Das Lenkrad des BMW i Vision Dee.

Das klassische Infotainment wird bei BMW langfristig abgelöst. (Bild: BMW)

Die Zukunft ist jetzt! Während manche Aussteller auf der Consumer Electronics Show (CES) mit ihren Visionen die Grenzen des Möglichen strapazieren, zeichnet sich bei BMW ein konkreter Weg für die nächsten Monate und Jahre ab. Das Digital Car, es kommt Schritt für Schritt. Nachdem die neueste iDrive Generation mit Operating System 8 im Jahr 2021 ihr Debüt feierte und erst vor kurzem in der 7er-Serie eingeführt wurde, steht bereits ein Nachfolger in den Startlöchern.

Auf den ersten Blick profitiert davon vor allem das User Interface. „Wir werden unser Hauptmenü komplett verändern“, sagt Stephan Durach, Senior Vice President Connected Company Development bei der BMW Group. Die wichtigsten Funktionen sollen künftig auf einen Blick ersichtlich sein. Entertainment und Telefonie wandern im Sinne des One-Layer-Prinzips direkt auf die Karte der Navigation. Das Operating System 9 sei die Antwort auf das Nutzerverhalten, erklärt Durach die Beweggründe.

Das Infotainment im neuen Gewand beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Menüstruktur. Auch das Interface der Klimaanlage oder von Diensten wie Spotify wird wesentlich übersichtlicher und benutzerfreundlich gestaltet. Der Launch des OS 9 sei Mitte des Jahres im BMW X1 geplant, so Durach. Modelle mit dem Vorläufersystem und einer kompatiblen Head-Unit erhalten indes ein Update auf die größtenteils identische Version 8.5 – den Start macht der BMW 5er. Käufer eines neuen 7er können somit aufatmen: Das Flaggschiff-Modell wird selbiges Upgrade erhalten und damit am Zahn der Zeit bleiben.

Amazon hebt BMW-Assistenten auf ein neues Level

Auf Äußerlichkeiten beschränkt sich der Premiumhersteller jedoch nicht. Einen Sprung nach vorne verspricht Durach etwa beim Intelligent Personal Assistant, der fortan das Software Developement Kit (SDK) von Amazons Alexa nutzt. Bisher hatte das System – über die Sprachbedienung hinaus – nur grundlegende Züge eines Assistenten. Mit den Fähigkeiten des US-Partners soll sich dies ändern. Über Spracheingaben können die Insassen den vollen Zugriff aufs Internet genießen, versichert der Experte. Bei Wikipedia-Artikeln sei demnach längst nicht Schluss.

Ein breiteres Angebot sieht BMW zudem für seinen App-Store vor. Das digitale Ökosystem der Kunden soll bestmöglich angebunden werden. Neben dem klassischen Entertainment um Musik, Videos und News sollen auch Social Media, Emails oder Dienste wie Whatsapp endlich einen adäquaten Platz im Auto finden. Welche Applikationen bei Launch zur Verfügung stehen, ist zwar noch nicht bekannt, das Wesentlichste verkündete BMW im Rahmen der CES hingegen schon – die Grundlage für eine weitreichende Integration von Drittanbieter-Applikationen.

BMW wechselt von Linux auf Android

Bislang vertraute der bayerische Autobauer beim Infotainment auf Linux. Mit der neunten Generation seines Betriebssystems folgt nun der Wechsel zu einer POSIX Software-Plattform auf Android-Basis. Entgegen mancher Befürchtung handelt es sich jedoch nicht um den vollen Umstieg auf Google Automotive Services (GAS), sondern um Android Automotive OS (AAOS), die Open Source-Alternative des Konzerns. „Es ist lediglich eine andere Weise der Integration und kein Bruch mit unserer Philosophie“, gibt Stephan Durach zu verstehen.

Mit AAOS bewahrt sich BMW die Entwicklung einer spezifischen Infotainment-Experience und verschafft sich zugleich Zugang zu einem größeren Ökosystem. Bemerkbar wird dies für den Nutzer vornehmlich anhand der zunehmenden Anzahl an Services. „Es ist aktuell der schnellste Weg, um Drittanbieter-Content zu integrieren“, fasst Durach zusammen. Im Hintergrund vereinfacht es aber auch die Integration von SDKs wie Mapbox für die Navigation oder dem Aptoide App-Store von Faurecia. Einziger Wermutstropfen: Der neue App-Store wird nur für Modelle mit OS 9 verfügbar sein. Die 7er-Serie ist damit trotz Remote Software Upgrade auf OS 8.5 zumindest partiell überholt.  

Das Infotainment des neuen BMW 7er.
Das Infotainment der neuen 7er-Reihe erhält ein Upgrade auf OS 8.5. (Bild: BMW)

Der Weg zur einheitlichen Software-Plattform

Damit solche Unterschiede in Zukunft zur Seltenheit werden, will BMW sein Augenmerk sukzessive von neuen OS-Generationen auf eine Modellpflege über den Lebenszyklus lenken. Die Software-Plattform werde dann alle Steuergeräte (ECUs) und Generationen vereinheitlichen, erklärt Christoph Grote, Senior Vice President Electronics and Software bei der BMW Group. „Es ist wichtig, nicht nur ein digitales Flaggschiff zu haben.“ Die gesamte Flotte müsse sich ein System teilen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Aus diesem Grund will der Autohersteller seine Strategie – nicht von Grund auf zu entwickeln, sondern den Code zu überarbeiten – noch energischer verfolgen. „Software als etwas Statisches zu betrachten, ist einer der größten Fehler“, bringt Grote es auf den Punkt. BMW gehe seit mehreren Generationen seines Betriebssystems einen kontinuierlichen Weg. Münden soll er in etwas, das die Tech-Player vermehrt vorleben – einer „finalen“ Grundlage, die Updates für alle Bestandskunden verfügbar macht.

Der Fokus der Software-Entwicklung

Welche Hausaufgaben bei diesem Bestreben bereits erledigt wurden, offenbart ein Blick auf die Layer des Stacks. Schließlich existiere nicht „das eine“ Automotive OS, gibt Christoph Grote zu Bedenken. Die Applikationen des Infotainments mögen durch Android unifiziert werden, die Pendants für ADAS sowie Motor- und Chassis-Steuerung umfasst dies jedoch nicht. Bei ihnen kommt weiterhin eine POSIX-Plattform basierend auf QNX sowie eine OSEK-Plattform auf Autosar-Basis zum Einsatz. Seit der neuen 7er-Serie werden diese drei Stränge mittels node0 „geeint“. Der auf Linux fußende, standardisierte Shared Service Layer bringt unter anderem Datenmanagement, Remote Software Updates und Security unter einen Hut.

Auf der einen Seite forciert BMW die Software- und Update-Kultur somit durch einen klaren Fokus auf die oberen Layer des Stacks, die als Differenzierungsmerkmale zur Konkurrenz dienen. Die Basis bleibe hingegen wesentlich stabiler, so Grote. „Wir versuchen zu separieren: Wenn sich einige Entwickler auf die Plattformen konzentrieren, haben die restlichen Programmierer mehr Freiraum für neue Funktionen.“ Letztlich könne trotz rund 8.000 interner IT- und Software-Experten aber nicht alles Inhouse entwickelt werden, betont der Experte. Neben Open Source würden Co-Developement – bei Digital Key, Sprachassistent oder ADAS – sowie Zukauflösungen – bei Computer Vision oder dem Mapbox SDK – weiterhin Hand in Hand gehen.

Das Auto als Freund und Helfer

Am Ende des Weges ist BMW also noch nicht angelangt, denn an Zukunftsvisionen mangelt es nicht. Wer sich mit diesen beschäftigt, stößt schnell auf die Jahreszahl 2025 – den Start der Neuen Klasse. In rund zwei Jahren soll dafür nicht nur eine zonale EE-Architektur eingeführt werden, die Komplexität, Kosten, Gewicht und Energieverbrauch senkt, auch dem Infotainment steht eine erhebliche Evolution bevor. Einen Ausblick darauf gibt der BMW i Vision Dee: Eine futuristische Mittelklasse-Limousine, die ebenfalls auf der CES in Las Vegas vorgestellt wurde. Dessen „Digital Emotional Experience“ soll weit über das heutige Maß an Sprachsteuerung und Fahrerassistenzen hinausgehen.

Das Auto werde künftig vom nützlichen Assistenten zum freundlichen Begleiter, erläutert Oliver Zipse, Vorstandsvorsitzender der BMW Group, bei seiner Keynote im Pearl Theatre des Palms-Hotels. Die künstliche Intelligenz, die eine nahezu menschliche Interaktion mit dem Fahrer ermöglichen soll, stand bei der Präsentation jedoch nicht im Vordergrund, auch wenn die Gastauftritte von Herbie und K.I.T.T. dies vermuten lassen. Vielmehr drehte sich alles um eine neue Generation von Head-Up-Displays (HUD), die laut Zipse im übernächsten Jahr in Serie geht. „Das ist mehr als eine Vision. Wir bringen diese Innovation in die Neue Klasse“, verspricht der BMW-Chef.

Windschutzscheibe ersetzt den klassischen Touchscreen

Die Zeiten, in denen das HUD nur einem nebensächlichen Feature gleichkommt, sind dann vorbei. Mit seiner Breite über die gesamte Windschutzscheibe wird es zum Synonym für das Infotainment werden. Routeninformationen, Entertainment oder Social Media werden auf die größtmögliche Displayfläche projiziert. Der heutige Touchscreen wird überflüssig, das Interieur zum Exempel des Minimalismus.

Zentrale Bedienelemente werden dabei phygital Touchpoints am Lenkrad, die bei Annäherung oder Berührung zum Leben erwachen, sowie der Mixed Reality Slider auf dem Armaturenbrett. Seine fünfstufige Auswahl lässt sich mittels Shy-Tech-Sensorik steuern und reicht von analog, über fahrrelevante Informationen, Kommunikationsdienste und Augmented-Reality-Projektion, bis hin zum Einstieg in virtuelle Welten. Sobald diese Vision zur Realität wird, dürften sich einige Teilnehmer an die Worte von Arnold Schwarzenegger erinnern, der bei der Keynote seinen Optimismus beisteuerte: „Was in den 80ern und 90ern noch als Science Fiction galt, wurde über die Jahre zum Science Fact.“

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