Eine Volkswagen.-Visualisierung zum autonomen Fahren.

Volkswagen nimmt beim autonomen Fahren zunehmend Tempo auf. Große Hoffnung liegt dabei auf der Software-Tochter Cariad. (Bild: Volkswagen)

Lange ließ sich Volkswagen bei zahlreichen Zukunftstechnologien bitten. Doch wie auch bei der Elektromobilität beginnt der Automobilriese aus Wolfsburg momentan beim autonomen Fahren das Tempo in viele Richtungen zu erhöhen. Zu einer länger bestehenden Partnerschaft mit Ford und der damit einhergehenden Beteiligung am Startup Argo AI kam im Rahmen der CES 2022 eine strategische Kooperation mit der Intel-Tochter Mobileye hinzu. Gemeinsam möchten die Unternehmen unter anderem eine globale und skalierbare Kartenlösung anbieten.

Die Road-Experience-Management-Technologie (REM) soll dabei automatisch hochauflösende Karten für die crowdbasierte Cloud-Datenbank Mobileye Roadbook generieren. Mit diesen Schwarmdaten der Fahrerassistenzsysteme komme der Travel Assist 2.5 inklusive Spurhaltefunktion in vielen Gebieten ohne Fahrbahnmarkierungen aus, meint Mobileye. „Es ist ein klarer Pluspunkt, echte Fahrdaten statt Kartenmaterial zu verwenden", zitiert die Intel-Tochter den Volkswagen-Chef Herbert Diess nach einer Probefahrt. Weitere Verbesserungen erfuhr Volkswagens Travel Assist mit der neuen Software-Generation 3.0 für die ID-Modellfamilie im Frühjahr 2022: Die Fahrzeuge halten durch Schwarmdaten künftig besser die Spur sowie Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und die eingestellte Höchstgeschwindigkeit. Mit zwei Radaren im Heck und per Ultraschall soll die Funktion auch den umliegenden Verkehr im Blick behalten sowie beim Spurwechsel auf der Autobahn unterstützen.

Bosch und Cariad arbeiten an Software-Plattform

Eine weitere große Partnerschaft folgte nur wenige Wochen nach der Kooperationsvereinbarung mit Mobileye: Gemeinsam mit Bosch soll Volkswagens Softwaretochter Cariad allen Fahrzeugklassen der Konzernmarken eine einheitliche Software-Plattform für das teil- und hochautomatisierte Fahren bereitstellen. Zunächst werden dabei Hands-free-Systeme auf SAE-Level 2 sowie eine Lösung auf SAE-Level 3 entwickelt, welche die komplette Fahraufgabe auf der Autobahn übernimmt. Doch auch Entwicklungsziele und Zeitpläne in Richtung SAE-Level 4 werden geprüft. Erste Funktionen sollen bereits 2023 implementiert werden.

Im Vordergrund der Softwareentwicklung steht der datengetriebene Ansatz. Informationen der 360-Grad-Umfelderfassung werden unter anderem mit Hilfe künstlicher Intelligenz analysiert und verarbeitet. „Für die Entwicklung des automatisierten Fahrens ist die beste Schule der echte Straßenverkehr. Wir gewinnen mithilfe einer der größten vernetzten Fahrzeugflotten weltweit eine riesige Datenbasis, um automatisierte Fahrsysteme auf eine neue Stufe zu bringen“, erläutert Mathias Pillin, Vorsitzender des Bereichsvorstandes von Bosch Cross-Domain Computing Solutions.

Als weiteren Partner gewann Volkswagen im Mai 2022 den Tech-Riesen Qualcomm, der in Zukunft eng mit Cariad zusammenarbeiten soll. Bei autonomen Fahrfunktionen bis Level 4 möchte man ab Mitte der Dekade die Snapdragon Ride-Plattform des Unternehmens zum Einsatz bringen. Durch die enge Zusammenarbeit könne Cariad optimal definieren, welche Systeme im Fahrzeug zum Einsatz kommen. Dies ermögliche ein optimales Zusammenspiel zwischen der Plattform im Fahrzeug und der mit Bosch entwickelten Software.

Die Entscheidung für Qualcomm als Partner sei auch deshalb gefallen, weil das Unternehmen Volkswagen keinen "Knebelvertrag" habe aufzwingen wollen, zitiert das Handelsblatt einen Insider aus dem Konzern. „Im Gegensatz zu anderen Chipherstellern war Qualcomm das einzige Unternehmen, das uns eine Kooperation auf Augenhöhe angeboten hat“, so dessen Aussage. Der Vertrag basiere auf Stückzahlen und nicht auf einem Revenue-Sharing-Modell wie in der Kooperation zwischen Nvidia und Mercedes-Benz.

Volkswagens Hoffnungen ruhen auf Trinity

Weiteren Aufwind könnte das autonome Fahren bei Volkswagen ab 2026 bekommen. Mit dem elektrischen Zukunftsmodell Trinity möchte der Konzern unter anderem Autobahnfahrten auf Level 4 anbieten. „Es handelt sich hier um eine evolutionäre und nicht um eine revolutionäre Form der Entwicklung. Wir brauchen einen Dreiklang bestehend aus einer guten technischen Basis, Lösungsansätzen bei den Themen Haftung und Ethik sowie einen regulatorischen Rahmen“, erklärte Thomas Ulbrich, Mitglied des Markenvorstands Volkswagen, Geschäftsbereich Technische Entwicklung, auf dem CCI Summit 2021. Viel Zeit bleibt dem Konzern nicht mehr: Die Bauarbeiten für einen neuen Greenfield-Standort in Wolfsburg, an dem der Trinity vom Band laufen soll, sind für das Jahr 2023 angesetzt. Rund zwei Milliarden Euro lässt sich Volkswagen das neue Werk kosten.

Eine weitere Zukunftsvision rund um das autonome Fahren bildet OnePod. Die autonome und elektrische Konzeptstudie wurde vom Volkswagen Group Future Center Europe in Potsdam entwickelt und gibt mit ihrem konfigurierbaren Innenraum einen Ausblick auf die urbane Mobilität der Zukunft sowie die künftige Kommunikation zwischen Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern.

Hamburg wird zum Testfeld für Volkswagen

Auf die Straße bringt der Konzern das autonome Fahren vor allem in Hamburg. Dort erprobt Volkswagen seit einiger Zeit autonome E-Golf auf einer neun Kilometer langen Teststrecke im realen Straßenverkehr. Ab 2025 soll in der Hansestadt dann ein Ridepooling-Dienst mit autonomen Versionen des ID. Buzz etabliert werden, die gemeinsam mit Argo AI entwickelt und von der Ridepooling-Tochter Moia betrieben werden. Vorab sollen dafür etwa 30 Testfahrzeuge in drei Stadtteilen unterwegs sein. Das Unternehmen hat bereits einen Prototypen mit dem eigenen Self Driving System (SDS) ausgestattet und testet die Kamera- und Sensortechnologie zusammen mit VW Nutzfahrzeuge auch im Umfeld von München.

Der OnePod von Volkswagen.
Die Studie OnePod gibt einen Ausblick auf künftige People Mover. (Bild: Volkswagen)

Zu Anfang des Testbetriebs soll die Umgebung kartographiert werden, in einem zweiten Schritt folgt der Test des SDS sowie der Sensorik von Argo. „Das fahrerlose Robotaxi ist angesichts der Komplexität der Operationen heute die größte Herausforderung für die Industrie“, betont Christian Senger, Bereichsleiter autonomes Fahren bei Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN). Mit der neugegründeten Unternehmenstochter Volkswagen Autonomy hatte VWN im Herbst 2019 gewissermaßen den Lead beim autonomen Fahren eingenommen, arrangiert sich aber zunehmend mit der Software-Tochter Cariad, die eigene Tools und Kompetenzen aufbaut.

Daten dienen als Grundlage der Entwicklung

Unter anderem arbeitet Cariad im Data Driven Development eigene Lösungen rund um Machine Learning und KI aus. Quantitativ habe man mit über zehn Millionen Neufahrzeugen pro Jahr im Volkswagen-Konzern perspektivisch den Datenvorteil auf seiner Seite, betont Cariad auf Anfrage von automotiveIT. Mit der Übernahme der Kamerasoftware-Sparte von Hella Aglaia habe man unter anderem die Kompetenzen im Machine Vision-Bereich massiv ausgebaut, im April 2022 verkündete Cariad zudem die Übernahme des Automotive-Geschäfts des Chemnitzer Sensordaten-Experten Intenta.

„Die Volkswagen Automotive Cloud dient dabei ebenso als technischer Backbone wie unsere Automated Driving Platform in Kooperation mit Microsoft, die das Lernen aus gefahrenen Kilometern systematisch unterstützt“, so ein Sprecher des Wolfsburger Autobauers. Dem Gebot der Datensparsamkeit entsprechend werden viele Rechenvorgänge per Edge Computing direkt im Fahrzeug vorgenommen. Dies sei ohnehin nötig, um sämtliche Fahrsituationen auch ohne Netzwerkverbindung beherrschen zu können, heißt es bei Cariad.

Cariad unterstützt Audi-Projekt Artemis

Neben der Konzernmutter investiert auch Audi im Rahmen des Projekts Artemis in das Thema autonomes Fahren. Ursprünglich hatte die Entwicklungsorganisation für das E-Fahrzeug mit autonomen Funktionen auf Strukturen und Prozesse außerhalb der traditionellen Konzernsysteme aufgebaut, inzwischen wurde das Projekt allerdings unter Leitung von Oliver Hoffmann in der Technischen Entwicklung bei Audi aufgehängt.

Die Softwareentwicklung für das Zukunftsmodell übernimmt derweil ebenfalls Cariad, den Prozessor liefert mit Nvidia ein weiterer Partner. Im Fokus von Artemis stehen neue Technologien rund um das elektrische, hochautomatisierte Fahren mit konkretem Modellbezug. Der erste Auftrag ist ein neues Elektroauto, das 2025 auf die Straße kommen soll. Das Team soll außerdem ein Ökosystem um das Auto herum schaffen und so ein neues Geschäftsmodell für die gesamte Nutzungsphase entwerfen.

Verderben viele Köche den Brei?

Volkswagen setzt beim autonomen Fahren auf eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte, Unternehmenseinheiten und Partnerschaften. Dabei muss sich der Konzern die Frage gefallen lassen, ob die Stoßrichtung aller Akteure zwangsläufig immer dieselbe ist. Vor allem bei der bereits mehrfach veränderten Organisationsstruktur des Artemis-Projektes, an dem ursprünglich auch Porsche mitgewirkt hatte, zeigt sich, dass der Volkswagen-Konzern noch Nachholbedarf bei einer eindeutigen Aufteilung der Ressourcen und Kompetenzen aufweist. Ob es Volkswagen gelingen wird, eine eindeutige Strategie herauszuarbeiten und entsprechende Fahrzeuge auf die Straße zu bringen, wird zu einem nicht unerheblichen Teil von der Rolle abhängen, die die Software-Tochter Cariad in Zukunft spielen wird.

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