BMW Spurführung

Beim autonomen Fahren ist der BMW iX derzeit das Flaggschiff der Marke. Der genutzte Technologiebaukasten kommt auch im nächsten 7er zum Einsatz. (Bild: BMW)

Viele Hoffnungen im Hinblick auf das autonome Fahren ruhen bei BMW auf dem iX, der seit Juli 2021 in Dingolfing produziert wird und im November seinen Marktstart feierte. Das selbsternannte Technologie-Flaggschiff des bayrischen Herstellers ist bereits auf Fahrfunktionen bis SAE-Level 3 ausgelegt und soll ein Etappenziel auf dem Weg zur Level-4- oder gar Level-5-Autonomie darstellen. Ihren Beitrag zum technologischen Fortschritt in diese Richtung leistet etwa die Frontkollisionswarnung, die erstmals ein Erfassen des Gegenverkehrs beim Linksabbiegen sowie von Radfahrern und Fußgängern beim Rechtsabbiegen umfasst.

Rund 40 Fahrerassistenzfunktionen hat der bayrische Hersteller bereits am Markt. Level 2-Funktionen, die nahezu überall verfügbar seien, werden weiter ausgebaut, so Nicolai Martin, Senior Vice President Fahrerlebnis BMW Group. In naher Zukunft sollen neue Funktionen auch in den nächsten Fahrzeuggenerationen Anwendung finden. „Eine Level 3-Funktion – das heißt: wenn die Verantwortung vom Menschen auf die Maschine übertragen wird – werden wir in unseren Fahrzeugen erst anbieten, wenn diese absolut sicher ist und einen Mehrwert bietet. Das System muss in Extremsituationen – sogenannten corner cases – sicher reagieren“, erklärt Martin. Auf dem Weg zu weiteren autonomen Funktionen soll vor allem der im iX eingesetzte Technologiebaukasten verwendet und weiterentwickelt werden. Im kommenden 7er ist der vollständige Einsatz der Technologieplattform geplant.

Eigenentwicklung genießt hohen Stellenwert bei BMW

Im Bereich des hochautomatisierten Fahrens konzentrieren sich bei BMW drei verschiedene Software-Teams auf die Weiterentwicklung in Richtung der Level 4 und 5. Zuständig sind die Mannschaften jeweils für Umfelderfassung/Sensorik, Planung sowie die Fahrfunktionen mit Anzeigen, Degradation und Gesamtausprägung. In vierwöchigen Sprints werden dabei neue Releases entwickelt. „Alle acht Wochen gehen diese dann ans Unternehmen. Dementsprechend achten wir hierbei stets auf hohe Qualität, da die Software im Anschluss freigegeben und im Fahrbetrieb getestet wird“, sagt Tobias Rothmundt, Area Product Owner HighwayPilot und UrbanPilot bei BMW.

Bei Applikationen mit Kundenfokus in den Bereichen FAS, neue Mobilität und autonomes Fahren liegt der Fokus des Herstellers klar auf einer hohen Kerneigenleistung. So könne man sicherstellen, dass die Programme weiterentwickelt und an aktuelle Bedürfnisse angepasst werden, heißt es beim bayerischen Autobauer. „Wir sehen dieses Knowhow als marktdifferenzierendes Instrument. Softwarekompetenz ist die Kernkompetenz, die jeder zukunftsfähige OEM haben sollte“, betont Simon Fürst, Principal Expert Autonomous Driving Technologies bei BMW. Anders verhalte es sich mit der Plattformsoftware, wo bereits etablierte Lösungen wie beispielsweise Linux am Markt sind.

Daten bilden die Grundlage der Entwicklung

Die Grundlage zum Anlernen der autonomen Systeme bildet die D³-Plattform (Data-Driven Development), die BMW bereits 2019 vorgestellt hat. Der Ansatz fußt auf der Annahme, dass die Komplexität und Vielzahl von Verkehrssituationen letztlich über große Datenmengen abbildbar und beherrschbar wird. Die genutzten Informationen bestehen aus den Sensordaten realer Testfahrten, die regelmäßig qualifiziert und aufgewertet werden, sowie Millionen an simulierten Testkilometern.

Für die Verbindung zwischen der gemeinsam mit DXC Technologies realisierten D³-Plattform zu den Hardware in the Loop (HiL)-Stationen am BMW Group Autonomous Driving Campus stehen Glasfaserleitungen zur Verfügung. Räumlich sind Campus und Plattform nur wenige Kilometer in Unterschleißheim bei München getrennt, um die Übertragung der Datenmengen zu garantieren. Als Partner sind Zulieferer wie Aptiv oder Continental sowie Technologie-Partner wie Here, Intel oder Mobileye an dem Projekt beteiligt.

Kooperationen ergänzen Kompetenzen von BMW

Nicht nur in der Datenverarbeitung zeigt sich BMW trotz des Anspruchs auf hohe Kerneigenleistungen offen für Kooperationen in strategisch sinnvollen Feldern. Nach der gescheiterten Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz holt der Autobauer dabei inzwischen eher Tech-Player als andere Autobauer ins Boot: Seit 2021 arbeitet der Münchener OEM etwa beim Thema eingebetteter Software mit Blackberry zusammen.

Die Partner gaben kurz vor Jahresende eine mehrjährige Vereinbarung über die gemeinsame Entwicklung von Technologien für Fahrzeuge der nächsten Generation bekannt. Blackberry werde im Rahmen dessen seine QNX-Technologie, ein Echtzeitbetriebssystem, sowie ein Team von Ingenieuren zur Verfügung stellen. Dies erfolge, um die Entwicklung neuer Fahrautomatisierungsfunktionen nach SAE-Level 2 und 2+ zu unterstützen. Die neuen Funktionen sollen in mehreren Modellen verschiedener Marken zum Einsatz kommen.

Bereits seit 2016 kooperiert BMW zudem mit der Intel-Tochter Mobileye, später traten Delphi, Continental, Magna, FCA, Aptiv und Baidu sowie KPIT und TTTech der Plattform bei. Die Zusammenarbeit wird allerdings im Jahr 2025 mit Ende der aktuellen Generation des genutzten Technologiebaukastens auslaufen. „Unsere Kooperation mit Intel/Mobileye bleibt vorhanden und bezieht sich auf den aktuellen Technologiebaukasten, der erstmals im neuen BMW iX zum Einsatz kam und den wir in den kommenden Jahren parallel in weiteren Serien-Fahrzeugen verwenden werden", erklärt Nicolai Martin.

BMV setzt künftig auf Qualcomm und Arriver

An weiterführenden Technologien möchte BMW in Zukunft hingegen mit Qualcomm und Arriver Software arbeiten. "Die anstehende Zusammenarbeit mit Qualcomm und Arriver für die Entwicklung einer skalierbaren Softwareplattform für automatisierte Fahrfunktionen betrifft die nächste Generation unseres Technologiebaukastens mit Marktreife ab Ende 2025 und anschließender Ausrollung in neue Fahrzeugprojekte. Im Rahmen dieser neuen Kooperation sind und bleiben wir offen für weitere Partner", führt Martin aus.

Bereits im Novemer 2021 vereinbarten BMW, Qualcomm und Arriver eine Kooperation beim autonomen Fahren. Im März 2022 folgte eine Ausweitung der Zusammenarbeit. Im Fokus stehen Anwendungsfälle auf den SAE-Leveln 2 und 3. Bereits 2021 gaben die Unternehmen bekannt, dass das BMW-System für automatisiertes Fahren der nächsten Generation auf dem Snapdragon Ride Vision System-on-Chip (SoC) aufbauen werde. Dies beinhalte unter anderem den Einsatz von Arriver Computer Vision und den Compute-SoC-Controller der Snapdragon Ride Platform.

In Zukunft möchten BMW, Qualcomm und Arriver eine skalierbare Plattform für autonome Fahrfunktionen schaffen, bei der die Entwicklung einer Referenz- sowie Sicherheitsarchitektur und gemeinsamer Sensorspezifikationen als Grundlage dienen. Unter anderem wird hierfür eine gemeinsame Toolkette definiert und der Betrieb eines Data Centers für die Speicherung und Aufbereitung von Daten sowie die Simulation eingesetzt. Insgesamt sollen laut BMW rund 1.400 Experten weltweit das Thema bearbeiten, für weitere Partner sei die Kooperation ausdrücklich offen.

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