenten gemeinsam arbeiten: Wie schafft man Akzeptanz statt
Angst vor Verdrängung?
Haselbach: Mir
ist wichtig, dass KI unsere Mitarbeitenden besser macht. Die Teams sind in
diese Veränderung eingebunden. Gerade Aufgaben, die eher routiniert oder wenig
attraktiv sind, lassen sich sinnvoll an KI delegieren. Das erhöht nicht nur die
Effizienz, sondern oft auch die Qualität – etwa bei Testabdeckung oder
Prüfungsschritten. Entscheidend ist aber: KI übernimmt nicht alles. Wir bewegen
uns in einem hochregulierten Umfeld. Deshalb wird der Mensch immer eine Review-
und Kontrollfunktion behalten. Bevor bei uns ein Commit erfolgt, schaut
weiterhin ein Mensch darauf. Das wird auch so bleiben, weil wir verstehen
müssen, was die KI mit unserem Code macht. Es wird zudem weiterhin Menschen
geben, die selbst manuell entwickeln, allein damit wir verstehen, wie sich
unser Code durch die AI weiterentwickelt und verändert. Genau diese Kombination
schafft Akzeptanz: KI als Unterstützung, nicht als Gegenspieler.
Zuletzt ein
Blick in die Zukunft: Wie werden sich Software-Releasezyklen in drei bis fünf
Jahren verändern?
Haselbach: Der
Kern der Software Journey wird bestehen bleiben. Die Trennung von Hard- und
Software sowie das 24-3-Prinzip werden weiterhin tragende Elemente sein.
Gleichzeitig wird KI überall Einzug halten. Wo heute noch manuell dokumentiert
wird, wird KI auf Basis vorhandener Daten künftig Vorschläge generieren und
Prozesse beschleunigen. Deshalb wird die Geschwindigkeit weiter deutlich steigen. Wir können den
Zwei-Wochen-Takt, vielleicht sogar einen
Zwei-Tages-Takt ermöglichen, wenn wir den in kritischen Fällen brauchen. Gleichzeitig werden Kernfundamente und Prinzipien ihre Gültigkeit behalten.
Schneider: Mit
der Software Journey und der Toolchain haben wir uns ein zentrales Asset
geschaffen, das diese Beschleunigung überhaupt erst ermöglicht. KI braucht
Daten – und genau diese Daten stehen uns durch die durchgängige Toolchain zur
Verfügung. Weil wir sowohl die Toolchain als auch die Architekturkompetenz im
eigenen Haus haben, können wir Prozessschritte viel leichter automatisieren,
als es in einer fragmentierten Systemlandschaft möglich wäre. Damit haben wir
eine starke Ausgangsbasis geschaffen, um künftig noch engere Releasezyklen zu
realisieren. Am Ende wird aber der Kunde den Takt vorgeben.
Das Interview führten: Ronja Schmiedchen und Yannick Tiedemann.
Zu den Personen:
Matthias
Schneider und Martin Haselbach prägen seit vielen Jahren die Software- und
IT-Transformation bei Mercedes-Benz. Schneider startete 1997 nach seinem
Elektrotechnikstudium im Unternehmen und übernahm führende Rollen in Telematik,
Konnektivität und Navigation. Er baute das MBUX‑Frontend-Team in Sunnyvale auf, trieb
die Mercedes Intelligent Cloud sowie UI-, Daten- und Sprachassistenzfunktionen
voran und verantwortet heute als Vice President IT RD & Procurement die IT
in Forschung, Entwicklung und Beschaffung. Haselbach,
Diplom-Wirtschaftsinformatiker, war ab 2018 CEO von Daimler TSS und leitete
strategische Inhouse‑Softwareentwicklung
für CASE. Seit 2022 verantwortet er als Director MB.OS IT sowie seit 2023 für
Cloud, Software‑Update,
Daten und Connectivity die effiziente Entwicklung der MB.OS On- und
Offboard-Produkte.