People Mover an einer Haltestelle in Karlsruhe

Im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld-Dammerstock konnten sich im Sommer 2021 Passagiere autonom von der Bahnhaltestelle zur Haustür kutschieren lassen. Bilder: EVA-Shuttle/Paul Gärtner

Weiherfeld-Dammerstock im Süden Karlsruhes kommt einem nicht unbedingt zuallererst in den Sinn, wenn es um die digitalisierte und autonome Mobilität der Zukunft geht. Doch der beschauliche, von Wohnsiedlungen geprägte Stadtteil spielt seit Kurzem beim autonomen Fahren in einer Testfeld-Liga mit Phoenix im US-Bundesstaat Arizona oder Chongqing in Zentralchina. Zumindest im kleinen Maßstab. Denn zwischen April und Juli verkehrten im 6.000-Seelen-Ort drei selbstlenkende und elektrische Minibusse – landläufig auch People Mover genannt – im Rahmen des Forschungsprojekts EVA-Shuttle zwischen der Stadtbahnhaltestelle Dammerstock und der Haustür des jeweiligen Passagiers.

Das Letzte-Meile-Mobilitätskonzept sollte den Projektpartnern Aufschluss darüber geben, wie elektrische und autonom fahrende Shuttles bei der Bevölkerung ankommen. An dem Forschungsprojekt sind neben dem FZI Forschungszentrum Informatik als Konsortialführer die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), der TÜV Süd, Bosch und die Deutsche-Bahn-Tochter Ioki beteiligt. Letztere stellt die Buchungs-App zur Verfügung, mit der potenzielle Mitfahrer eine Fahrt in den 20 km/h schnellen Minibussen on Demand buchen konnten.

Und trotzdem der Start des Probebetriebs noch in eine kritische Phase der Coronapandemie fiel, schien das Interesse an dem Shuttle-Projekt durchaus hoch gewesen zu sein. Bis Ende Juni transportierten die Minibusse laut VBK knapp unter 1.100 Fahrgäste und absolvierten fast 700 Fahrten. „Damit haben wir die magische 1.000er-Marke gerissen und sind sehr zufrieden“, sagte VBK-Geschäftsführer Alexander Pischon. Nun gilt es für die beteiligten Projektpartner, den Abschlussbericht zu erstellen und die Frage zu beantworten, welchen Beitrag People Mover in Zukunft auch im großen Maßstab leisten könnten.

Warum sich EVA-Shuttle von anderen Projekten unterscheidet

Der Grund, warum die Karlsruher Initiative ein Beispiel für andere Projekte sein könnte, liegt in dessen technologischer Ausbaustufe. Im Gegensatz zu ähnlichen Vorhaben bewegten sich die EVA-Shuttles frei im regulären Straßenverkehr und mussten dort eigenständig auf Fußgänger, Radfahrer und motorisierte Verkehrsmittel reagieren. Ermöglicht hat dies die Sensorik und die Selbstlokalisierungtechnologie von Projektpartner Bosch sowie neuartige Planungsalgorithmen zur Entscheidungsfindung, die vom FZI entwickelt wurden.

„Mit der Wahl des Stadtgebiets Weiherfeld-Dammerstock haben wir uns bewusst für ein Gebiet mit Mischverkehr entschieden. Dadurch muss die Automatisierungssoftware auch dem Anspruch gerecht werden, dass ein automatisiertes Fahrzeug auf viele möglichen Situationen sicher und sinnvoll reagiert und das auch unter verschiedenen Bedingungen“, erklärt FZI-Vorstand J. Marius Zöllner. Doch trotz der Eigenständigkeit der Minibusse, die auch schon auf dem Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg probeweise unterwegs waren, befand sich ein ausgebildeter Sicherheitsfahrer mit an Bord, der im Notfall eingreifen kann.

Alter Mann mir Rollator zeigt einem Sicherheitsfahrer sein Handy
Bei Angeboten wie EVA-Shuttle können Nutzer Fahrten via App on-demand buchen. Trotz der Autonomie muss weiterhin ein Sicherheitsfahrer mit an Bord sein.

Neues Gesetz zum autonomen Fahren holt Shuttles aus dem Labor

Das war unter den bislang geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland auch notwendig: Sie schrieben vor, dass in (teil-)autonomen Fahrzeugen jederzeit ein menschlicher Fahrer zum Eingriff bereit sein musste. Das ändert sich nun durch ein Ende Juli in Kraft getretenes Gesetz, das den Regelbetrieb autonomer Fahrzeuge auf SAE-Level 4 ohne Sicherheitsfahrer schon ab kommendem Jahr im öffentlichen Straßenverkehr ermöglichen soll. „Deutschland wird mit dem neuen Gesetz zur neuen Nummer eins beim autonomen Fahren“, zeigte sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer beim Launchevent der EVA-Shuttles Mitte April selbstbewusst. Es würde auch die Shuttles und People Mover endlich aus ihren „Laboren“ holen.

Autonome Shuttles bergen großes Potenzial

Und solche Labore befinden sich längst nicht mehr nur in Weiherfeld-Dammerstock. Schon seit einigen Jahren schießen entsprechende Forschungsvorhaben oder private Testprojekte in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. In Schleswig-Holstein probiert sich EasyMile mit dem NAF-Bus auf einem Betriebsgelände am vollautomatisierten Fahrbetrieb auf Level 4 und in den oberfränkischen Städten Hof, Kronach und Rehau kutschieren seit Juni selbstlenkende Shuttles Passagiere von A nach B. In Hamburg kurvt im Rahmen des Hochbahn-Projekts Heat ein von IAV entwickelter autonomer Kleinbus auf einer 1,8 Kilometer langen Teststrecke durch die Hafen­City der Elbmetropole. Seit Anfang August sind auch die Türen des Heat-Shuttles für Fahrgäste geöffnet, die wie bei den EVA-Shuttles Fahrten via App buchen können.

„Autonome Shuttles bieten aus meiner Sicht große Vorteile für den ÖPNV und für eine vernetzte Mobilität. Zum einen wird durch einen elektrischen Antrieb eine emissionsfreie Mobilität auf der ersten und letzten Meile möglich“, betont FZI-Forscher Zöllner. „Zum anderen wird gerade das Schließen der letzten Meile den ÖPNV deutlich attraktiver und flexibler machen, gerade weil durch autonome Shuttles das ÖPNV-Angebot zu einer 24/7-Verfügbarkeit erweitert werden kann – also auch in Randzeiten, in denen sonst der Individualverkehr attraktiver zu sein scheint.“

Welche Pläne die Autohersteller bei Robotaxis verfolgen

Und nicht nur der öffentliche Nahverkehr könnte von autonomen Shuttles profitieren. Wie das Beratungsunternehmen Deloitte in einer Studie ermittelte, winken durch Fahrdienstleistungen autonomer Robotaxis im Jahr 2035 zusätzliche Einnahmen in Höhe von rund 17 Milliarden Euro. Damit könnte beispielsweise die Autoindustrie einen Großteil der Umsatzeinbußen kompensieren, die durch das wegbrechende Neuwagengeschäft entstehen.

Noch im Sommer 2018 kündigte Daimler eine großangelegte Kooperation mit Bosch und Nvidia an, in dessen Rahmen autonome Shuttles auf Level 4/5 in einer Testregion in Kalifornien getestet werden sollten. Neben der technischen Weiterentwicklung sollte das Pilotprojekt, das unter dem Namen „Athena“ lief, zeigen, wie Mobilitätsdienste wie Car- oder Ridesharing intelligent vernetzt werden und letztlich von der Automatisierung der Mobilität profitieren könnten.

Umso verwunderlicher ist, dass das gemeinsame Robotaxi-Vorhaben der beiden Stuttgarter Automobilschwergewichte nach nur drei Jahren nun vor dem Aus steht. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge gehen sowohl Daimler als auch Bosch bei der Entwicklung autonomer Fahrfunktionen künftig wieder getrennte Wege. Ein gemeinsames serienreifes Robotaxi wird es daher nicht geben.

Weiterhin zur Realität werden könnte ein Shuttle-Vorhaben, dass Volkswagen über die Nutzfahrzeugsparte mit dem US-Startup Argo AI forcieren will. So soll das schon vor einigen Jahren präsentierte Modell ID Buzz ab 2025 in einer autonomen Version bei Fahr- und Zustelldiensten eingesetzt werden. Davon könnte unter anderem die Mobilitätstochter Moia profitieren. Getestet werden selbstlenkende Fahrzeuge derzeit in den USA und seit diesem Sommer auch im Münchner Umland.

Neue Player mischen bei Robotaxis mit

Doch vom Mobilitäts-Shift werden nicht nur die etablierten OEMs profitieren, weiß Harald Proff, Partner und Leiter Automobilindustrie bei Deloitte: „Sofern es die Gesetze und Regularien zulassen, werden Ridehailing-Anbieter das Marktpotenzial von Robotaxi-Diensten mit am schnellsten erschließen. Bei einigen der heutigen Anbieter basiert im Prinzip das ganze Geschäftsmodell sowie die zugrunde gelegte Unternehmensbewertung bereits auf der Annahme, dass in absehbarer Zukunft autonome Fahrdienste zur Tagesordnung werden.“

Dazu komme der Faktor Personalkosten, der sowohl im ÖPNV als auch bei neuen Mobility Providern oftmals den größten Teil ausmache. „Neben einer bedarfs- und nachfrageorientierten Steuerung des Fahrzeugangebots führt insbesondere die Einsparung von Kosten für den Fahrer zu einer deutlich besseren Wirtschaftlichkeit“, so Deloitte-Experte Proff.

In den USA ist es vor allem die Alphabet-Tochter Waymo, die mit hoher Hard- und Softwarekompetenz das Projekt Robotaxi mit Siebenmeilenstiefeln vorantreibt. Erst kürzlich hat das Unternehmen in San Francisco einen vollautonomen Shuttle-Dienst mit umgerüsteten elektrischen Jaguar I-Pace ins Leben gerufen, den ab sofort Nutzer im Rahmen eines Pilotprojekts in der kalifornischen Metropole testen können. Für die Google-Schwester ist dies nicht der erste Testballon mit Robotaxis: In Phoenix, im US-Bundesstaat Arizona, bewegen sich schon seit geraumer Zeit umgebaute Chrysler-Minivans autonom von Fahrgast zu Fahrgast. In Deutschland will beispielsweise der israelische Spezialist Mobileye die veränderte Gesetzeslage für sich nutzen und bereits im Jahr 2022 mit einem eigenen Robotaxi-Service auf dem deutschen Markt starten.

Weitere Hintergründe, Analysen und Wissenswertes zum Thema autonomes Fahren lesen Sie diese Woche auch bei all-electronics.de. Die Redaktion der Automobil Elektronik fokussiert sich in ihren Beiträgen unter anderem auf Technologie-Trends und Tools in Themengebieten wie Sensorik, Cybersicherheit oder Car-to-X-Vernetzung.

Kostenlose Registrierung

Newsletter
Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

*) Pflichtfeld

Sie sind bereits registriert?