Bildschirm mit den Strategieplänen vom Elektro-Startup Pony.ai

Pony.ai testet im Distrikt Yizhuang auf 60 Quadratkilometern die autonome Mobilität. (Bild: Adobe Stocke / Wirestock)

Der chinesische Internetgigant Baidu darf ebenso wie Elektroauto-Startup Pony.ai ab sofort der Öffentlichkeit in Peking komplett fahrerlose Mitfahrdienste anbieten. Damit genehmigte China Ende April zum ersten Mal überhaupt Robotaxis ganz ohne einen Menschen auf dem Fahrersitz. Bei vergleichbaren Pilotprojekten in anderen Städten muss zur Sicherheit bislang stets jemand auf dem Fahrersitz mitfahren — bei dem neuen Projekt in Peking dagegen nur auf dem Beifahrersitz. „Das ist eine qualitative Veränderung. Früher konnte jemand, der hinter dem Steuer saß, sofort übernehmen“, betonte der für die Sicherheit selbstfahrender Autos zuständige Baidu-Vizepräsident Wei Dong in einem Interview mit Bloomberg TV. „Jetzt überlassen Sie es ganz den Maschinen.“

Baidu ist einer der Vorreiter des autonomen Fahrens in China. Die einst als Suchmaschine gestartete Privatfirma aus Peking puscht selbstfahrende Autos seit vielen Jahren. Baidu stellt Autoherstellern wie Geely Software zur Verfügung und betreibt unter dem Namen Apollo Go in neun Städten — darunter neben der Hauptstadt auch in der Südmetropole Guangzhou — eine Ridehailing-Plattform mit Flotten von Robotaxis. Dazu kooperiert es mit verschiedenen Autobauern wie BYD oder dem Staatskonzern Beijing Automotive (BAIC). Die neue Elektroauto-Sparte des Konzerns plant, schon im Jahr 2023 mit der Massenproduktion von Robo-Elektroautos zu beginnen. Im Herbst 2021 kündigte das Unternehmen zudem die Serienproduktion eines vollelektrischen Roboter-Lastwagens namens Xingtu an.

E-Mobilität und autonomes Fahren werden massiv gefördert

2017 schon hatte Baidu die Open-Source-Entwicklungsplattform Apollo für selbstfahrende Fahrzeuge gegründet, der bereits internationale Partner wie Toyota und Volkswagen oder US-Techfirmen wie Intel und Nvidia beigetreten sind. Auch hat Baidu eine Karten-App für autonome Fahrzeuge entwickelt.

Dabei ist Baidu beileibe nicht die einzige Tech-Firma, die den chinesischen Markt für neue Mobilität aufmischt. Auch Internetriesen wie Alibaba oder Tencent bieten Milliarden an Kapital und einiges an Knowhow für das vernetzte Auto der Zukunft. Doch inzwischen wollen so manche Tech-Konzerne auch auf eigene Faust ganze Autos bauen — oder zumindest direkt daran mitwirken. Dadurch hat im Autosektor eine einzigartige Phase der Kooperationen begonnen: Firmen verschiedenster Expertise teilen sich den Bau der Vehikel für die Zukunft: Autobauer, Tech-Firmen, Software-Startups oder Batteriehersteller. Und nirgendwo ist dieser Trend so sichtbar wie in China.  

Der Handy- und Haushaltselektronikhersteller Xiaomi etwa will Milliarden in die Entwicklung einer E-Auto-Produktion investieren. Dazu hat es eine Tochterfirma gegründet, die von Xiaomi-Gründer Lei Jun persönlich geleitet wird. Im März kündigte Xiaomi zwei elektrische Volumenmodelle und zwei Premiumfahrzeuge an. Sie sollen in einer neuen Fabrik in Peking vom Band laufen; für die Produktion war Xiaomi auch in Gesprächen mit Partnern. Ob daraus etwas wurde, ist noch unbekannt. Aber einen Prototypen will Xiaomi noch 2022 vorstellen. Die Szene nimmt das erfolgsverwöhnte Unternehmen durchaus ernst, nicht nur weil es – anders als die E-Startups - über reichlich eigenes Kapital verfügt. Xiaomi hat bisher immer ein gutes Gespür für Trends gezeigt — auch bei seinen stylischen Haushaltsprodukten vom Reiskocher bis zum Staubsaugerroboter. 

Ein weiterer neuer Player ist der taiwanische Elektronikkonzern und Apple-Auftragsfertiger Foxconn. Dieser hat eine offene Soft- und Hardwareplattform für Elektroautos namens MIH entwickelt. Darauf sollen Stromer der Marke Foxtron entstehen. Im Oktober 2021 stellte Foxconn in Taipeh seine ersten drei E-Fahrzeuge vor: eine Limousine, einen SUV und einen Bus. Auch vereinbarte das Unternehmen mit Chinas größtem privaten Autobauer Geely, Elektroautos für andere Marken in Lizenz zu produzieren. Hinzu kommen eine Produktionspartnerschaft mit dem US-Startup Fisker und ein Elektro-Joint Venture in China mit dem Stellantis-Konzern für die Entwicklung von Netztechnologien im Auto.

Diese Vielfalt ist typisch: Kaum jemand setzt alles auf eine Karte. Die Konzerne wollen überall mitmischen, um am Ende irgendwo zu profitieren. Das Elektrosegment wächst in China zuverlässig — anders als derzeit der Gesamtmarkt für Pkw. Im ersten Quartal wurden in China 1,07 Millionen Pkw mit neuen Antrieben (NEV) verkauft, 146,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Rotes Geely-Modell vor einer Häuserwand in China
Geely will durch die Partnerschaft mit Baidu auf dem Feld der Mobilitätsdienste Fuß fassen. (Bild: Geely)

Immer mehr Tech-Konzerne im Autobau engagiert  

Derweil baut der chinesische Elektropionier BYD ein Joint Venture mit dem Tech-Startup Momenta auf, um gemeinsam autonome Fahrtechnologien zu entwickeln. Das Gemeinschaftsunternehmen namens DiPi Intelligent Mobility soll nach Angaben beider Firmen die Expertise von BYD im Automobilsektor mit der Erfahrung von Momenta in Sachen intelligenter Fahralgorithmen kombinieren. Zugleich kooperiert Momenta mit dem Staatskonzern und VW-Partner SAIC: Sie starteten gemeinsam in einem Viertel Shanghais Tests mit öffentlichen Robotaxis.

Für den Telekommunikationsausrüster Huawei wiederum ist der NEV-Sektor eine dringend benötigte Alternative für das durch Sanktionen der USA stark angeschlagene Smartphone-Geschäft. Daher lässt Huawei sich auch nicht lumpen und steckt laut Medienberichten eine Milliarde US-Dollar in die Entwicklung von Technologien für Elektroautos und autonomes Fahren. Selbst Autos bauen will der Konzern nach eigener Aussage aber nicht. Stattdessen kooperiert Huawei unter anderem mit dem Ridehailing-Riesen Didi Chuxing. Didi wiederum vereinbarte vor einem Jahr mit Volvo den Aufbau einer selbstfahrenden Testflotte in China.

Was können Chinas Tech-Konzerne besser?

Den klaren Vorteil der Tech-Firmen im technikaffinen Asien hob Foxconn-Konzernpräsident Young Liu bei der Autopräsentation letzten Oktober hervor: Bei Fachwissen zu Software und Computerchips sei Foxconn vielen traditionellen Autobauern voraus. Die Elektroautos der Zukunft stecken voll intelligenter Technologie, sie sind vernetzt, haben riesige Touchscreens im Cockpit, können vieles selbst — traditionelle Elemente wie Karosserie oder Motor spielen aus Sicht der Tech-Player und vieler Kunden in China dagegen nicht mehr die Hauptrolle.

Baidu-Chef Robin Li beschrieb es so: „Wir glauben, dass die Autos der Zukunft Robocars sein werden. Das Robocar wird nicht nur Ihr Fahrzeug sein, sondern auch Ihr Fahrer, Ihre Sekretärin und Ihr persönlicher Assistent.“ Die Autos werden laut Li kommunizieren und lernen. In Baidus Vision ist der künftige intelligent gesteuerte Verkehr das Ergebnis einer tiefen Integration von Technologien wie künstlicher Intelligenz (KI), 5G und Cloud-Computing in das Transportwesen — vom smarten Auto bis hin zu intelligenten Straßen.

Weil die globale Autoindustrie nach wie vor unter der Halbleiterknappheit leidet, hat sich Foxconn im August 2021 eine Chipfabrik des taiwanesischen Herstellers Macronix International einverleibt. Bis 2024 soll diese Halbleiter für 30.000 Elektrofahrzeuge pro Monat liefern können. Baidu brachte 2018 eigene Chips namens Kunlun auf den Markt. Inzwischen produziert es bereits die zweite Generation dieses Chips. Der Kunlun2-Chip soll Geräten dabei helfen, riesige Datenmengen zu verarbeiten und laut Baidu im autonomen Fahren eingesetzt werden.

Derweil zieht beim autonomen Fahren in China das Tempo an. Die Regierung sieht die Mobilität der Zukunft als Schlüsselsektor und fördert das Segment entsprechend. China habe inzwischen sieben Testgebiete für autonomes Fahren eingerichtet, sagte kürzlich Sun Wenjian, Sprecher des Transportministeriums. Damit sollen möglichst viele Startups die Chance bekommen, ihre Robotaxis zu realen Bedingungen auszuprobieren.

Baidu und Pony.ai werden in der „High-level Automated Driving Demonstration Area“ (BJHAD) im Distrikt Yizhuang unterwegs sein. Auf 60 Quadratkilometern leben dort 300.000 Einwohner — das Gebiet ist also ziemlich groß für eine Testregion. Dort darf Baidu zunächst 10 fahrerlose Fahrzeuge einsetzen. Später sollen 30 weitere hinzukommen. Sowohl Pony.ai als auch Baidu betreiben in der BJHAD bereits Flotten mit einem Sicherheitsfahrer — allerdings auf viel kleinerem Raum. Auf einer Fläche von etwa drei Quadratkilometern fahren 10 Apollo-Taxis Passagiere acht Haltestellen im Shougang Park an — dem Schauplatz der Ski Freestyle-Big Air-Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen im Februar, und direkt neben einem ehemaligen Stahlwerk gelegen. Produziert wurden diese Autos von der lokalen Luxusautomarke Hongqi des Staatskonzerns FAW Group.

Baidu und Pony.ai werden die Fahrt in ihren vollautonomen Taxis zunächst kostenlos anbieten und dazu jeweils auch eine eigene App für die Buchungen. Eine Genehmigung für bezahlte Fahrten steht noch aus. Generell könnte ein solches Robotaxi in großen Städten wie Shanghai etwa 18 Bestellungen pro Tag generieren, sagte Wei Dong von Baidu in dem Interview. Apollo Go soll bis 2025 auf 65 Städte und bis 2030 auf 100 Städte in ganz China ausgeweitet werden. Bisher betreibt das Unternehmen 300 selbstfahrende Robotaxis. Der Service könnte in einigen Regionen schon in drei Jahren profitabel werden, kündigte Wei an. Details nannte er aber nicht. Es bleibt spannend.

Sie möchten gerne weiterlesen?

Registrieren Sie sich jetzt kostenlos:

Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

Mit der Registrierung akzeptiere ich die Nutzungsbedingungen der Portale im Industrie-Medien-Netzwerks. Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie sind bereits registriert?