Wie Agentic AI die Fahrzeugentwicklung verändert
Agentic AI könnte in der Automobilbranche Anforderungen, Tests, Validierung und SDV-Workflows beschleunigen. Experten warnen jedoch: Ohne APIs, virtuelle ECUs, saubere Daten und menschliche Expertise lässt sich der Hype nicht skalieren.
Martin Schleicher, Florian Rohde und Stefano Marzani erörterten im Live-Stream, wie agentenbasierte KI die Softwareentwicklung und -validierung im Automobilbereich sowie das Ökosystem softwaredefinierter Fahrzeuge neu gestalten könnte.
Ultima Media
Agentic AI entwickelt sich vom Buzzword zum
Engineering-Werkzeug. Im Expert Talk unseres englischen
Schwestermagazins Automotive Digital Transformation ADT anlässlich der Automotive
Software Strategies US 2026 Conference, die am 3. und 4. November im
kalifornischen San José stattfindet, tauschten sich drei Mitglieder des Konferenzbeirats praxisnah darüber aus, welche Rolle Agentic AI künftig in der Fahrzeugentwicklung spielen kann. Im Zentrum standen Überlegungen, wie
autonome, zielorientierte KI-Systeme die Entwicklung und Validierung von
Automotive-Software sowie das Ökosystem rund um das SDV verändern können.
Auf dem virtuellen Panel kamen Florian Rohde, Managing
Partner bei iProcess, Stefano Marzani, Emerging Tech Strategy Leader for
Automotive and Manufacturing bei AWS, und Moderator Martin Schleicher,
unabhängiger Berater und Conference Chairman, zusammen. Im Mittelpunkt des
Gesprächs stand die Frage: Was kann Agentic AI in
der Automotive-Software bereits leisten – und wo muss die Branche weiterhin
vorsichtig bleiben?
KI kann (und konnte) schon lange mehr als Code
Schleicher eröffnete die Diskussion mit dem Hinweis auf den
rasanten Aufstieg KI-gestützter Softwareentwicklung. Das Panel räumte jedoch
schnell mit dem weitverbreiteten Missverständnis auf, KI schreibe einfach nur
Code. Rohde stellte klar: „Viele Menschen glauben, ein Softwareentwickler
schreibe den ganzen Tag Code, acht Stunden lang. Das stimmt nicht und hat auch
früher nie gestimmt.“ Engineering bedeute, so betonte er, auch Architektur,
Analyse, Validierung, Timing und Systemverständnis.
Marzani stimmte dem zu und beschrieb Agentic AI als einen
der bedeutendsten Umbrüche, die er in der Automotive-Softwareentwicklung erlebt
habe. Für klassische OEMs und Zulieferer sieht er eine große Chance,
Entwicklungsprozesse zu modernisieren und langjährige Ineffizienzen zu
reduzieren.
Was Agentic AI heute schon leisten kann
Nach Einschätzung des Panels liegen die ersten starken
Anwendungsfälle nicht in futuristischen Fahrzeugfunktionen, sondern in der
alltäglichen Engineering-Arbeit. Agentic AI kann
bei der Erstellung von Anforderungen, Konsistenzprüfungen, Dokumentation,
Codegenerierung, der Erzeugung von Testfällen und Verifikations-Workflows
unterstützen.
Rohde beschrieb dies als Möglichkeit, mühsame Prozessarbeit
von den Ingenieuren fernzuhalten. Ziel sei nicht, menschliche Expertise zu
ersetzen, sondern Ingenieuren mehr Raum für Innovation zu geben. „Was treibt
uns als Ingenieure wirklich an, was begeistert uns?“, fragte er. Und lieferte
mit „Innovation!“ die Antwort auf dem Fuße selbst.
Marzani nahm eine breitere Perspektive ein. KI könne bereits
heute entlang von Anforderungen, Modellen, Code und Verifikation unterstützen.
Besonders großes Potenzial sieht er bei V&V: „Es ist unglaublich, was GenAI
bei V&V leisten kann.“ In der Verifikation und Validierung, die einen
großen Teil der Automotive-Softwareentwicklung prägt, könnte Agentic AI helfen,
Testvektoren zu erzeugen, die Konsistenz zwischen Anforderungen und Code zu
prüfen, Fault Injection zu unterstützen und Nachweise für ASPICE vorzubereiten.
In der richtigen Engineering-Umgebung eingesetzt, könnte dies sowohl
Geschwindigkeit als auch Abdeckung erhöhen.
Gleichzeitig warnten die Experten davor, Agenten als
magische Zusatzschicht zu verstehen. Schleicher verwies auf das altbekannte Gigo-Prinzip:
Garbage in, Garbage out. Gute Prompts und eine klare Zielsetzung seien
wichtig. Ebenso wichtig seien jedoch strukturierte Daten, verständliche
Anforderungen und ein ausgereifter Engineering-Prozess.
Warum virtuelle ECUs für Agentic Workflows entscheidend
sind
Für Marzani braucht Agentic AI die richtige technische
Grundlage. Agenten lassen sich nicht effizient skalieren, wenn sie von
physischer Hardware abhängig sind, die im wahrsten Wortsinne nicht greifbar ist.
„Agenten können nicht wirklich gut skalieren, wenn sie mit einem Stück Hardware
umgehen müssen, das irgendwo auf der Welt auf einem Schreibtisch rumliegt“,
sagte er. Damit rücken virtuelle ECUs, Software-in-the-Loop-Umgebungen
und cloudnative Engineering-Workbenches in den Mittelpunkt der Diskussion. Je
stärker Entwicklung und Tests virtualisiert, automatisiert und reproduzierbar
gemacht werden können, desto wirksamer können Agenten mit der
Engineering-Umgebung interagieren. Das wiederum hat direkte Folgen für die Toolchain.
Klassische grafische Benutzeroberflächen können für Menschen weiterhin nützlich
sein, doch Agenten benötigen APIs, Command-Line-Interfaces und
Model-Context-Protocol-Server. Rohde erinnerte an eine Diskussion aus seiner
Zeit bei Tesla, als er einem Toolanbieter sagte: „Alles, was ich mit einem Mausklick
tun kann, muss ich auch über eine Kommandozeile tun können.“ Sein Fazit: „Tools, die nur über eine UI oder GUI
funktionieren, werden es von jetzt an sehr schwer haben.“ Wenn ein Werkzeug für
Agenten nicht zugänglich ist, droht es, aus künftigen Entwicklungs-Workflows
herauszufallen.
Wie weit die Automobilindustrie bereits ist
Schleicher zufolge sind Unternehmen mit automatisierten
Build-Umgebungen, Git-basierten Workflows und skalierbaren CI/CD-Strukturen
bereits in einer starken Position. Er habe erwartet, dass viele Organisationen
noch im Proof-of-Concept-Modus seien. Stattdessen habe er festgestellt, dass
manche Unternehmen Agenten schnell integrieren können, weil ihre
Softwareprozesse bereits hochgradig automatisiert sind.
Marzani bestätigte die Geschwindigkeit des Wandels: „Ich
habe in der Automobilindustrie noch nie eine Dynamik wie diese gesehen. So
schnell, so tiefgreifend.“ Zugleich warnte er, dass fragmentierte
Fahrzeugarchitekturen weiterhin eine Begrenzung darstellen. Agenten einfach auf
ein hochgradig verteiltes System mit vielen einzelnen ECUs zu setzen, schaffe
für sich genommen noch keine Effizienz. Zunächst brauche es Platform-Engineering,
Konsolidierung und Virtualisierung.
Rohde ergänzte eine wichtige Unterscheidung: Die meisten
aktuellen Anwendungsfälle konzentrierten sich auf R&D-Workflows und nicht
auf sicherheitsrelevante KI-Funktionen, die im Fahrzeug laufen. Anforderungen,
Traceability, Compliance-Prüfungen und Testgenerierung seien die eine Seite. KI
in Fahrzeugfunktionen sei ein anderes und deutlich stärker reguliertes Thema.
Was Agentic AI für Safety und Compliance bedeutet
Das Panel behandelte funktionale Sicherheit mit Vorsicht.
Auf die Frage, ob von Agenten generierte Software eines Tages ohne weitere
menschliche Prüfung ins Fahrzeug gelangen könne, antwortete Rohde: „Irgendwann.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt.“ Marzani erklärte, dass sich Agentic AI zunehmend in Richtung
schleifenbasierter Systeme entwickle. Statt dass ein Prompt ein Ergebnis
erzeugt, arbeiten Agenten auf definierte Ziele hin, verifizieren Resultate und
speisen Erkenntnisse wieder in den Prozess zurück. Wenn eine Anforderung
innerhalb einer solchen Schleife verifiziert werden kann, werde der durch diese
Verifikation erzeugte Nachweis zentral für den Engineering-Prozess.
Gleichzeitig räumte Marzani eine Grauzone ein: Ein Agent
selbst ist kein deterministisches, zertifiziertes Werkzeug. Rohde ergänzte,
dass Standards wie ASPICE ursprünglich für menschliche Assessoren entwickelt
wurden, die Stichproben prüfen. Agentic AI könne potenziell deutlich mehr
Artefakte und Traceability-Pfade prüfen, vielleicht sogar eine vollständige
Abdeckung ermöglichen. Das schaffe eine große Chance, aber auch eine
Herausforderung für Standards und Bewertungsmethoden.
Die Botschaft war daher eindeutig: KI ersetzt kein Safety
Engineering. Sie kann Konsistenz, Abdeckung und Traceability stärken, sofern
sie in strenge Prozesse eingebettet ist und von Menschen überprüft wird, die
das System verstehen.
Wie Agenten Diagnose und Flottenlernen verbessern könnten
Über Entwicklungsaspekte hinaus diskutierten die Experten
auch den Fahrzeugbetrieb. Rohde beschrieb, wie schwierig es früher gewesen sei,
seltene Feldprobleme aus großen Fahrzeugdatensätzen zu identifizieren. Mit
Agentic AI könnten Ingenieure wesentlich größere Datenmengen analysieren und
nach Anomalien suchen, die sie vorab möglicherweise gar nicht kennen. Als beispielhafte
Anweisung an einen Agenten nannte er folgende: „Bitte finde etwas, das
verdächtig aussieht.“
Das könnte für Diagnose, Prognose
und Sicherheitsanalysen wertvoll werden. Marzani verband die Idee mit
einer Cloud-to-Edge-Schleife: Fahrzeugdaten werden gesammelt, von Agenten
triagiert, dem richtigen Engineering-Team zugeordnet und mit möglichen
Reproduktionsumgebungen verknüpft. Künftig könnte ein Agent helfen, einen
seltenen Fehler zu identifizieren, eine wahrscheinliche Ursache vorzuschlagen
und die Konfiguration vorzubereiten, die zur Reproduktion des Bugs erforderlich
ist. Der Ingenieur bleibt dabei im Loop. Der Weg vom Feldsymptom zur
Korrekturmaßnahme könnte jedoch kürzer werden.
Warum SDVs eine softwaredefinierte Lieferkette brauchen
Die lange Lebensdauer von Fahrzeugen erhöht die Komplexität
zusätzlich. Rohde argumentierte, die Branche müsse sich von der Vorstellung
lösen, Software einmal zu schreiben und dann über Jahre unverändert zu pflegen.
Fahrzeugsoftware müsse vielmehr kontinuierlich gepflegt werden. Marzani übertrug diesen Gedanken auf Zulieferer und OEMs:
„Es gibt kein softwaredefiniertes Fahrzeug ohne eine softwaredefinierte
Lieferkette.“ OEMs müssten Zulieferer in Richtung moderner
Engineering-Praktiken, virtueller ECUs, Platform-Engineering und cloudnativer
Entwicklung führen. Das Panel sprach auch über Quellcode und Geschäftsmodelle.
Rohde argumentierte, dass Quellcode selbst als geistiges Eigentum an Bedeutung
verlieren könnte, wenn KI ihn generieren kann. Der eigentliche Wert könne
stärker im Design, in der Domänenexpertise und in der Art liegen, wie diese
Expertise in das Produkt eingebettet wird. Marzani beschrieb dies als eine Art „agentisches Rüstzeug“
beziehungsweise als Rahmen, den Unternehmen um ihre Expertise herum schaffen.
Für Endkunden bleibe das entscheidende Ergebnis jedoch einfach: eine bessere
User Experience zu einem bezahlbaren Preis.
Warum Expertise im KI-Zeitalter weiterhin zählt
Das Panel endete mit einer realistischen Einschätzung: Agentic AI kann Entwicklung beschleunigen, Validierung
verbessern und neue Workflows für SDVs unterstützen. Zugleich erhöht sie
den Bedarf an erfahrenen Ingenieuren, die beurteilen können, ob ein KI-Ergebnis
sinnvoll, sicher und technisch belastbar ist. Rohde formulierte die deutlichste Warnung: „Wenn man nicht
weiß, wovon man spricht, sieht man dumm aus, wenn man KI-Ergebnisse einfach
nutzt, ohne sie zu verstehen.“ Schleicher fasste es mit einer bekannten
Formulierung zusammen, die auch im KI-Zeitalter passt und keiner Übersetzung bedarf: „A fool with a tool is
still a fool.“ Genau deshalb lohnt es sich, die
vollständige Diskussion anzusehen. Sie zeigt, wo Agentic AI bereits
nützlich ist, was sich an Architekturen und Toolchains ändern muss und warum
Automotive-Software nicht nur von KI-Modellen geprägt wird, sondern auch von
den sie begleitenden Menschen und Prozessen.