Illustration eines Rechenzentrums, das die Nachhaltigkeit aller Prozesse in den Fokus stellt.

Im Rahmen des europäischen Grünen Deals verlangt die EU-Kommission, dass Rechenzentren bis 2030 klimaneutral werden sollen. (Bild: Andreas Croonenbroeck)

Die Digitalisierung erfordert an vielen Stellen der Wertschöpfungskette den Einsatz von immer mehr Informationstechnik: Server, Kommunikationsinfrastrukturen, Endgeräte – all diese Systeme verschlingen jede Menge Energie. Und ihre schiere Anzahl nimmt schneller zu, als ihr individueller Energiebedarf abnimmt. Dem Marktforschungsunternehmen 451 Research zufolge entfallen heute 2,7 Prozent des Energieverbrauchs in der EU auf Datenzentren – Tendenz steigend.

Im Rahmen des europäischen Grünen Deals verlangt die EU-Kommission nun, dass Rechenzentren bis 2030 klimaneutral werden sollen. Um den CO2-Abdruck der IT-Infrastrukturen zu reduzieren, verfolgen Entwickler und IT-Architekten mehrere Strategien – gerne auch gleichzeitig. Die wohl bedeutsamste läuft darauf hinaus, den Energieverbrauch der Rechen- und Datenzentren zu reduzieren.

Hierbei kommt den Anwendern der technische Fortschritt auf Halbleiterebene zu Hilfe: Neue Hardwaregenerationen schlucken in aller Regel weniger Energie und bieten gleichzeitig eine höhere Performance. Doch das reicht nicht aus. Um die Klimabilanz insgesamt zu verbessern, sind zusätzliche Anstrengungen vonnöten. Dazu stehen im Wesentlichen drei Hebel zur Verfügung: Steigerung des Wirkungsgrades, Wiederverwendung von Abwärme und der verstärkte Einsatz von Energie aus erneuerbaren Quellen. automotiveIT hat sich unter Autoherstellern umgehört: Welche Stellschrauben nutzen die Autobauer, um ihrer IT-Infrastruktur das Auspusten von CO2 abzugewöhnen?

Mercedes-Benz bündelt Rechenzentren

Mercedes-Benz setzt auf Skaleneffekte bei seinen größten Energieverbrauchern im Bereich seiner Konzern-IT. „Wir legen Rechenzentren zusammen und reduzieren ihre Gesamtzahl deutlich“, erläutert Jan Brecht, CIO der Mercedes-Benz Group. Der Grund: Große, moderne Rechenzentren haben eine deutlich bessere Energieeffizienz als kleine, verteilte Serverfarmen, so Brecht. Doch das ist nur die halbe Miete. Auch Kleinvieh macht bekanntlich Mist – und das Kleinvieh sind die zahllosen im Unternehmen verstreuten Abteilungsserver, Arbeitsplatzrechner und Drucker.

Brecht setzt deswegen auf die Anschaffung energieeffizienter PCs und Laptops für die Mitarbeiter – insgesamt mehr als 150.000 Rechner. Außerdem entwickeln die Stuttgarter in geeigneten Bereichen wie Marketing und Sales papierlose Prozesse; in manchen Standorten konnten so bis zu 40 Prozent der Abteilungsdrucker stillgelegt werden. Zahlen über den Einfluss solcher Maßnahmen auf die CO2-Emissionen gibt es allerdings nicht. Zudem verlegen immer mehr Autohersteller besonders energieintensive Rechenzentren – das sind beispielsweise diejenigen, in denen aufwendige Simulationen und andere numerische Anwendungen ablaufen – in den hohen Norden. Denn dort, so das Kalkül, ist wegen der ohnehin niedrigen Außentemperaturen weniger Energie für die Kühlung der Hochleistungscomputer erforderlich. In der Regel können die User zudem ihre Anlagen mit Strom aus lokal verfügbarer Wasser- oder Windenergie betreiben.

Island und Norwegen sind beliebte Standorte

Diesem Konzept folgend haben unter anderem BMW, Mercedes und Volkswagen zusammen mit Audi ihre HPC-Rechenzentren nach Island oder Norwegen verpflanzt. Mit zusätzlichen Maßnahmen wie indirekter Freikühlung oder Anpassung der Kaltwassertemperaturen will Volkswagen auch in mitteleuropäischen Breitengraden seine Rechenzentren auf Energiediät setzen. Auch die Wiederverwendung der Abwärme zum Heizen der Betriebsräume ist ein von allen OEMs genutztes Mittel, um den Gesamtenergieverbrauch zu mindern.

Rechenzentrum mit Hochleistungscomputern auf der rechten und linken Seite
Viele Rechenzentren werden mittlerweile in Skandinavien betrieben und mit grüner Energie gespeist. (Bild: Adobe Stock, Pinkeyes)

Das alles bringt schon etwas. „Wir gehen davon aus, dass wir mit diesen beiden Maßnahmen – Skalierung und Verlegung der Rechenzentren nach Norden – eine CO2-Reduzierung um etwa 85 Prozent erreichen werden“, lässt Mercedes-CIO Brecht wissen. Ausreichend ist das allerdings noch nicht, die „letzte Meile“ zur CO2-Neutralität erweist sich als steiniger Weg. „Inzwischen ist ein so guter Stand erreicht, dass es immer schwieriger wird, mit herkömmlichen Mitteln weitere Potenziale zu identifizieren“, teilt BMW mit. Hier kommt die Nutzung von Smart Data und KI ins Spiel.

„Die BMW Group bereitet alle energierelevanten Daten ihrer Standorte auf, um mithilfe von KI Muster im Energieverbrauch zu erkennen, die bisher unentdeckt blieben“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Der bayerische Autohersteller spart damit in einem Pilotprojekt allein in seinem Münchner IT-Zentrum pro Jahr 1200 Megawattstunden ein.

Volvo macht gesamte Lieferkette CO2-neutral

Noch einen Schritt weiter geht Volvo: Die Schweden wollen nicht nur das eigene Haus, sondern im Rahmen ihres Cradle-to-Grave-Ansatzes ihre gesamte Lieferkette CO2-neutral machen. So drängt Volvo beispielsweise alle seine globalen Tier-1-Zulieferer dazu, binnen drei Jahren einhundert Prozent klimaneu­trale Energie zu verwenden.

„Das ist ein wichtiger erster Schritt zur Verringerung der Emissionen aus der IT-Infrastruktur und des zusätzlichen Datenbedarfs, der durch vernetzte Autos entsteht“, sagt Jonas Otterheim. Der Head of Climate Action bei Volvo Cars benennt auch gleich die größte Hürde für derartige Klimapläne: „Zurzeit wird nicht genug klimaneutraler Strom produziert, um den zukünftigen Bedarf der Welt zu decken. Die Dekarbonisierungsstrategien vieler Unternehmen sollten daher mit zusätzlichen Maßnahmen von Energieunternehmen und Regierungen gekoppelt werden, um eine ausreichende Versorgung mit klimaneutraler Energie sicherzustellen.“

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